Gemeindearchivarin Dr. Friedrike Hellerer
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Für Gemeindearchivarin Dr. Friedrike Hellerer ist es ein kleiner Schatz, den die 37 Bände der Anita-Menzel-Chronik ihr bieten.

Gemeindearchiv Herrsching

37 Bände Ortsgeschichte

  • vonAndrea Gräpel
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Die 37 Bände der Menzel-Chronik stehen schon lange im Archivkeller der Gemeinde Herrsching. Für Gemeindearchivarin Dr. Friedrike Hellerer, die dort ganze Schätze an Erinnerungen hütet und auswertet, sind es besondere Dokumente, die auf eigenartige Weise das Leben in Herrsching von 1937 bis 1970 beschreiben. Ebenso diszipliniert wie unpersönlich haben der damalige Gemeindebeamte Rudolf Menzel und seine Frau Anita in den zum Großteil handschriftlichen Aufzeichnungen alles akribisch festgehalten – sogar das Wetter.

Herrsching -Menzel (1890-1959) hat eine gemeinsame Vergangenheit mit dem Herrschinger Architekten Roderich Fick, die in den Ersten Weltkrieg zurückreicht. Menzel, gebürtig aus Eisenach, arbeitete für eine deutsche Firma in Kamerun, als der Krieg ausbrach, er sich den Kolonialtruppen anschloss und in spanische Kriegsgefangenschaft geriet. Dort traf er den Architektur-Professor, mit dem er nach Ende des Krieges in Herrsching die Bootswerft Fick & Menzel gründete. „Wer von den beiden zuerst in Herrsching war, ist leider nicht bekannt“, sagt Friedrike Hellerer. Die Verbindung des Parteigenossen Menzel mit Hitlers Architekten ist für sie aber hochinteressant.

Menzel und Fick lebten in Nachbarschaft – Fick bekanntlich in der alten Mühle am See und Menzel nicht weit entfernt, ebenfalls am Ammersee-Ufer, im Elternhaus seiner späteren Frau Anita – in der heute denkmalgeschützten gelben Wieland-Villa. Das Haus in Mühlfeld hat der Maler Manuel Wieland 1910/15 errichten lassen. Der Eisenacher Menzel trat früh den Nationalsozialisten bei und übernahm 1929 als Parteigenosse die Leitung der Gemeindekanzlei. Ab 1934 führte seine Frau Anita (1897-1971), geborene Wieland, die Chronik und tat dies weiter bis kurz vor ihrem Tod.

Die 37 Bände sind für Friedrike Hellerer das Fleisch in der Suppe von Herrschings Geschichte. „Man kann dem so viel entnehmen“, sagt sie. Die Bände sind gefüllt mit Zeitungsartikeln, Bildern und den Aufzeichnungen. An der Handschrift könne sie erkennen, dass diese zum großen Teil von ihm stammten, obwohl als Chronistin Anita Wenzel geführt wird. Aus der Chronik weiß Friedrike Hellerer, dass Herrsching sich bereits lange vor der Kriegserklärung auf den Zweiten Weltkrieg vorbereitet hatte. „Es gab Verdunkelungen, Rationierungen, Luftbunkerausrüstungen.“ Das alles haben die Menzels aufgeschrieben. Jeder Luftalarm, die Ausstattung der Luftschutzuniform, Lebensmittelknappheit und selbst die Preise für Lebensmittel wie Eier (9 bis 10 Pfennig) oder ein Pfund Fenchel (40 Pfennig) sind notiert. „Heute gab es kein Schweine- und Kalbfleisch. Auch den ganzen Winter keine Orangen. Fette und Öle jeder Art sind auch nur selten zu haben. Warum das so ist, können wir einfachen Bürger nicht verstehen. Wir finden uns mit diesen Tatsachen ab und denken, der Führer wird schon wissen warum, und es wird halt so sein müssen“, steht zum Beispiel unter dem Datum 24. April 1939.

Für die Gemeindearchivarin, die mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Herrsching und im Landkreis bestens vertraut ist, ist es das erste Dokument aus Sicht von Herrschingern. Und dies über viele Jahre, für jedes Jahr ein Buch und jedes Buch mit etwa 100 Seiten. „Ich habe schon viele Bilder und Texte verwenden können“, sagt Dr. Hellerer. Als Historikerin verspüre sie große Lust, mehr daraus zu machen.

Da während der Lockdowns viele Menschen die Zeit nutzten, ihre Keller und Speicher aufzuräumen, hofft die Herrschinger Gemeindearchivarin, dass dabei alte Zeugnisse der Geschichte nicht auch entsorgt wurden. Sollten alte Dokumente aus Herrsching aufgefunden worden sein, freue sie sich, wenn diese dem Gemeindearchiv am Rathaus überlassen würden.

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