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In Schulen wird seit Corona über vieles anders und intensiver nachgedacht. „Die Pandemie hat die Schule radikal verändert“, sagt auch Gymnasialdirektor Peter Meyer.

Corona-Bilanz: Was lief gut, was lief schlecht?

Gilchings Gymnasium-Schulleiter: „Sind auf die zweite Welle vorbereitet“

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Was waren die Herausforderungen für eine Schule in der Corona-Krise? Was hat geklappt? Was nicht? Zum Ferienbeginn blickt Peter Meyer, Leiter des Gilchinger Gymnasiums zurück - und nach vorne.

Gilching – Mit Mountainbiken und ausreichend Schlaf habe er sich in Corona-Hochzeiten fit gehalten, sagt Peter Meyer.Mit 64 Jahren gehöre er schließlich der Risikogruppe an. Der Schulleiter des Christoph-Probst-Gymnasiums in Gilching hat wie Lehrer, Schüler und Eltern eine turbulente Zeit hinter sich. Was lief gut und was nicht? Zum Beginn der Sommerferien ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Im Interview spricht Meyer über die Vor- und Nachteile eines jungen Kollegiums, über Lehrer, die Schüler mit Aufträgen bombardieren, abtauchende Pubertierende, Serverprobleme und das Konzept für die zweite Corona-Welle.

Herr Meyer, wie lautet Ihre Bilanz des Schuljahrs 2019/2020?

Auf die vergangenen vier Monate hätte ich gern verzichtet. Die Pandemie hat die Schule radikal verändert. Das war eigentlich gar keine Schule – sondern Unterricht unter besonderen Rahmenbedingungen. Für alle Beteiligten war es eine wahnsinnig anstrengende Phase. Wir wurden da alle reingeschmissen und mussten große Herausforderungen möglichst rasch umsetzen. Damit meine ich die technische Ausstattung, aber auch die unterschiedlichen digitalen Kompetenzen der Lehrkräfte.

Wie hat’s denn technisch funktioniert?

Wir waren eigentlich ganz gut aufgestellt, haben einen eigenen Server im Keller. Die Daten sind absolut sicher. Aber wir brauchen unbedingt Glasfaserkabel, weil das System immer wieder überlastet war. Das ist mit 1300 Schülern wie ein Flaschenhals. Es kamen einfach nicht alle rein. Sehr dankbar bin ich dem Schulzweckverband, der uns innerhalb weniger Tage einen neuen Server ermöglicht hat.

Welche Schwierigkeiten gab’s beim so genannten Homeschooling?

Wir haben anfangs viele Kanäle genutzt, den Schülern Aufträge per Mail, über die Lehrplattform Mebis oder anderweitig geschickt. Das hat bei Eltern für Verwirrung gesorgt. Und manchmal gingen die Aufträge um 8, um 12 und um 18 Uhr raus, die Schüler wurden teilweise zugebombt. Manche von ihnen sind abgetaucht und haben sich nicht gemeldet. Ich habe manche Eltern persönlich angeschrieben und sie in die Pflicht genommen. Die Unterstufen-Schüler haben sehr ordentlich gearbeitet, in der Mittelschule ist es – aus Pubertätsgründen – abgeflacht. Manche haben ihre Lösungen nachts um 1 Uhr geschickt.

Peter Meyer, Schulleiter des Christoph-Probst-Gymnasiums in Gilching.

Wie haben Sie sonst auf diese Probleme reagiert?

Mein Appell war: Konzentration auf die Lehrinhalte, die Voraussetzung für die Folgejahre sind. Es ist zwar schade, wenn ein Schüler jetzt nichts über ein bestimmtes Thema weiß. Aber es war nicht anders möglich. Bei Sprachen, wo die Module aufeinander aufbauen, kann man nichts weglassen. In Mathe kann ich nicht einfach auf die binomischen Formeln verzichten.

Was wird aus dem Stoff, der zu kurz kam?

Die Lehrer haben für alle Klassen und Fächer genau dokumentiert, was nur oberflächlich besprochen wurde und was gar nicht. So können sie im nächsten Schuljahr verstärkt auf bestimmte Inhalte eingehen.

Apropos Lehrkräfte: Wie haben sie sich geschlagen? Gerade im Hinblick auf das digitale Lehren?

Wir haben ein relativ junges, IT-affines Kollegium. Viele haben reichlich mit Lehrvideos und Videokonferenzen gearbeitet. Und wir hatten ein Buddy-System, bei dem ein Lehrer den anderen an die Hand nimmt – zum Beispiel bei Powerpoint-Präsentationen. So haben die weniger Affinen einen großen Sprung gemacht. Aber ich hätte mir gewünscht, dass wir das auch ohne Corona schaffen. Und wir müssen weiter daran arbeiten.

Gehörten viele Ihrer Lehrer Risikogruppen an?

Eigentlich nur zwei, unser Problem waren eher die relativ vielen Schwangeren, die ich sofort nach Hause schicken musste.

Sie haben nach drei Wochen Homeschooling rund 700 Eltern befragt, wie es läuft. Was nehmen Sie aus der Befragung mit?

Wir sind auf die zweite Welle vorbereitet. Wir haben Regularien vorbereitet, was gilt, wenn sie kommt. Zum Beispiel sollen Schüler bis Sonntag, 18 Uhr, dann alle Arbeitsaufträge für die kommende Woche erhalten. Und Feedback darf keine Einbahnstraße sein. Lösungen zu schicken, ist die einfachste Möglichkeit. Aber besser ist es, mit genauen Korrekturen auch per Video zu arbeiten. Dank eines Förderprogramms können wir bald 100 Leih-Tablets anbieten.

An Politik und Kultusministerium gab es immer wieder Kritik von Seiten der Schulen.

Das Geld, das jetzt zur Digitalisierung ins Schulsystem gepumpt wird, ist wichtig und richtig. Aber es muss eine Dauereinrichtung sein. Und ja, die Anweisungen aus dem Kultusministerium kamen oft sehr kurzfristig. Aber das ist wiederum abhängig vom Gesundheitsministerium. Es ist eine Verantwortungskette, bei der nicht Einzelnen die Schuld gegeben werden kann.

Denken Sie, die Rückkehr zum Regelbetrieb funktioniert so einfach?

Wir warten gespannt auf den Hygieneplan. Im nächsten Schuljahr haben wir rund 1400 Schüler. Wenn das Abstandsgebot fällt, brauchen wir dann Masken im Unterricht? Das sind alles Dinge, die wir nicht wissen.

Als Schulleiter mussten Sie viel koordinieren. Wie war die Zeit für Sie persönlich?

Extrem anstrengend. Man lebt in einer Riesenverantwortung und in der Angst, dass jemand erkrankt und man die Schule schließen muss. Zum Glück hatten wir nur einen Covid-19-Fall, der keine weiteren Auswirkungen hatte. Gremiensitzungen, Arbeitskreis Digitalisierung, Zweckverband: Unzähliges musste organisiert werden – zum Beispiel das Abitur unter diesen Bedingungen. Und ich musste schauen, wo die Belastung zu groß wird. Die IT-Systembetreuer haben teilweise rund um die Uhr gearbeitet. Es bestand schon die Gefahr, dass jemand zusammenbricht. Als Schulleiter hat man da eine Fürsorgepflicht.

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