Bilden seit 47 Jahren eine Einheit: Rolf Siebel und seine Ehefrau Marita. Der 76-Jährige ist nach einer vierwöchigen Corona-Behandlung, inklusive einer Woche im künstlichen Koma, zurück in seinem Haus in Gilching. Das Beatmungsgerät braucht er nachts jedoch noch immer.
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Bilden seit 47 Jahren eine Einheit: Rolf Siebel und seine Ehefrau Marita. Der 76-Jährige ist nach einer vierwöchigen Corona-Behandlung, inklusive einer Woche im künstlichen Koma, zurück in seinem Haus in Gilching. Das Beatmungsgerät braucht er nachts jedoch noch immer.

Ausführliche Eindrücke vom Kampf gegen das Virus

Vier Wochen Hölle: 76-jähriger aus Gilching wäre fast an Corona gestorben

  • Simon Nutzinger
    vonSimon Nutzinger
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Rolf Siebel stand kurz vor dem Tod. Der 76-Jährige aus Gilching hat eine Infektion mit dem Coronavirus gerade eben noch mit dem Leben überstanden. Eine Geschichte über unerwartet schwere Symptome, eine Woche im künstlichen Koma und ein Ehepaar, das zusammenhält.

Gilching – Nur langsam öffnet Rolf Siebel seine Augen. Er kneift sie zu kleinen Schlitzen zusammen. Zu stark blendet ihn das Tageslicht. Es dauert eine Weile, bis er erkennt, dass da eine Menge Menschen in weißen Kitteln um sein Bett herum stehen. Einer davon, Dr. Achim Rotter, ergreift als erster das Wort. Ob er denn wisse, wie er heiße und wo er sich befinde, fragt der Chefarzt der Schindlbeck-Klinik in Herrsching. Siebel blickt sich um und nickt. „Rolf Siebel. In einem Krankenhaus, so wie es aussieht.“ Ob er denn auch sagen könne, was die letzte Woche passiert sei. Siebel überlegt einen Augenblick, schüttelt dann den Kopf. Rotter blickt ihn ernst an. Die Worte, die er dann sagt, haben sich in Siebels Gedächtnis eingebrannt: „Sie lagen im Koma. Es war die einzige Möglichkeit, Sie vor dem Tod zu bewahren.“

Rolf Siebel ist einer von rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, die sich seit Beginn der Pandemie nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Dass dabei glücklicherweise nicht jeder Krankheitsverlauf ähnlich dramatisch ist wie seiner, ist dem 76-jährigen Gilchinger klar. Doch wählt Siebel ganz bewusst den Gang an die Öffentlichkeit. Er möchte für die mögliche Gefahr, die von einer Infektion ausgeht, sensibilisieren. Womöglich sogar den einen oder anderen aufrütteln, für den Covid-19 noch immer nicht mehr ist als „eine ganz normale Grippe“. Vier Wochen kämpfte Siebels Körper gegen das Virus und den Tod. „Die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagt er. „So etwas wünsche ich niemandem.“

Los geht alles mit der Nachricht einer positiv getesteten Freundin

Losgegangen war alles vergleichsweise harmlos. Mitte November erreicht Siebel und seine Frau Marita die Nachricht, dass sich eine Freundin mit dem Coronavirus angesteckt hat. Natürlich ein kleiner Schock, doch zeigen zunächst weder die Bekannte noch die Siebels krankheitstypische Symptome. „Wir waren topfit“, betont Rolf Siebel, der zwar vor mehreren Jahren einen Schlaganfall erlitten hat, aber bis heute mehrmals pro Woche zum Schwimmen und ausgiebig spazieren geht.

Dem obligatorischen Corona-Test blickt er gelassen entgegen. „Ich habe ganz klar mit negativen Ergebnissen gerechnet.“ Doch stimmt das nur für seine Frau. Rolf Siebel ist positiv. Am Tag darauf beginnt das Virus, seine zerstörerische Kraft zu offenbaren. Als Erstes machen Siebel starke Kopf- und Gliederschmerzen zu schaffen. Als nächstes verabschieden sich Geschmacks- und Geruchssinn. Das Atmen fällt ihm zusehends schwerer. Nahezu stündlich werden die Symptome heftiger, zehren am Körper des 76-Jährigen, rauben ihm Energie. Ins Krankenhaus möchte Siebel trotz Drängens seiner Frau aber nicht. Erst als er nach drei Tagen mit Herzrasen zusammenbricht, zieht Marita Siebel die Reißleine und bringt ihren Mann in die Schindlbeck-Klinik nach Herrsching.

Ärzte versetzen Rolf Siebel in künstliches Koma

Ein längst überfälliger Schritt, wie sich herausstellen sollte. Siebels Zustand macht den Ärzten große Sorgen. Doch auch mit medizinischer Betreuung zeigt die Gesundheitskurve des Gilchingers von Tag zu Tag weiter bedrohlich steil nach unten. Selbst für ein kurzes Telefonat mit seiner Frau fehlt ihm die Luft. „Ich konnte kaum noch atmen“, sagt Siebel. Als auch ein Wechsel von der Isolier- auf die Intensivstation keine Besserung hervorruft, sehen sich die Ärzte gezwungen, den letzten Rettungsanker zu werfen. Sie versetzen Rolf Siebel ins künstliche Koma. Ein Ritt auf der Rasierklinge zwischen Leben und Tod.

Marita Siebel erlebt all das von zu Hause aus. Ihren Mann darf sie, seitdem er in der Schindlbeck-Klinik untergebracht ist, nicht mehr sehen. Die Corona-Patienten sind komplett von der Außenwelt abgeschottet. Während Rolf Siebel also im Krankenhaus um sein Leben ringt, kämpft Marita Siebel mit der schier unbeschreiblichen Angst, ihren Partner zu verlieren, ohne ihn wenigstens noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Sie sagt: „Rolf hat körperlich gelitten, ich seelisch.“

Mehrmals täglich telefoniert Marita Siebel mit den Ärzten

Mehrmals täglich, teilweise nachts, ruft sie in der Klinik an, um zu erfahren, wie es ihrem Mann geht. Ob sich womöglich etwas zum Guten wendet. „Ich war am Verzweifeln“, sagt sie. Die Geduld und Empathie, die ihr dabei seitens des Personals entgegenschlägt, berührt Marita Siebel noch immer. Jedes Mal nimmt sich ein Arzt oder Pfleger Zeit, sie auf den aktuellen Stand zu bringen, ihr zuzuhören. Nie fühlt sich die 69-jährige abgespeist. „Das hat mir sehr geholfen.“

Währenddessen zeigt die künstliche Beatmung bei Rolf Siebel Wirkung. Erstmals seit fast zwei Wochen stabilisiert sich sein Zustand. Nach sieben Tagen trauen sich die Ärzte, ihn zurück ins Leben zu holen. Erinnerungen an die Woche im Koma hat Rolf Siebel keine. Das Gespräch mit Chefarzt Rotter direkt nach dem Aufwachen ist das Erste, das er bewusst wahrnimmt. In den kommenden Tagen plagen ihn ungekannte Orientierungslosigkeit und heftige Albträume. Am schlimmsten aber ist der Durst. Um zu verhindern, dass Keime in die Lunge kommen, darf Siebel zunächst nicht trinken. Die Pfleger befeuchten lediglich seinen Mundraum mit Hilfe eines in Wasser getränkten Pinsels. Sein Rachen ist wie zubetoniert, seine Zunge klebt am Kiefer. Der 76-Jährige bekommt Panik, schreit nach Wasser – vergeblich. „Ich dachte, ich verdurste.“

Erst als die von der Intubation verursachten Wunden geschlossen sind, darf Siebel endlich wieder trinken. In der Folge geht es mit ihm merklich bergauf. Nach zehn Tagen auf der Intensivstation darf er zurück auf die Isolierstation. Und dort erwartet ihn der wohl bewegendste Moment seines Lebens.

Endlich sehen sie sich wieder: Marita und Rolf Siebel erleben den bewegendsten Moment ihres Lebens

Nachdem die Ärzte sicher sind, dass Rolf Siebel über den Berg ist, entschließen sie sich, ihm seinen größten Wunsch zu gewähren. Eingepackt in mehrere Decken fährt ihn ein Pfleger mit einem Rollstuhl vor eine große Glaswand im Erdgeschoss der Klinik und öffnet ein Fenster. Dahinter steht Marita, Rolf Siebels Frau. Zum ersten Mal seit fast vier Wochen voller Todesängste und Schmerzen sehen sich die beiden wieder, können miteinander sprechen. Dabei fließen fast schon mehr Tränen, als Worte fallen. „Es war unglaublich emotional“, sagt Marita Siebel. Es sind zwar nur ein paar Minuten, doch bedeuten sie für sie und ihren Mann die Welt. Nie zuvor in 47 Jahren Ehe waren sie so lange voneinander getrennt. Rolf Siebel sagt: „Dann weißt du, wofür du kämpfst.“

Das Krankenhaus hat Rolf Siebel inzwischen verlassen. Seit mehreren Tagen ist er zurück in seinem Haus in Gilching. Wer ihn dort im Couchsessel sitzen sieht, erkennt einen Mann, der geistig absolut auf der Höhe ist, und auch körperlich für einen 76-Jährigen zumindest nicht den schlechtesten Eindruck macht. Doch er erkennt eben auch das Beatmungsgerät, das neben ihm auf dem Tisch liegt. Rolf Siebel benötigt es jede Nacht, um einigermaßen schlafen zu können. „Das Virus hat er zwar besiegt, aber die Folgen sind noch sehr spürbar“, sagt Marita Siebel. Von seiner vorherigen Energie und Kraft sei momentan nicht viel übrig. Es werde nach Ansicht der Ärzte wohl noch Monate dauern, ehe diese – wenn überhaupt – zurückkehrt.

Kein Verständnis für Querdenker-Demonstranten

Rolf Siebel und seine Frau Marita haben am eigenen Leib erfahren, wie bedrohlich sich eine Infektion mit dem Coronavirus auswirken kann. Wenn sie nun Bilder von Querdenker-Demonstranten sehen, die zum Großteil ohne Schutzmasken und gemeinsam mit wildfremden Menschen eng beieinanderstehend für vermeintliche Freiheitsrechte auf die Straße gehen, fällt es ihnen schwer, dafür Verständnis zu zeigen. „Die Freiheit ist eines unserer wichtigsten Güter“, stellt Rolf Siebel klar. Doch müsse man stets auch die Relation seines Handelns reflektieren. Und daran hapert es ihm zufolge oftmals. „Ich würde mir wünschen, dass diese Leute erkennen, dass sie in ihrem Streben nach Freiheit das Leben ihrer Mitmenschen gefährden.“ Seine Frau Marita nickt. „Ich bin einfach froh, dass du noch da bist.“

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