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Die Flurbegehung nach der Eingemeindung im Jahr 1939 (v.r. sitzend): Rudolf Menzel, Kommissär Friedl, Martin Rupp, Hauptlehrer Paul Hacker. Stehend v.r.: Pius Rehm, Thomas Burger, Professor Grube, Herrschings Bürgermeister Josef Summer, Frau Wastian (Erling), Dittmayer (Erling), Postmeister Koch, Leonhard Sigl, Karl Bichler, Ludwig Schertel, Lehrerin Weinzierl, Lehrerin Centa Konz und Hans Bader.

Kampf um Wartaweil

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Herrsching/Erling - Während Herrsching vor dem Zweiten Weltkrieg immer näher an Wartaweil heranrückte, gehörte der kleine Ortsteil am Ammerseeufer aber zu der damals eigenständigen Gemeinde Erling. Bis 1936, als Herrsching Anspruch auf Wartaweil erhob. Es entbrannte ein Kampf um den Uferstreifen, der den Krieg lange überdauerte.

Bis 1845 gehörte Wartaweil zu der damaligen Gemeinde Ramsee. Ein Ort, der bekanntlich niederbrannte. Ein Dorf, mitten im Wald zwischen Erling und Wartaweil, mit einst sechs Häusern und 40 Bewohnern. An Ramsee erinnert heute nur noch ein Gedenkstein.

Wartaweil erstreckt sich entlang des Ammerseeufers auf etwa 2,5 Kilometer. Der Grund, den Herrsching 1936 eingemeinden will, ist jedoch 340 Hektar groß – inklusive einer rund 300 Hektar großen Fläche Staatswald. Zu der Zeit gibt es in Wartaweil 23 bebaute Grundstücke, „von denen nur sieben das ganze Jahr bewohnt sind“, so die Herrschinger. Und der Siedlungsdruck nehme zu, „das letzte Haus von Wartaweil und das erste Haus von Herrsching sind heute noch zirka 500 Meter voneinander entfernt“.

Herrsching, zur Jahrhundertwende noch ein kleines unbedeutendes Fischerdorf, wuchs seitdem von 40 auf rund 400 Anwesen und zählte bereits rund 1500 Einwohner. Das Bauern- und Klosterdorf Erling hatte aber ebenfalls rund 1500 Einwohner. Die Siedlungswerwartung allerdings war ungleich geringer.

Die Gemeinde Herrsching kann in ihrem Antrag zur Eingemeindung damit punkten, dass Wartaweil zu ihr eine bessere Anbindung hat. Die Staatsstraße, die bis heute entlang Wartaweil führt, führt direkt nach Herrsching. „Wartaweil ist eine Fortsetzung der Uferbesiedelung von Herrsching“, argumentierten die Herrschinger. So einfach wollten sich die Erlinger ihre Pfründe jedoch nicht nehmen lassen. Sie kämpften um ihren Tei des Ammerseeufers und um den Wald, der sie voneinander trennt.

Der Behauptung, kirchlich und kulturell habe Herrsching mehr zur bieten, hält das Klosterdorf stolz entgegen, so gesehen seinerseits Herrsching eingemeinden zu können. „Will man sogar die kirchliche Verbindung ins Gewicht legen, so könnte man auch die Eingemeindung Herrschings nach Erling beantragen, weil die Herrschinger in Scharen zur Kirche oder auch zum Gasthausbesuch in Andechs hier kommen. Kulturell wird in Erling genauso viel geboten als in Herrsching“, heißt es im Protokoll des Erlinger Gemeinderats im November 1936. Nicht zuletzt bedeute Wartaweil eine „unentbehrliche Einnahmequelle“.

Erling zieht trotzdem den Kürzeren. Die Regierung von Oberbayern entscheidet am 31. Dezember 1937, dass 240 Hektar mit Wirkung vom 1. April 1939 den Nachbarn in Herrsching zugesprochen werden. Wartaweil zählt zu dieser Zeit bereits 25 Anwesen, zehn ständig bewohnt.

Als der Krieg ausbricht, gerät der Streit um Wartaweil in den Hintergrund – bis 1947. Auch um Wartaweil zurückzuerobern, das ihnen „durch die während des natiionalsozialistischen Regimes zwangsweise“ abhanden gekommen sei, entsinnen sich die Erlinger der verschwundenen Ortschaft Ramsee. Sie schmieden Pläne, den kleinen Ort, zu dem Wartaweil ursprünglich gehörte, wieder aufzubauen.

Mit den Bürgern in Wartaweil scheint die Sache abgemacht: Ihnen wird ein Sprechtag zugesichert, die tägliche Anfuhr von Milch und Brot und in absehbarer Zeit die Eröffnung eines Gemischtwarengeschäfts. Und dass Gutachten schon damals als probates Mittel herangezogen wurden, beweist die Tatsache, dass ein Experte mit der Machbarkeit des Wiederaufbaus von Ramsee beauftragt wurde.

Herrsching reagiert auf diesen Antrag erwartungsgemäß stur und bläst alle Argumente Erlings, die für eine Zurücksetzung der Gemeindegrenzen angeführt werden, in den Wind. „Die Eingemeindung müsste auf jeden Fall heute durchgeführt werden, wäre sie nicht schon vollzogen worden“, heißt es in einer Stellungnahme an das Landratsamt im März 1947.

Die Kreisbehörde scheint dem Antrag Erlings auf den ersten Blick gar nicht so abgeneigt. Bis zuletzt. Bis in die 50er Jahre. Der Antrag ist längst auf eine jährliche Entschädigungssumme reduziert. Aber auch diese ist Herrsching nicht gewillt anzuerkennen. Im Gegenteil, es kommen juristische Finessen ins Spiel und Herrsching fordert seinerseits Steuern zurück. Einnahmen aus der Grundsteuer A für den Staatswald, die Erling bis April 1953 als Ausgleich für den Einnahmeausfall durch die Ausgemeindung einstrich.

Das Schiedsurteil des Verwaltungsgerichts München II vom 12. Januar 1960 ist aber eindeutig. Erlings Antrag wird abgewiesen. Alles was dem Klosterdorf blieb, ist ein Streifen des Staatsforstes, der hinunter bis zum Ammersee reicht. Dort gehört ihm bis heute ein 400 Meter breiter idyllischer Uferstreifen mit Kiosk und Seezugang, auch Froschgartl genannt. Erling, das mit Frieding und Machtlfing seit der Gebietsreform Ende der 70er Jahre zur neu gegründeten Gemeinde Andechs gehört, bleibt damit bis heute eine Ammerseegemeinde, die auf diese Weise immerhin ihrem Namen gerecht wird.

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