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Ein letztes Bild , bevor der Verkehr rollt: die Lärmschutzgalerie bei Gilching.

Lärmschutz an der A96

Betonkolosse kurz vor Eröffnung

  • Hanna von Prittwitz
    vonHanna von Prittwitz
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Vier Wochen noch. Dann fahren täglich tausende von Fahrzeugen durch die Lärmschutzgalerien auf der A 96 bei Gilching und Germering. Eine Eröffnungsparty gibt es nicht – wegen Corona. Aber der Starnberger Merkur warf vor Inbetriebnahme noch schnell einen Blick in die Galerie bei Gilching.

Gilching – In der Waldkolonie in Gilching hat sich das Leben verändert. „Den Gesang der Vögel haben wir hier früher kaum gehört“, sagt ein Anwohner. Zu nah verläuft die Autobahn entlang der Wohnbebauung. Heute ist von ihr nichts mehr zu sehen, und auch nicht zu hören. Die 600 Meter lange Galerie schluckt alles. Sie überspannt die dreispurige Richtungsfahrbahn in Richtung Lindau und dämpft zugleich den Lärm der Fahrbahn nach München. Statt auf eine Lärmschutzwand und Autobahn schauen die Menschen nun auf eine helle Betonwand.

Direkt dahinter, etwas tiefer, rollt ab Ende Juni der Verkehr, werden die jetzigen zwei Richtungsfahrbahnen in Richtung Lindau auf die drei Fahrbahnen in die Galerien bei Germering und Gilching verlegt. Die beiden Lärmschutzgalerien sind einmalige Bauwerke in Bayern. „So etwas gibt es in Bayern sonst nirgends“, sagt Heiner Glückmann, Projektleiter für die Gesamtmaßnahme.

Im Frühjahr 2017 begann der sechsspurige Ausbau

Im Frühjahr 2017 begann der sechsspurige Ausbau auf dem 8,9 Kilometer langen Teilstück zwischen Germering und Gilching. Wenig später nahmen Arbeiter den Bau der Lärmschutzgalerie in Germering in Angriff, im Frühjahr 2018 liefen die Arbeiten in Gilching an. Ende des Jahres, im November, soll der gesamte sechsspurige Ausbau abgeschlossen sein, alles wie geplant.

Inspizieren die Druckerhöhungsanlage für das Löschwasser: Heiner Glückmann (l.) und Peter Rolshausen im Betriebsgebäude in Gilching.

Die Betonwerke sind baugleich, aber unterschiedlich lang. 973 Meter Länge hat die Galerie in Germering zu bieten, 523 sind es in Gilching auf Höhe der Waldkolonie. Für beide gibt es jeweils ein Betriebsgebäude. In dessen Innern schaut es ein bisschen aus wie in einer Kommandozentrale. Auf mehreren Bildschirmen flimmern die Aufnahmen der rund 20 Kameras, die in und an der Galerie Gilching montiert sind. Die gleichen Bilder sehen die Mitarbeiter in der Betriebszentrale in Freimann, die südbayernweit einen Blick auf die Technik und die Verkehrslage der Autobahnen hat. Im Gegensatz zu den Betriebsgebäuden in Gilching und Germering aber ist diese rund um die Uhr besetzt.

Im Keller des zweistöckigen Gilchinger Gebäudes an der Kosthofstraße befindet sich neben Kabeln, Elektrik und Technik auch ein Reservoir für Wasser: 72 Kubikmeter lagern dort für den Brandfall. „Das ist so vorgeschrieben“, erklärt Ingenieur Peter Rolshausen, der für die Betriebstechnik zuständig ist. Im Raum davor steht eine Druckerhöhungsanlage, sie stellt die erforderlichen sechs Bar an den Hydranten in der Galerie sicher. „Ohne dürften wir das alles hier gar nicht in Betrieb nehmen.“

Technik gibt es auch in den Galerien jede Menge

Technik gibt es auch in den Galerien jede Menge. „Für uns sind das Tunnelbauwerke“, sagt Rolshausen. Das heißt, es gibt Fluchtwege, Brandschutzmaßnahmen, Funk für die Rettungsdienste, Beleuchtung, alles. Die Richtlinien sind streng. In den Galerien gilt Tempo 100 km/h. Im Brandfall werden die Galerien gesperrt wie ein Tunnel. Nur auf eine Belüftung konnten die Planer verzichten.

Dass der Rauch im Brandfall trotzdem perfekt abzieht, haben Autobahndirektion, Baufirmen und Feuerwehr erst vor wenigen Wochen getestet (wir berichteten). „Das hat funktioniert“, sagt Rolshausen zufrieden. Der Rauch habe sich an der Tunneldecke gesammelt und sei dann über die offenen Seiten abgezogen. Deren Konstruktion habe es im Vorfeld aber auch in sich gehabt. „Sie haben hier ständig wechselnde Lichtverhältnisse. Da haben wir lange überlegt“, sagt er. Mächtige Betonstreben stützen die Decke der Galerien, die fünf Meter hoch sind.

27 510 Kubikmeter Beton haben die Arbeiter in der Galerie Germering verbaut

Neben den drei Fahrbahnen à 3,75 Meter gibt es eine 2,50 Meter breite Standspur. Falls die Autobahn Richtung München gesperrt wird, kann der gesamte Verkehr durch die Galerien geleitet werden. Wo wir schon bei Zahlen sind: 27 510 Kubikmeter Beton haben die Arbeiter in der Galerie Germering verbaut, in Gilching waren es 15 020. Dazu kommen Unterführungen, Schächte und Verfüllungen. In Summe stecken in den Lärmschutzgalerien fast 50 000 Kubikmeter Stahlbeton. Die Kosten für den sechsspurigen Ausbau betragen rund 130 Millionen Euro, Galerien und Lärmschutzwände liegen bei rund 60 Millionen Euro.

Planung und Bauzeit liefen wie am Schnürchen, trotz und ein bisschen auch wegen Corona. „Der Verkehr ist zwischenzeitlich deutlich zurückgegangen – das war für die Bauarbeiten eine Erleichterung. Einige Arbeiten, die wir nachts geplant hatten, konnten wir tagsüber erledigen“, sagt Glückmann. Ausfälle beim Personal habe es nicht gegeben.

Für die technischen Arbeiten in der Galerie allerdings war der Rückgang des Verkehrs weniger relevant. Nur der Lärmpegel, der hat sicher für Erleichterung gesorgt. Jetzt ist eine Unterhaltung in der Galerie bei coronabedingtem Sicherheitsabstand schwierig, zu laut schallt der Krach der Fahrzeuge über die offenen Seitenwände in die hohen Hallen. Tunneldecken und Seiten sind voller Technik und Kabel, Lampen, Kameras. Das Licht in den Tunneln wird je nach Tageszeit gesteuert: Bei grellem Sonnenlicht halten Strahler im Inneren dagegen, „damit die Autofahrer nicht ins Dunkle fahren“, erklärt Glückmann. Auch nachts brennt derzeit immer Licht: Denn die Galerien sind ein beliebtes Objekt bei Sprayern. Auch die Kameras laufen immer. Für Kennzeichenerfassung seien sie zu unscharf, erklärt Rolshausen, „aus Gründen des Datenschutzes“. Dennoch hat die Polizei mit ihrer Hilfe auf der Baustelle in Germering schon Kabeldiebe überführen können. „Bei Sprayern ist uns das leider noch nicht gelungen.“

Vier Wochen also noch bis zur Fahrbahnverlegung. Ruhe herrscht auf der Baustelle bis dahin nicht, denn jetzt, da alles fertig ist, kommt der Flüsterasphalt, der rund 25 Meter in die Galerien hineinreicht. Er ist empfindlich. Auf Höhe Germering geht der Ausbau der Fahrbahn ins Finale. Ab November sollte dann die Baustelle aufgelöst sein und der Verkehr auf sechs Spuren rollen können. Mit der Arbeit geht es aber auch dann noch weiter. „Die betriebstechnischen Einbauten werden durch Abgase, Dreck und Salz stark beansprucht und müssen deshalb oft in kürzeren Intervallen ausgetauscht werden“, kündigt Rolshausen an.

Auch die Kosten laufen weiter: Rund 150 000 Euro Stromkosten verschlingt die Galerie in Gilching im Jahr, in Germering sind es 230 000 Euro. Lärmschutz hat seinen Preis.

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