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Innerhalb von fünf Sekunden weiß David Becker, ob der Grabstein sicher steht. In Argelsried waren heuer drei unsicher, in Gilching zwei – übliche Jahreswerte. 

Grabmalprüfung

Stein um Stein

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David Becker prüft, ob Grabsteine sicher stehen. Fällt einer um, kann es gefährlich werden. Sein Job klingt technisch – auf den Friedhöfen kann es aber schnell emotional werden, sagt der Statiker. Eine Grabsteinprüfung in Argelsried.

Argelsried – David Becker (31) möchte nie wieder mit einem Grabstein auf ein Grab fallen. Zweimal ist ihm das passiert, zweimal hatte er Glück. Der Statiker prüft die Standfestigkeit von Grabsteinen. Wenn er nicht aufpasst, wird es gefährlich für ihn.

Montag, 9 Uhr, Friedhof Argelsried. Becker steht in Reihe A, am ersten Grabstein. Es ist diesig, er wird heute fast den ganzen Tag draußen sein. „Ich bin schon sehr wach“, sagt Becker mit kleinen Augen. Um halb vier in der Nacht ist er im hessischen Gießen zur jährlichen Grabsteinprüfung nach Gilching gefahren. 1300 Grabsteine prüft er in Argelsried, 1700 weitere beim Friedhof St. Vitus, tausende in anderen Gemeinden kommen bis zum Abend dazu. „Schon wenn ich den Friedhof verlasse, habe ich den Otto Normalstein vergessen“, sagt Becker. Im Kopf bleiben die besonderen, wie den der Familie Siemens in Berlin. In 300 Städten und Gemeinden prüft das familiengeführte Ingenieurbüro aus dem hessischen Grävenwiesbach die Standsicherheit von Grabsteinen.

300 Newton müssen die Grabsteine aushalten

Es gibt viele Gründe, warum Grabsteine locker sein können, sagt Becker, während er sich durch die Exemplare der Reihe A arbeitet. Enkel, die sich beim Rundlauf an den Grabsteinen festhalten, ältere Menschen, die sie nach dem Unkrautrupfen daran hochziehen, die Witterung, einwachsende Pflanzen, Erschütterung. Und das Alter? „Das wäre nicht fair den älteren Steinen gegenüber“, sagt Becker. Er steht hinter einem aus dem Jahr 1868. Die Zeit hat ihn rötlich gefärbt, er ist mehrfach geflickt – aber standfest.

Das kann Becker sagen, nachdem er sein Standsicherheitsprüfgerät fünf Sekunden lang an den Stein gehalten hat. „Man drückt morgens anders als nach dem Mittagessen“, sagt er. Das Gerät zeigt aber exakt an, wann 300 Newton erreicht sind. Damit simuliert Becker, wie sich jemand anlehnt. „Wenn der Stein das nicht mehr aushält, ist Gefahr in Verzug.“ Die Steine seien für 800 Newton ausgelegt. Wackelt ein Stein bei der Belastung bedenklich, markiert ihn Becker mit einem gelben Punkt. Heißt: Dort sollte bald ein Steinmetz aktiv werden. Der Statiker hat auch rote Punkte dabei. Dann sollte ein Steinmetz umgehend aktiv werden. Je höher der Aufkleber angebracht ist, desto wackliger ist der Stein.

„Der Friedhof ist ein besonderer Ort“

Früher haben die Fachleute bei der Prüfung an den Steinen gerüttelt. „Das ist seit acht Jahren verboten. Wir wollen die Steine ja nicht kaputtmachen“, betont Becker. Vorwürfe gibt es ohnehin. „Manchmal wird uns angekreidet, dass wir vor einem Feiertag kommen.“ Manchen Angehörigen ist es unangenehm, wenn ihr Grabstein markiert wird. In Gilching beschwerte sich eine Frau gar bei der Gemeindeverwaltung, warum das so auffällig sein müsse. „Es tut uns ja leid“, sagt Becker. „Aber wir wollen für Sicherheit sorgen.“ Einmal lief ihm ein Angehöriger hinterher und entfernte jeden aufgeklebten Punkt. Becker hatte seine Fotos schon gemacht. 

„Der Friedhof ist ein besonderer Ort, viele Menschen sind emotional.“ Manchen muss er minutenlang erklären, dass er keinen Schaden anrichtet. „Es ist uns ja nicht geholfen, wenn jemand die Polizei ruft.“ Zumindest hat jemand schon mal damit gedroht, auch mit einer Anzeige. Diese zwei, drei Steine prüft Becker nicht mehr. Es sind die ganz seltenen Fälle. „99 Prozent der Leute verstehen es – auch wenn sie betroffen sind.“ Manche laufen den ganzen Weg von Becker mit, weil es sie so sehr interessiert. „Dass in den ersten fünf Jahren der Steinmetz haftet, weiß kaum jemand“, sagt Becker.

Bei manchen Friedhöfen sieht man die Grabsteine nicht

Ulrike Ziebold kommt hinzu. Die gesetzlich verpflichtende Standprüfung übernehme die Firma von Becker seit fünf Jahren, sagt die Friedhofsverwalterin. „Lange haben es Steinmetze gemacht, mit dem gleichen Gerät.“ Dann gab es Ärger unter den Steinmetzen, die Prüfer würden die Steine der anderen lockern. Seit ein Ingenieur kommt, fragt niemand mehr. Der Job ist wichtig, betont auch Ziebold. Von einem Todesfall wegen eines umgefallenen Grabsteins im Landkreis habe sie gehört.

Für Becker ist es eine Berufung. Studiert hat er Kommunikationstechnik, seit sechs Jahren ist er aber im elterlichen Betrieb. „Man ist an der frischen Luft, hat mit netten Leuten zu tun“, sagt er. Es sei ruhig, fast entspannend. Nur bei zwei, drei Friedhöfen in Ostberlin schaut Becker, dass er möglichst schnell wieder gehen kann. „Die sind so verwildert, da hat man keinen Stein mehr gesehen. Dort macht es keinen Spaß.“

Heuer sind zwei Steine bei einer seiner Prüfungen umgefallen. „Zum Glück nur in ein Beet, die konnte man einfach aufrichten.“ Aus Erfahrung weiß Becker: „Das ist so gefährlich, da hat man keine Chance. Nur noch Finger wegnehmen und es geschehen lassen.“

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