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Trotzt mit Fröhlichkeit der Krise: Schuster Nikolaus Aschberger in seiner Werkstatt unweit des S-Bahn-H alts Neugilching. Er ist der Letzte seiner Zunft in der Gemeinde. 

Schusterhandwerk in Gilching

Der Letzte seiner Zunft

Immer weniger Menschen lassen ihre Schuhe reparieren, wenn sie kaputt sind. Der letzte Schuhmacher Gilchings kann davon ein Lied singen. Ein Besuch in der Werkstatt von Nikolaus Aschberger.

Gilching – Er ist der Letzte seiner Zunft. Aber obwohl Nikolaus Aschberger (54) an der Sonnenstraße aktuell die einzige Schusterwerkstatt in ganz Gilching betreibt, sind die Aufträge seit Jahren rückläufig. Und nun hat der Corona-Lockdown weitere Löcher in die angespannte Auftragslage gefressen.

Das Schusterhandwerk ist für Aschberger, der in Fürstenfeldbruck lebt, mehr als nur ein Broterwerb: „Ich liebe es“, sagt er. Im Jahr 1996 entschloss sich der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann zum Umsatteln und eröffnete seine eigene Schusterwerkstatt an der S-Bahnstation Neugilching. Schon damals gab es kaum Konkurrenz in Gilching, lediglich ein um die Ecke angesiedelter Orthopädiefachhandel bot Schuhreparaturdienste an. „In den 90er Jahren ist viel repariert worden“, sagt Aschberger (54), der mittlerweile von seiner Werkstatt alleine nicht mehr leben kann.

Obwohl er in der eigenen Gewerbeimmobilie keine Miete zahlen muss, sah sich der zweifache Vater vor rund vier Jahren gezwungen, einen Zweitjob anzunehmen. Seitdem arbeitet er auch als Luftsicherheitsbeauftragter am Flughafen München und kontrolliert dort von Donnerstag bis Samstag Gepäck und Personen. „Ein zweites Standbein, weil die Leute weniger reparieren lassen. Die Aufträge sind geschrumpft.“

Zwei Schusterkollegen hätten ihre Geschäfte in Einkaufszentren bereits dicht machen müssen, sagt Aschberger und spricht vom generationenbedingten Aussterben der Kundschaft: „In den letzten drei bis vier Jahren haben bayernweit wahrscheinlich 30 bis 40 Prozent der Schuster dicht gemacht“.

Aschbergers Werkstatt ist aufgeräumt und übersichtlich. Ganze zehn Schuhpaare hat er an diesem Tag angenommen. Während des Interviews treibt eine Stammkundin den Tagesdurchschnitt in die Höhe und bringt neben zwei zu nähenden Taschen auch sechs Lederschuhe vorbei. Eine Ausnahme – oft hat der 54-Jährige seine Reparaturarbeiten allzu schnell erledigt, wenn er von montags bis mittwochs zwischen 10 und 18 Uhr die Stellung hält.

Den Umstand, dass die Deutschen den Weg zum Schuster oft nicht mehr gehen, schreibt der 54-Jährige auch den vielfältigen Discountangeboten zu: „Billigware schmeißen die Leute generell weg.“ Aber auch teure Schuhe lassen die nachwachsenden Generationen kaum mehr reparieren und tendieren eher zum Neukauf. „Meine Töchter sind 19 und 25 Jahre alt und tragen nur Turnschuhe. Sie kommen nur zum Kleben, vielleicht muss mal ein Absätzchen gemacht werden.“

Die Zeiten, in denen die Damen noch tütenweise Stöckelschuhe ins Geschäft brachten, haben Nostalgiecharakter. Obwohl Aschberger sein Angebot um Schlüsselfertigungen, Batteriewechsel, Gravuren und Schuhzubehör aufgestockt hat, ist ein Überleben heute nur mit dem zweiten Standbein am Flughafen möglich. Obwohl er die Folgen der Corona-Maßnahmen auch dort spürt: „Am Flughafen bin ich mittlerweile in Kurzarbeit“, sagt er. Obwohl der Flughafen Aschberger in der Zukunft gerne in Vollzeit anwerben würde, bleibt der Schuster den Gilchingern treu und will sich seinen 42 Quadratmeter großen Laden erhalten. „Die Zeiten sind schwierig. Es wäre schön, wenn die Gilchinger meine Werkstatt mehr wahrnehmen würden.“

Nilda Höhlein

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