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Mit einer Karotte verwöhnt Friedrich Reiter seinen Rammler H55 3771, der ihm schon viel Freude bei Kaninchen-Schauen bereitet und Preise heimgeholt hat.

Gilchings letzter Kleintierzüchter

Warum H55 3771 nicht im Brattopf landet

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Körperform, Haltung und Fellfarbe - bei Kaninchen-Schauen müssen die Karnickel von Friedrich Reiter aus Gilching hohe Standards erfüllen. Aber Friedrich Reiter bereitet seine Schützlinge gut auf die Wettbewerbe vor. 

Gilching – Mit den Kaninchendamen Mimi, Mumm und einem zum Hasenstall umgebauten alten Schrank hat 1970 alles angefangen. „Die ersten Kaninchen habe ich gezüchtet, weil die kleine Schwester meiner Frau damals unbedingt welche haben wollte“, erzählt Kleintierzüchter Friedrich Reiter (74) aus Gilching. Die Begeisterung seiner Schwägerin für die Tiere ließ nach, doch Friedrich und Annemie Reiter (71) sind die Karnickel geblieben. 22 Exemplare der Rasse „Kleinsilber hell“ leben mittlerweile in der Scheune der Reiters, acht Eltern- und 14 Jungtiere. Diese Karnickel haben aber nicht an Ostern ihren großen Auftritt, sondern bei zahlreichen Kaninchen-Schauen. Dort präsentiert Friedrich Reiter seine Zuchthasen und verkauft den Nachwuchs.

„Das Kaninchenzüchten wurde für mich zum Hobby“, erzählt der gelernte Flugzeugbauer, der 1977 den Kleintierzuchtverein (KTZV) B60 Fünfseenland mitgründete. Damals hatte der Verein 14 Mitglieder, in den 1980er Jahren waren es mehr als 200. Heute ist der Verein jedoch wieder auf 30 Kleintierfreunde geschrumpft.

Friedrich Reiter ist der letzte Kleintierzüchter im Landkreis Starnberg

Im Landkreis Starnberg ist Friedrich Reiter mittlerweile der einzige Kaninchenzüchter. „Es gibt generell nur noch sehr wenige junge Kleintierzüchter“, sagt der 74-Jährige. Die Gründe dafür sind verschieden. „Oft haben die Nachbarn etwas dagegen, bei anderen ist es der Platzmangel oder nachlassendes Interesse.“ Es gebe einfach zu viele andere Hobbys, die weniger aufwendig sind, vermutet der 74-Jährige. „Fußballschuhe stellt man in die Ecke, wenn man nicht mehr spielen möchte, und dann hat man seine Ruhe“, sagt er. Das Kaninchenzüchten mache dagegen jeden Tag Arbeit und man muss praktisch durchgehend vor Ort sein.

Seine Schützlinge füttert Friedrich Reiter zweimal täglich immer zur gleichen Zeit – morgens um 8 und abends um 19 Uhr. Auf dem Speiseplan stehen Heu, Löwenzahn und Kraftfutter. Außerdem müssen die Ställe wöchentlich gereinigt und das Stroh ausgetauscht werden. Und natürlich brauchen auch die Kaninchen-Schauen, die von Oktober bis Januar stattfinden, viel Vorbereitung.

Ab September bekommen die Kaninchen Sonnenblumenkerne ins Essen

So beginnt Friedrich Reiter im September damit, den Tieren Sonnenblumenkerne ins Essen zu mischen. „Die Kerne sorgen für glänzendes Fell“, erklärt der 74-Jährige. Um bei ihrem großen Auftritt die Jury zu überzeugen, muss auch die Performance der Kaninchen sitzen. „Das Tier darf nicht liegen, es sollte einen richtigen Stand haben, den sogenannten Katzentritt“, erklärt Friedrich Reiter. Mit Kaninchen H55 3771 zeigt er, wie es richtig geht.

Der Rammler hebt auf Kommando seinen Oberkörper leicht an und streckt die Vorderpfoten aus. H55 3771 ist ein Profi, doch bei Jungtier B60 297 klappt es noch nicht auf Anhieb. Mit ihm und einigen seiner Kameraden muss Friedrich Reiter noch üben.

Neben anmutiger Haltung und glänzendem Fell sind eine silbrige Fellfarbe sowie der richtige „Stich“ entscheidend. Bei Kleinsilber-hell-Kaninchen ist letzteres eine schwarze Unterfellfärbung, die unter dem silber-weißen Deckhaar durchscheint.

Strenge Standards bei Größe und Gewicht gilt es zu erfüllen

Auch in puncto Größe und Gewicht müssen die Zuchtkaninchen strengen Standards entsprechen. Sie dürfen nicht weniger als 2,5 und nicht mehr als 3,25 Kilo auf die Waage bringen. „Ein perfektes Kleinsilber-hell-Kaninchen ist zudem 40 bis 45 Zentimeter groß, nur halb so breit wie groß und hat einen walzenförmige Körper“, sagt Friedrich Reiter. Sogar die Löffellänge ist ein Rassekriterium: 8,5 bis 10,5 Zentimeter sind die idealen Ohren lang.

Kaninchen, die für die Ausstellungen nicht geeignet sind oder schlecht abschneiden und deshalb nicht zu verkaufen sind, werden früher oder später „der Küche zugeführt“, berichtet Friedrich Reiter. Für die Karnickel geht es bei den Schauen deshalb um die Wurst – beziehungsweise darum, nicht selbst zum Braten zu werden.

Obwohl die Kaninchenzucht also sicher nicht für Zartbesaitete geeignet und mit viel Aufwand verbunden ist, gibt es für Friedrich Reiter kein schöneres Hobby. „Es ist wie eine Sucht“, erzählt er. „Der Umgang mit den Tieren macht Spaß und im Verein tausche ich mich mit Gleichgesinnten aus.“ Früher hatte er vor, das Züchten mit 70 an den Nagel zu hängen. Das ist jetzt vier Jahre her, doch mittlerweile steht für den Gilchinger fest: „Ich mache das solange, wie es irgendwie geht.“ Damit dürfte die letzte große Karnickelhochburg des Fünfseenlandes den Kleintierfreunden im Landkreis zumindest noch eine Weile erhalten bleiben.

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