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Mitgründer: Dagmar Schuller und Dr. Florian Eyben.

Firmenporträt

Wenn der Rechner merkt, wie ich mich fühl’

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Die audEERING GmbH aus Gilching hat den Bayerischen Innovationspreis gewonnen. Das Unternehmen befasst sich mit Audiosprachanalysen mittels künstlicher Intelligenz. Der Starnberger Merkur hat sich das erklären lassen.

Gilching – Die Firma audEERING sitzt in einem der Büro-Blöcke im Asto-Park, umgeben von vielen anderen High-Tech-Firmen. Der Name audEERING ist eine Wortbildung aus „Intelligent Audio Engineering“, was so viel bedeutet wie: intelligente, akustische Technik. Die 35 Mitarbeiter – weitere zehn arbeiten im Zweitsitz in Berlin – sind über ein halbes Stockwerk verteilt. Es ist still auf den Fluren, die Dekoration spärlich. Im Besprechungsraum liegt ein bisschen Schokolade auf dem Tisch, am Rand steht ein Rechner mit Kamera. Leicht verspätet rauscht Chefin Dagmar Schuller (43) ins Zimmer, schnappt sich ein Stück Schokolade und legt los. Sie brennt für ihr Thema, das ist gleich zu spüren.

Ihr Unternehmen produziert eine Software, die es Rechnern ermöglicht, aus der menschlichen Stimme die Emotion herauszuhören – mal ganz profan erklärt. Die Anwendungsmöglichkeiten dafür sind unendlich. Bei Smarthome-Systemen beispielsweise könnte das so aussehen: Der Hausbesitzer ruft „Licht an“, und das daheim installierte Sprachassistenzsystem hört, dass er einen miesen Tag hatte. Daraufhin macht das System dem Kunden Angebote: spielt eine geeignete Playlist, schaltet einen Wohlfühl-Film an, verbindet via Skype mit einem guten Freund oder lässt gar ein Bad ein. Nächstes Beispiel: Die Uhr ums Handgelenk registriert beim Joggen über Stimme und Atmung eine gute körperliche Verfassung – und macht über den Kopfhörer passende Trainings- und Musikvorschläge. Oder sie rät, es ruhiger angehen zu lassen. Das System ist auch in der Tierwelt anwendbar: Denn die Art, wie ein Hund bellt, lässt ebenfalls auf seine Laune schließen.

Alles Spielereien, klar. Aber audEERING bietet auch für den medizinischen Bereich Lösungen an. Denn über die Stimme können Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und Depression im Anfangsstadium diagnostiziert werden. „Das System erkennt Veränderungen frühzeitig. Es ist ein objektives Messinstrument für den Patienten und liefert dem Arzt Zusatzinfos für die Therapie.“ Wenn der Patient das möchte. Denn Datenschutz ist in Europa ein viel größeres Thema als beispielsweise in den USA. „Wir machen uns darüber sehr viele Gedanken“, sagt Schuller. Über die Daten, die der Endkunde mit ihrer Software sammelt, verfügt er selbst. Er kann sie preisgeben, muss es aber nicht.

Schuller weiß um die Vorbehalte gegenüber künstlicher Intelligenz (KI). „Wir haben da eine ausgeprägte negative Grundeinstellung in unserer Gesellschaft“, sagt sie. Die größten Kritiker gäben auf der anderen Seite aber jede Menge von sich zum Beispiel über soziale Medien wie Facebook preis. „Und da hast du überhaupt keine Kontrolle, wer was mit den Daten macht.“ Auch „Alexa“ würde dauerhaft mithören. „Den Menschen muss klar sein, dass da Daten entstehen, die von den Unternehmen verarbeitet werden.“ Die Software von audEERING biete zumindest an, die Daten nur für sich selbst zu nutzen.

Bei audEERING arbeiten Software-Enwickler, aber auch Wissenschaftler. Denn audEERING ist auch an Forschungsprojekten beteiligt. Im Rahmen einer europäischen Studie mit tausenden Teilnehmern entwickeln die Wissenschaftler derzeit eine App für Jugendliche mit Depression oder Burnout. „Junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahre sind einem enormen Stress ausgesetzt“, sagt Schuller. Die sozialen Medien gaukeln ihnen vor, dass alle ein Traumleben leben, nur sie selbst nicht. Die Vielzahl der Möglichkeiten setzt sie unter Druck. „Und ich werde nicht attraktiver, wenn ich sage, dass es mir schlecht geht“, sagt Schuller. Die Betroffenen könnten sich über die App austauschen, sich ihren Kummer von der Seele reden. „Das System gibt mir Ratschläge, ohne zu werten.“

In Zusammenarbeit mit einer Schule in Nördlingen macht audEERING zudem eine Forschungsstudie auf eigene Faust: Es geht um Adipositas, Fettsucht, und den Zusammenhang zwischen der Art, wie ein Kind schluckt und kaut. Eine App könnte dem Kind auf spielerische Art vermitteln, dass es sein Essen nicht so herunterschlingen soll. Schuller denkt an eine Art Belohnungssystem, Punkte, die das Kind an anderer Stelle einlösen kann.

Bisher zählen Huawei, BMW und Red Bull zu der schon langen Kundenliste. Google und Amazon hätten gern Gesprächstermine, verrät die Chefin. Dabei ist ihr Unternehmen erst sechs Jahre alt. Die Entscheidung, mit der Sprachanalyse durch KI als Spin-off der TU München auf den Markt zu gehen, hatten Dagmar Schuller, ihr Mann Professor Björn Schuller sowie die damaligen Doktoranden Florian Eyben, Martin Wöllmer und Felix Weninger am 27. Dezember 2012, daran erinnert sich Dagmar Schuller ganz genau.

„Wir wollten unbedingt im Jahr 2012 gründen, im Jahr des Drachen. Das ist das Glücksjahr der Chinesen“, erklärt sie. Es sei anfangs eher ein Liebhaberprojekt gewesen. „Wir haben Grundlagenforschung betrieben.“ Schon seit 2009 beschäftigte sich das Gründungsteam mit diesem Thema, dem Erkennen der Emotion in der Sprache und der Verknüpfung mit KI. „Es glaubt uns keiner, aber wir waren wirklich die Ersten. Nicht die Amerikaner, nicht die Chinesen“, sagt Schuller. Die Amerikaner steckten allerdings viel Geld in große Marketingkampagnen. „Daher glauben alle, solche Innovationen kommen nur aus dem Silicon Valley.“

Beirren lässt sich das Team um Dagmar Schuller davon nicht. Bis Februar wird allein das Büro in Gilching auf 52 Mitarbeiter aufgestockt, in zwei, drei Jahren könnte die erste audEERING-Software auf dem Markt sein. Über den Innovationspreis haben sich alle riesig gefreut und auch über positive Bewertungen im Gartner Report, der Marktforschungsergebnisse und Analysen über Entwicklungen anbietet und sozusagen die Bibel der IT-Branche ist. „Dass der Kern dieser Forschung mit uns hier in Deutschland, in Gilching sitzt, darauf kann man auch stolz sein“, sagt Dagmar Schuller und lacht.

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