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Schlagzeilen schon vor 70 Jahren: Die Geschichte der ersten Gilchinger Apotheke

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Gilchings erste Apotheke St. Vitus im Gebäude an der Römerstraße
Gilchings erste Apotheke St. Vitus im Gebäude an der Römerstraße. © privat

Sie schrieb schon vor 70 Jahren Schlagzeilen: Die Geschichte der St-Vitus-Apotheke, die einst die erste in Gilching war und nun schließt.

Gilching – Nur noch wenige Tage, dann eröffnet Dr. Stefan Hartmann im neuen Wohn- und Geschäftshaus der Raiffeisenbank an der Ecke Römer-/Rathausstraße in Gilching eine großräumige, moderne Apotheke. Zeitgleich schließen die Sebastian- sowie die St.-Vitus-Apotheke an der Römerstraße. Explizit die St.Vitus-Apotheke hat als erste Apotheke Gilchings bereits vor 70 Jahren für Schlagzeilen gesorgt. Ihre Hände mit im Spiel hatten seinerzeit die Besitzer der Firma Lodenfrey in München.

Es war Carl Hartmann, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Benzberg bei Köln die Adler-Apotheke eröffnete. Als er 1924 im Alter von gerade einmal 48 Jahren starb, verpachtete die Witwe das Geschäft an einen Interessenten. So lange, bis Sohn Rudolph Hartmann (1907 - 1950) sein Studium beendet hatte und die Nachfolge antreten konnte. „Leider kam es anders, als gedacht“, erzählt Dr. Stefan Hartmann, aktuell Chef von vier Apotheken und 70 Mitarbeitern. „Der Pächter nämlich schnappte sich nicht nur die Apotheke, sondern auch die Ur-Oma. Die Apotheke war futsch, weil der Pächter dort seinen eigenen Nachwuchs unterbringen wollte. Mein Opa Rudolf aber stand somit auf der Straße ohne jegliche Zukunftsaussichten. Nun war guter Rat teuer.“

Stefan Hartmann mit einem Bild seines Vorfahrens Carl Hartmann sowie einem Foto der Adler-Apotheke in Benzberg.
Stefan Hartmann mit einem Bild seines Vorfahrens Carl Hartmann sowie einem Foto der Adler-Apotheke in Benzberg. © Uli Singer

Ja, hätte da nicht Lore Haack, die Münchner Schwiegermutter von Rudolf, Frau Frey vom Münchner Traditionshaus Lodenfrey kennengelernt. Die Freys hatten seinerzeit ein sogenanntes „Sommerfrischler-Haus“ in Gilching. Als die Firmen-Chefin von der unglücklich gelaufenen Apothekergeschichte der Hartmanns hörte, kam sie auf die Idee, in Gilching eine Apotheke zu eröffnen.

Die Notwendigkeit war auf alle Fälle da. Gilching erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg eine enorme Zuwanderung. Die Einwohnerzahl stieg von 2074 im Jahr 1940 auf 4315 Einwohner im Jahr 1950. Damals praktizierten in Gilching bereits drei Ärzte. Um aber Rezepte einlösen zu können, mussten die Bürger bis nach Seefeld, Planegg, Fürstenfeldbruck oder Germering fahren.

Rudolph Hartmann eröffnete die Apotheke 1950, das Familienbild zeigt ihn mit seiner Ehefrau Eleonore (Mitte) und seiner Mutter Lore Haak.
Rudolph Hartmann eröffnete die Apotheke 1950, das Familienbild zeigt ihn mit seiner Ehefrau Eleonore (Mitte) und seiner Mutter Lore Haak. © privat

Rudolf und Eleonore Hartmann zögerten daher nicht lange, Lore Haacks großzügiges Angebot anzunehmen. Gestartet wurde in dem kleinen Laden Ecke Rathaus-/Römerstraße, der mittlerweile einem erweiterten Rossmann-Drogeriemarkt und einem italienischen Bistro gewichen ist.

Das Apotheker-Ehepaar indessen wohnte noch in München und musste täglich mit dem Zug hin- und herfahren. „Beim täglichen Gang über die Römerstraße war meine Ur-Oma eine Sensation. Als Münchnerin stapfte sie stolz in Pelz und Stöckelschuhen auf dem oft matschigen Feldweg dahin. Und da fiel sie Albert Fanger auf, der gerade aus dem Fenster seines Hauses in der Römerstraße 28 schaute und sie ansprach“, erzählt Stefan Hartmann. „Der Gilchinger Architekt hat meinen Großeltern sofort vorgeschlagen, sein kleines Häusle ebenerdig anzubauen und darin eine geräumige Apotheke zu integrieren. Dieser Vorschlag kam gelegen, weil sich das ursprüngliche Domizil als ungeeignet herausstellte.“

 Eleonore Hartmann und ihr Sohn Dr. Fritz Hartmann, der die Apotheke zwischenzeitlich ebenfalls leitete. 
Eleonore Hartmann und ihr Sohn Dr. Fritz Hartmann, der die Apotheke zwischenzeitlich ebenfalls leitete.  © privat

Und so kam es, dass am 20. März 1950 in der Römerstraße 26 Gilchings erste richtige Apotheke unter dem Namen St. Vitus eröffnete. Der Münchner Merkur schrieb damals: „Ob die alten Römer Aspirintabletten und Penicillin nötig hatten, als sie frech geworden und gen Norden zogen, kündet weder ein Cäsar noch ein Tacitus. Das eine aber ist sicher, dass an der Römerstraße, die durch Gilching nach Fürstenfeldbruck zieht, die neue Apotheke steht. Das freundliche Äußere entspricht der zweckmäßigen und zugleich geschmackvollen Inneneinrichtung. Man sieht, dass eine Giftküche nicht nur mit Gläsern, Flaschen rings umstellt zu sein braucht, sondern auch gemütlich wirken kann, die leidende Menschheit schluckt dann ihre bitteren Pillen und hantigen Tränklein viel lieber und wird rascher gesund.“ Weiter heißt es noch: „Wie sehr sie ein Bedürfnis war, zeigte sich schon am ersten Tage. In dem völlig neu eingerichteten Haus neben der erst im vorigen Jahr erbauten Schule fanden sich schon den ganzen Tag über Kunden ein, vor allem aus den beiden großen Orten Gilching und Argelsried.“

Rudolf Hartmann starb kurz nach der Eröffnung der Apotheke im Alter von nur 43 Jahren. Stefan Hartmanns Oma, Eleonore Hartmann, verpachtete zwar die Apotheke, sicherte aber durch eine vertragliche Klausel ab, dass die Apotheke auch nach ihrem Tode in Familienbesitz blieb. Sowohl ihr Sohn Dr. Fritz Hartmann (83), heute im Ruhestand, wie auch dessen Sohn Dr. Stefan Hartmann, erlernten den Apotheker-Beruf und eröffneten sowohl in Gilching als auch in Weßling weitere Standorte. „Damit setze ich nun schon in fünfter Generation die Tradition der Apotheker innerhalb der Familie fort“, sagt Stefan Hartmann nicht ohne Stolz.

Uli Singer

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