Ihr Revier: Christa Martini in der Realschule Herrsching, wo sie am Sonntag Ausweise kontrolliert und Stimmzettel auszählt. Die 49-Jährige ist seit Mitte der Neunziger Wahlhelferin.
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Ihr Revier: Christa Martini in der Realschule Herrsching, wo sie am Sonntag Ausweise kontrolliert und Stimmzettel auszählt. Die 49-Jährige ist seit Mitte der Neunziger Wahlhelferin.

Bundestagswahl 2021

Ein halbes Leben lang Wahlhelferin: Christa Martini über Kurioses und einen Gänsehautmoment

Ohne ehrenamtliche Wahlhelfer wäre die Bundestagswahl am Sonntag undenkbar. Christa Martini aus Herrsching macht den Job schon ihr halbes Leben lang. Sie erlebt dabei schon mal Kurioses – und immer wieder diesen einen Gänsehautmoment.

Herrsching – Nie vergessen wird Christa Martini den Mann, der sein Radl am Wahlsonntag in die Turnhalle der Herrschinger Realschule schob. Als wäre es das Normalste der Welt. Martini und die anderen Wahlhelfer beachtete er überhaupt nicht. Im Gegensatz zur Sprossenwand: „Er hat da in aller Ruhe seine Klimmzüge und anderen Übungen gemacht. Danach ist er wählen gegangen“, erzählt Martini. „Das Wahllokal war zu dem Zeitpunkt leer, er hat ja niemanden gestört, das war eine ganz nette Abwechslung.“

Abwechslung hatte die 49-jährige Herrschingerin, die als Finanzbeamtin in Fürstenfeldbruck arbeitet, seit Mitte der Neunziger durchaus. Ob Kommunal-, Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen: Martini überwachte den Einwurf der Stimmzettel, kontrollierte Ausweise, zählte aus und meldete Ergebnisse. Ihr halbes Leben ist sie schon Wahlhelferin – so lange, dass sie nicht mehr weiß, welche eigentlich ihre erste Wahl war. Rund 20 (teilweise am selben Tag) dürften es insgesamt gewesen sein.

Am liebsten ist Martini die Vormittagsschicht von 8 bis 13 Uhr. „Dann habe ich vor dem Auszählen am Abend noch mal Luft zum Durchschnaufen.“ Einmal, erinnert sie sich, war so viel los, dass sie selbst gar nicht zum wählen kam – und am Nachmittag hätte sie es dann fast vergessen. „Es war zehn vor sechs, ich habe es gerade noch so geschafft“, erzählt die Herrschingerin. Der Einzugsbereich ihres Wahllokals, der Realschule, deckt sich mit ihrer eigenen Wohngegend. Ein klarer Vorteil.

Ehrung beim Neujahrsempfang - für die treue Wahlhelferin

Natürlich kennt die routinierte Wahlhelferin auch die Spätschicht. Sie weiß, dass es immer mal wieder vorkommt, dass jemand um 18.03 Uhr vor der Tür steht und noch schnell in die Wahlkabine will. „Gerade bei jungen Leuten kommt das vor.“ Aber da gibt es keine Ausnahmen. Um 18 Uhr schließen die Wahlhelfer die Tür, wenn auch nur kurz, als symbolischer Akt (Martini: „Die Öffentlichkeit muss fürs Auszählen ja wieder hergestellt werden“). Wer dann drin ist, darf seine Kreuzchen noch machen.

Man darf sich Christa Martini nicht als übertrieben-begeisterte Staatsanhängerin oder Gerechtigkeitsfanatikerin vorstellen. Eher als eine sozial engagierte Frau mit großem Pflichtbewusstsein, eine, von der die im Rathaus wissen, dass sie eben nicht sagt: „Ich kann diesmal nicht, ich bin im Urlaub.“ Sie habe „zigmal“ gesagt, dass es vielleicht mal wer anders machen könnte. Das schon. „Aber wenn man einmal in dem System drin ist, kommt man nicht mehr raus“, erklärt Martini lachend. Schlimm findet sie das nicht. Denn: „Wir können froh sein, in einem Land mit freien Wahlen zu leben.“ Beim Neujahrsempfang ehrte sie die Gemeinde einst für ihre Treue. Martini: „Das hat mich dann schon gefreut.“

Ihr ehemaliger Freund und heutiger Mann, früher selbst Wahlhelfer, hatte Martini für die Aufgabe motiviert. Die dreifache Mutter überredete später ihren Sohn, bei der Landtagswahl 2018 mitzuhelfen. Da war er gerade 18 Jahre alt. Man kann also durchaus von einer Wahlhelferfamilie sprechen. „Da redet man daheim vielleicht noch einen Ticken mehr über die Wahl als andere“, sagt Martini.

Viele Briefwähler: „Vielleicht ist ja Zeit für eine Runde ,Stadt, Land, Fluss‘“

Dass es immer mehr Briefwähler gibt, merke man in den vergangenen Jahren schon. Besonders am Sonntag bei der Bundestagswahl ist die Herrschingerin gespannt, wie viele Leute kommen und ob es zwischendurch Leerlauf gibt. „Vielleicht ist ja Zeit für eine Runde ,Stadt, Land, Fluss‘“, scherzt sie.

Purer Ernst herrscht beim Auszählen. Bei der Wahlvorbereitung beschäftigten sich Schriftführerin Martini und ihr Team mit strittigen Fällen. Wenn jemand „alles Deppen“ oder ähnliches auf den Stimmzettel schreibt („kommt immer wieder vor“), wenn jemand ein Ausrufezeichen statt eines Kreuzes macht, oder wenn jemand das Kreuz durchstreicht und es bei einer anderen Partei macht. Für manches gibt es klare Regeln, es kann aber auch vorkommen, dass die Wahlhelfer abstimmen müssen, ob die Stimme nun gilt oder nicht.

Auch wenn Martini lange dabei ist: Der Wahltag bleibt ein besonderer, an dem sie sich deshalb auch das Dirndl anzieht. Und sie betont: „Es ist immer wieder ein Gänsehautmoment, wenn die Urne geleert wird.“ Heuer geschieht das übrigens nicht in der Turnhalle – sondern in der Aula der Realschule. Eine Einlage an der Sprossenwand ist damit von vorneherein ausgeschlossen.

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