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„Die Gilchinger passen gut auf uns auf.“ Kaminkehrermeister Andreas Raschke mit Mops Franzi auf seinem Lastenrad. 

Winter

Radelnder Kaminkehrer trotzt Schnee und Eis

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Andreas Raschke kennt da nix. Auch bei dieser Wetterlage wuchtet er Werkzeug und Material auf seinen Anhänger und zieht diesen mit dem E-Bike kreuz und quer durch Gilching zu seinen Kunden. Aus ökologischer Überzeugung, wie der Kaminkehrermeister sagt.

Gilching – Geselle Tizian Fröschl (25) hat am vergangenen Donnerstag mittags die Segel gestrichen. Eigentlich fährt er Rad wie sein Chef, aber was zu viel ist, ist zuviel. „Es ist schon ein Witz, aber wir arbeiten ausgerechnet in einer Gemeinde, in der die Nebenstraßen nicht geräumt werden“, schnaubt der Chef, Andreas Raschke (53), der gleich noch in die Birkenstraße zu einem Kunden muss. Tatsächlich türmt sich der Schnee auf dem Weg dorthin ziemlich hoch, und schieben ist auch nicht so einfach, denn Rad und Anhänger wiegen zusammen gut 300 Kilogramm. „Da ist das mit dem Schieben mühsam.“

„Ich könnte mir ja ein Elektroauto zulegen. Aber für die paar Tage im Jahr?“ Raschke hat einfach keine Lust, die kurzen Strecken durch den Ort mit dem Auto zu fahren. „Ich kann doch nicht Kamine kehren, von Umweltschutz reden und mich dann hinters Steuer setzen.“ Seine Philosophie: „Man muss es einfach machen. Und es geht.“ Seit vier Jahren radelt er konsequent. Und er ist ein sturer Bock, sagt er selbst. Bis 2017 hatte er noch drei Mitarbeiter. Zwei von ihnen wollten nicht radeln. „Da habe ich sie rausgeschmissen.“

3000 Haushalte haben Raschke und Fröschl seit 2009 in Gilching und den Ortsteilen zu versorgen, am Tag sind das manchmal bis zu 20 Einsätze. Früher wohnte Raschke noch in Aichach, fuhr mit dem Auto, einem VW-Bus, nach Gilching und schwang sich dort aufs Rad, das er bei einem Landwirt untergestellt hatte. Seit drei Monaten wohnt er nun mit seiner Tochter zusammen im Ort. Und ist rund um die Uhr auf dem E-Bike unterwegs.

Seit Ende August, so lange hat er das jetzige Gefährt schon, hat er auf diese Weise gut 2000 Kilometer hinter sich gebracht. Geselle Tizian Fröschl bringt es seiner Schätzung nach auf noch mehr Strecke. „Schließlich geht’s auch zu Lehrgängen nach Landsberg, Weilheim und München mit dem Rad“, sagt Raschke. Positiver Nebeneffekt der Bewegung bei Wind und Wetter: „Wir sind nicht erkältet.“

Dass es derzeit wegen der Wetterlage etwas mühsam ist – so richtig ärgern tut sich der 1,80 Meter große, kräftige Raschke darüber nicht. „Notfalls lasse ich meinen Anhänger stehen und lade das Werkzeug, das ich brauche, auf mein Fahrrad.“ Dort sitzt übrigens, in einer kuscheligen Thermo-Tasche vorn am Lenkrad, die sechs Jahre alte Mops-Dame Franzi. Das ist nicht nur optisch großes Kino, sondern verhindert auch die eine oder andere Auseinandersetzung mit Hunden: „Die sind durch sie so abgelenkt, dass ich in Ruhe meine Arbeit machen kann.“

Franzi sitzt noch gar nicht so lange dort vorne. „Früher war sie hinten auf dem Anhänger“, erzählt Raschke. Im Sommer sei der Anhänger dann auf einem Feldweg umgestürzt – „da war ich wohl ein bisschen zu schnell“. Jedenfalls ging Franzi stiften und landete letztlich im Starnberger Tierheim. Seither hat sie einen Logenplatz.

Natürlich muss sich Raschke von seinen Kunden auch das eine oder andere anhören zu seinem Vehikel. „Die fragen dann schon mal, ob das ein Faschingsmobil ist.“ Tatsächlich schaut der Anhänger spannend aus: Draußen hängt eine fast vier Meter lange Leiter, drinnen liegen Besen, Biegewelle, Staubsauger, Bohrmaschine, eben alles, was man als Kaminkehrer so braucht. Auch auf dem E-Bike klemmen große Taschen.

Im Straßenverkehr sind Raschke und Fröschl nicht zu übersehen. Dabei fühlt sich Raschke einigermaßen sicher, obwohl neulich erst ein Autofahrer seinen Gesellen samt Rad von der Straße gedrängt hat. Zum Glück ging die Sache glimpflich aus. Bei der Angelegenheit hätte sich die Polizei durchaus für sein Rad interessiert. „Die haben geschaut, ob ich es manipuliert habe, um schneller zu sein“, erzählt Raschke. Das sei natürlich Quatsch. „Für die 50 Meter, die ich von einem Kunden zum anderen fahre?“ Die Autofahrer seien im Großen und Ganzen recht rücksichtsvoll. „Die Gilchinger passen gut auf uns auf.“

Nur Ortsfremde, da hapere es manchmal. Vor denen müsste er sich dann schon mal aufbauen und Klartext sprechen. „Die meinen, sie können sich im Auto alles erlauben. Dabei spielen sie mit meinem Leben.“ Und sein Geselle habe neulich einem eine Watschn gegeben, „die hat man bis Dingolfing gehört“. Der Autofahrer habe ihn zuvor bedrängt und am Kragen gepackt. „Aber es gab keine Anzeige, weil andere Autofahrer die Szene gesehen und gefilmt haben“, sagt Raschke.

Ursprünglich hat der gebürtige Germeringer Bäcker und Konditor gelernt. Das habe ihm dann nicht mehr gefallen. Kurzentschlossen ließ er sich zum Kaminkehrer ausbilden. Diesen Job macht er nun mit Leib und Seele. Einen Helm trägt er bei seinen kurzen Fahrten natürlich nicht. „Stellen Sie sich vor, es klingelt an der Tür und dann steht da einer, redet von Umweltschutz und sieht aus wie ein Teletubby. Soweit wird es nicht kommen.“

Mops Franzi sitzt in der Thermo-Tasche

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