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Gilchings Bürgermeister Manfred Walter: „Kleine Delle tut der Entwicklung ganz gut“

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Von: Peter Schiebel

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Willkommen in Gilching: Manfred Walter von der SPD ist seit 14 Jahren Bürgermeister der Gemeinde.
Willkommen in Gilching: Manfred Walter von der SPD ist seit 14 Jahren Bürgermeister der Gemeinde. © Andrea Jaksch

Gilchings Bürgermeister Manfred Walter spricht im Interview mit dem Starnberger Merkur über Bevölkerungsrückgang und wichtige Projekte im Ort.

Gilching – Mit dieser Tatsache verblüffte Gilchings Bürgermeister Manfred Walter in der Bürgerversammlung Ende November die Zuhörer: Erstmals seit Menschengedenken ist die Einwohnerzahl der drittgrößten Landkreis-Gemeinde im Jahr 2021 gesunken. 19 470 Bürger zähle die Gemeinde, sagte Walter, das sei ein Rückgang um 87 Menschen. Die Herausforderungen für Gilching sind deswegen aber nicht kleiner geworden – da ist sich der Bürgermeister sicher.

Herr Walter, wie fühlt es sich an, Bürgermeister einer schrumpfenden Gemeinde zu sein?

Sehr ungewohnt. Das ist für uns in der Tat eine völlig neue Situation. Wir haben in den letzten Jahren ja immer mit einem Auge drauf geschaut, wann wir die Zahl von 20 000 Einwohnern erreichen. Wenn der Zuzug der letzten Jahre so weiter gegangen wäre, wäre das vermutlich 2022 oder 2023 der Fall gewesen. Jetzt diese kleine Delle tut der Entwicklung aber auch mal ganz gut. Das gibt uns Zeit, uns zu konsolidieren.

Inwiefern?

Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel Geld in Kinderbetreuungseinrichtungen investiert. Da ist aktuell ein bisschen der Druck raus. Die Situation ist nicht mehr so dramatisch, wie sie schon mal war. Im Kindergartenbereich haben wir für jeden einen Platz, bei den Krippen gibt es eine kurze Warteliste. Den größten Bedarf gibt es bei der nachschulischen Betreuung. Und da bereitet mir außerdem der Rechtsanspruch vom Jahr 2026 an Sorgen.

Weil neue Kosten auf die Gemeinde zukommen?

Es wäre ja betriebswirtschaftlicher Irrsinn, wenn wir womöglich Millionen für neue Häuser ausgeben müssen, weil die Kinder nach der Schule nicht in der Schule betreut werden dürfen, sondern in anderen Räumen. Dass dann anderes Personal kommt, okay, aber ansonsten. Ich weiß nicht, wie hoch der Bedarf ist und wie viele Gebäude wir brauchen. Und ich habe auch kein Grundstück dafür.

Das ist noch Zukunftsmusik. Was tut sich kurzfristig beim Thema Kinderbetreuung?

Die Fläche des ehemaligen Jugendhauses an der Weßlinger Straße ist bereits gerodet. Dort beginnen wir heuer mit dem Bebauungsplanverfahren für eine neue Kinderkrippe mit sechs Gruppen. Und an der Herbststraße ist Baubeginn für eine neue Kindertagesstätte mit 50 Kindergarten- und 36 Krippenplätzen. Sie ersetzt die in die Jahre gekommenen Container der BRK-Schatzkiste auf dem Festplatz. Ich erwarte die Baugenehmigung so, dass wir im März, April anfangen können.

Im Fokus steht nicht nur die Kinderbetreuung, sondern auch die Feuerwehr. Zwei neue Gerätehäuser stehen auf der Agenda, eines für Gilching, eines für Geisenbrunn.

Das sind finanziell die größten Projekte, die wir vor uns haben. In Gilching sind wir dabei, den Bauantrag fertigzustellen. Unser Planungsbüro rechnet mit der Genehmigung kurz vor Weihnachten 2022. Das heißt, wir müssen uns für den Haushalt 2023 mit der Finanzierung auseinandersetzen. Wir reden von etwa 17 Millionen Euro, die wir finanzieren müssen. In Geisenbrunn sind wir noch nicht so weit.

Der Bau wird per Darlehen finanziert, so wie das neue Rathaus?

Ja, es fehlt uns an den notwendigen Eigenmitteln. Bei der Darlehensfinanzierung des neuen Rathauses haben wir positive Erfahrungen gemacht mit 0,86 Prozent Zinsen auf 30 Jahre fest. Aber jedes Darlehen muss natürlich auch getilgt werden. Und das macht den finanziellen Spielraum im Haushalt kleiner.

Gefühlt ins Stocken geraten ist die Sanierung der Römerstraße. Mit dem Neubau der Raiffeisenbank wird das zentrale Vorhaben aus privater Hand in diesen Wochen fertig, aber von Gemeindeseite aus tut sich nichts.

Die Umgestaltung der Römerstraße ist Teil des Mobilitätskonzepts, das wir in Auftrag gegeben haben. Und wir wollen keine Einzelmaßnahmen vorziehen. Der Planer nimmt noch im Januar seine Tätigkeit auf, allerdings nicht nur an der Römerstraße, sondern auch in der Waldkolonie. Die Römerstraße ist relativ aufwendig, weil wir von Hauswand zu Hauswand planen. Die privaten Eigentümer sind also auch involviert, bekommen aber auch Zuschüsse aus der Städtebauförderung. Ich denke, dass wir nächstes Jahr Ergebnisse vorliegen haben.

In der Verlängerung der Römerstraße, also Am Römerstein, plant die Gemeinde ein kleines Stück Einbahnstraße , das Auswirkungen auf den Verkehr Richtung Gut Hüll, Gauting und Krailling hat. Sie haben die Polizei erst mit Verspätung in die Überlegungen eingeschaltet. Wie ist der Stand der Dinge?

Die Polizei hat mittlerweile ihre Stellungnahme abgegeben. Sie stimmt den Plänen zu. Wir werden das Thema in der nächsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Energie und Verkehr im März beraten.

Mit der Polizei gab es auch Diskussionen rund um die zwischenzeitlich aufgebaute Ampel samt geänderter Vorfahrt an der Einmündung Münchner Straße. Wie geht es dort weiter?

Das Landratsamt hat uns gebeten, den gesamten Straßenzug in einem Guss zu sehen. Das heißt, dass wir aktuell nichts an der Situation ändern werden. Das einzige, was wir derzeit überlegen, ist, eine schlankere Lösung für das Ampelprovisorium hinzukriegen. Das Provisorium ragt doch sehr in die Fahrbahn hinein. Es hat sich sogar schon der Rettungsdienst gemeldet, dass es dort zu brenzligen Situation kommen könnte.

Baustellen wird es an anderen Stellen geben. Die noch immer neuen Gemeindewerke gehen das Thema Fernwärme an.

Das stimmt. Fernwärme spielt bei der Energiewende eine große Rolle. Wir werden im Jahr 2022 entlang der Landsberger Straße die Leitungen verlegen, 2023 ist die Sonnenstraße an der Reihe. Das ist zwar sehr viel Arbeit und es kostet auch viel Geld, aber das macht mich auch sehr stolz. Ich kenne keine anderen Gemeindewerke, die sich so sehr um das Thema kümmern wie unsere. Wir werden Millionen bewegen und hoffen, dass möglichst viele mitmachen. Allerdings wird uns das nur gelingen, wenn die Kunden für Fernwärme nicht sehr viel mehr bezahlen als für Gas oder Öl. Unter anderem vom Preis hängt deswegen auch der Erfolg der Tiefengeothermie ab. Wenn das klappt, ist das ein sehr guter Beitrag zur Klimaneutralität. Wenn nicht, müssen wir uns einen anderen Energieträger suchen.

Beschlossen ist die Freiflächenfotovoltaikanlage an der Autobahn bei Geisenbrunn. Was ist mit Windrädern?

Im Flächennutzungsplan ist ein Bereich an der Grenze zu Schöngeising für Windkraft vorgesehen. Das ist von der Topografie her der höchste Punkt. Ein bis zwei Räder könnten dort entstehen. Allerdings scheitert das bislang an der Radarführungshöhe. Sollte es uns irgendwann gelingen, wäre Gilching rechnerisch vom Strom her autark, von der Wärme allerdings noch nicht.

Gilchings Gewerbegebiete gehen der Vollendung entgegen, sowohl am Porsche-Kreisel als auch südlich der Autobahn. Was kommt danach?

Aktuell haben wir keine Grundflächen für Gewerbe mehr, allerdings bekomme ich pro Woche drei bis vier Anrufe von Firmen, die ein Grundstück suchen. Perspektivisch sind wir gut damit beraten, unser altes Gewerbegebiet aus den 1980er-Jahren zu revitalisieren. Das ist nicht mehr schön und wird auch nicht mehr richtig genutzt. Wir haben allein 40 Wohnungen dort identifiziert, von denen mit Sicherheit nicht alle zulässig sind. Das ist aber nichts, was in fünf Jahren geht. Da reden wir eher über die nächsten zehn, 15, 20 Jahre. Wir führen bereits Gespräche mit einem externen Berater. Die Grundstückseigentümer werden im Frühjahr eingebunden. Dort, im Norden, gibt es auch noch ein paar Hektar Fläche. Da reden wir von einer Arrondierung bis zur Westumfahrung. Es geht allerdings nur um Gilchinger Bedarf und nicht um externe Unternehmen, die wir neu ansiedeln wollen.

Die hat Gilching in den vergangenen Jahren gerne aufgenommen. Wo sehen Sie dann Möglichkeiten?

Bei anderen Gemeinden entsteht jetzt die Chance, Unternehmen unterzubringen. Auf Gautinger Flur am Flughafen und auf Weßlinger Flur auf dem Flughafengelände zum Beispiel ist ausreichend Potenzial vorhanden.

Wie haben Sie im zweiten Corona-Jahr die Stimmung in Gilching wahrgenommen?

Einerseits hat sich eine gewisse Corona-Routine entwickelt, andererseits spüre ich, dass die Menschen immer unzufriedener und sensibler werden. Die Pandemie zieht die Menschen runter. Vielleicht spielt dabei auch eine gewisse Überforderung eine Rolle. Wir hatten jetzt zwei bis drei Generationen, die massive Probleme der Gesellschaft nie erlebt haben. Wir sind nicht mehr trainiert im Umgang damit. Dennoch muss jeder seinen Beitrag leisten. Deswegen reagieren manche über.

Und wie ist die Stimmung im Gemeinderat? 2021 hat es mal geknirscht und mal gekracht, zum Beispiel bei der Diskussion um die Verkehrsführung auf der Talhofstraße.

Wir sind mit Corona gestartet, und seitdem fehlen Kommunikationsschnittpunkte. Die Gemeinderatssitzung beginnt mit der Sitzung und endet damit, das ganze Vorher und Nachher fehlt. Aber ich schaue mit Zuversicht auf die nächsten zwei Jahre. Es war bislang immer so: Im ersten Drittel der sechsjährigen Wahlperiode muss man sich finden, und in den Jahren drei und vier arbeitet man am besten. Jetzt gehen wir ins dritte Jahr. Ich glaube, wir haben mittlerweile einen guten Umgang gefunden, um miteinander zu arbeiten. Und ich würde auf gar keinen Fall sagen, dass wir eine schlechte Stimmung haben.

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