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Wissenschaftler wollen 1500 Jahre alten Leichen ein Gesicht geben

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Von: Hanna von Prittwitz

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Rund 1500 Jahre alt: Eines der ersten Bilder, die von den Skeletten bei ihrer Freilegung in Gilching im Jahr 2012 gemacht wurden.
Rund 1500 Jahre alt: Eines der ersten Bilder, die von den Skeletten bei ihrer Freilegung in Gilching im Jahr 2012 gemacht wurden.  © Uli Singer

Zehn Jahre ist es her, dass Archäologen bei Bauarbeiten an der Römerstraße in Gilching drei Skelette fanden. Namen haben die drei Bajuwaren bereits. Und bald werden die Wissenschaftler auch wissen, wie ihre Gesichter aussahen und wie sie lebten. Alle Ergebnisse sollen ab November 2023 im Schicht-Werk in Gilching zu sehen sein.

Gilching – Wenn Annette Reindel einmal loslegt, gibt es kein Halten mehr. Die Museumsleiterin des Schicht-Werks in Gilching ist völlig begeistert von den Möglichkeiten, die es heute gibt, um Hunderte Jahre alte Skelette und Fundstücke zu analysieren. Der Vorsitzenden des Vereins Zeitreise Gilching ist es zu verdanken, dass voraussichtlich ab November 2023 bei einer sogenannten Medienstation im Bajuwarenzimmer des Museums viel mehr über die drei im Jahr 2012 an der Römerstraße gefundenen Skelette zu erfahren sein wird als sonst im Rahmen solcher Funde üblich. Denn sie hat in den vergangenen drei Jahren erreicht, dass in Köln und Bozen weitere Untersuchungen vorgenommen wurden. Am Ende soll sogar die Augenfarbe der drei Bajuwaren bekannt sein. Zu 70 Prozent steht sie jetzt schon fest, „aber die Wissenschaftler wollen auf Nummer sicher gehen, daher ist das noch ein Geheimnis“, sagt Reindel.

Was bisher bekannt ist

Im September 2012 legten Archäologen auf einem Grundstück an der Römerstraße drei Skelette mit Grabbeigaben frei. Die anthropologischen Untersuchungen ergaben: Es handelt sich um zwei Männer zwischen 17 und 23 beziehungsweise 20 und 30 Jahren alt und um eine 17 bis 23 Jahre alte Frau. Um sie unterscheiden zu können, erhielten sie die Namen Kilti, Kilterich und Kiltine, abgeleitet von der ersten urkundlichen Erwähnung Gilchings als Kiltoahinga in Jahr 804. Gelebt haben sie rund zwei Jahrhunderte früher, im siebten Jahrhundert nach Christus. Dabei kamen die beiden Männer wahrscheinlich aus dem Bayerischen Wald. Auch dieser Fund führte zur Gründung des Museums Schicht-Werk, das im März 2017 in der Brucker Straße 11 eröffnet wurde.

Mit Markern werden die Weichteile am Kilti-Schädel rekonstruiert.
Mit Markern werden die Weichteile am Kilti-Schädel rekonstruiert.  © Annette Reindel

Was noch untersucht wird

Dank der Beharrlichkeit von Annette Reindel und dem Verein Zeitreise werden die Kiltis in einem aktuellen Projekt von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen weiter unter die Lupe genommen. Das Projekt, das etwa 10 000 Euro kostet und in das die Spenden der Besucher des Museums im Werson-Haus einfließen, wird vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gefördert. In dessen Rahmen finden am Eurac-Institut in Bozen beispielsweise weitergehende DNA-Untersuchungen statt, die Aufschluss über Herkunft, Haar- und Augenfarbe sowie Verwandtschaftsverhältnisse auf mütterlicher Linie ergeben sollen. „Bei allen drei Individuen war eine qualitativ hochwertige DNA-Extraktion möglich“, freut sich Reindel. Ziemlich sicher ist aufgrund der gewonnenen Daten schon: Die Bajuwaren waren nicht miteinander verwandt.

Mit einem Bohrer entnehmen Wissenschaftler aus den Fundstücken feinste Proben.
Mit einem Bohrer entnehmen Wissenschaftler aus den Fundstücken feinste Proben.  © Annette Reindel

Die Anthropologin Kristina Scheelen-Novacek aus Weimar nahm im Rahmen des Projekts sogenannte Gesichtsweichteilrekonstruktionen vor. Dazu setzte sie Schädelfragmente zusammen, versah sie mit Markern und zeichnete daraus ein Phantombild. Im dritten Teil des Projekts nahmen sich Studenten des Studiengangs Restaurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut von Dr. Nicole Reifahrt in Köln die Grabbeigaben vor. An ihnen entdeckten die Wissenschaftler mineralisierte organische Strukturen wie Textilien, Leder, Holz und Insekten. All dies lässt am Ende des Tages darauf schließen, wie die Kiltis gelebt haben.

Die geplante Medienstation

Ab November 2023 will Reindel sämtliche Ergebnisse an einer umfangreichen Medienstation im Bajuwarenzimmer des Museums präsentieren. Alles werde dort nachzulesen sein, mit Abbildungen und Erläuterungen bis ins Detail, sagt sie. Die untersuchten Grabbeigaben sind bereits ins Museum zurückgekehrt und können dort in einer Vitrine angeschaut werden. „Wenn alles fertig ist, erwachen die Kiltis zum Leben“, schwärmt Reindel. Dann bleibe fast nur noch die Frisur der Kiltis ein Rätsel. Die Präsentation und die weiteren Ergebnisse würden auch Bedeutung haben für die Region. „Ich kann gar nicht sagen, wie viel Gänsehaut es macht, wenn man so viel erfährt über die drei Skelette aus der Bajuwarenzeit.“

Da strahlt die Museumsleiterin: Annette Reindel vor der Vitrine im Schicht-Werk in Gilching, in der die Grabbeigaben der Bajuwaren ausgelegt sind.
Da strahlt die Museumsleiterin: Annette Reindel vor der Vitrine im Schicht-Werk in Gilching, in der die Grabbeigaben der Bajuwaren ausgelegt sind.  © Siegfried Reindel

Die Ausstellung im Werson-Haus (Brucker Straße 11) ist immer dienstags von 10 bis 12 Uhr sowie am Sonntag, 9. Oktober, von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Bei der 8. Gilchinger Kulturwoche ist das Museum mit Aktionen vertreten. Mehr unter zeitreise-gilching.de.

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