Astrid Thalmaier und Jörg Reuther
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Vier Jahre haben Astrid Thalmaier und Jörg Reuther an dem Projekt gearbeitet. Nun freuen sie sich, das Buch in Händen halten zu können.

Das Leben, eine Geschichte

  • vonAndrea Gräpel
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Astrid Thalmaier und Jörg Reuther haben vor vier Jahren ein Projekt angestoßen, von dem sie nicht ahnten, wie viel Raum es in ihrem eigenen Leben einnehmen würde. Sie haben alte Menschen ihre Leben erzählen lassen. Astrid Thalmaier war die Zuhörerin, der Fotograf Jörg Reuther der Beobachter. Gemeinsam mit Roland Althammer haben sie Text und Bilder in einen ebenso lesens-wie sehenswerten Bildband verpackt, der nun erschienen ist.

Herrsching – Das Wissen der Älteren, ihre Weisheit, ihr Erlebtes sind wesentlicher Bestandteil einer Gesellschaft. Die Herrschinger Heilpraktikerin und Trauma-Therapeutin Astrid Thalmaier (58) hatte darüber in einem Buch einer afrikanischen Autorin gelesen. Das Thema ließ sie nicht mehr los, und so entstand die Idee, alte Menschen erzählen zu lassen. Den befreundeten Herrschinger Fotografen Jörg Reuther (65) musste sie nicht lange zum Mitmachen überreden. So machten sie sich auf die Suche. Peter Nössing (Jahrgang 1929) war der Erste, den die Autorin ansprach. Aus dem Gesicht des Mannes, der mit seinem breitkrempigen Hut auf dem Kopf auf einer Bank an der Uferpromenade in Herrsching saß, sprach all das, was Astrid Thalmaier suchte: Erfahrung und Weisheit aus einem Leben mit Höhen und Tiefen. Peter Nössing war begeistert, „endlich mal nicht nur Prominente“, freute er sich. Dabei hatte er es doch selbst schon einmal in die Schlagzeilen geschafft, als der Rentner, der eine Brandbombe fand – im Ammersee. Astrid Thalmaier ließ das Tonband laufen, während der alte Mann erzählte – vom Krieg, von seiner Frau, aus der Kindheit. Wie all ihre Gesprächspartner vergaß auch Peter Nössing irgendwann den Mann mit der Kamera, der die ganze Zeit fotografierte. Entstanden sind dabei unglaublich gefühlvolle, ausdrucksstarke Momentaufnahmen in Schwarzweiß.

„Ich habe von den Gesprächen manchmal fast nichts mitbekommen“, erzählt Jörg Reuther. Als Fotograf konzentrierte er sich auf Mimik und Gestik. Weit mehr als 3000 Fotos hat er gemacht, von denen rund 120 im Buch Verwendung finden. „Ein Kunstbuch“, findet Roland Althammer (56). Der gemeinsame Freund der beiden ist der Grafikdesigner, der Text und Bilder kunstvoll zusammenführte, indem er beiden Raum gab. Der Text, der das Leben erzählt, läuft am Rand.

Das Erzählte hat Astrid Thalmaier im Wortlaut protokolliert. Sechs, sieben Stunden brauchte sie jeweils, um die Aufnahmen am Computer zu erfassen. Schnell wurde ihr dabei bewusst, dass die Interviews in Form gebracht werden müssen. Sprachlich und optisch, respektvoll und authentisch. Astrid Thalmaier behielt ihr Ziel im Blick, vor allem auch jungen Menschen für die Geschichten der Alten zu begeistern und neugierig zu machen. Also fragte sie ihren Sohn Moritz, der – als ob er darauf nur gewartet hätte – nicht nur Ideen für die Umsetzung lieferte, sondern auch eine Freundin hatte, die sensibel an die Texte zu gehen verstand, ohne ihnen die Authentizität zu nehmen. Die Pausen, die Suche nach den richtigen Worten, die Mimik, die Tränen und das Lachen – das alles sollte im Text bestehen bleiben. Und wird im Ergebnis durch ein einfaches Stilmittel wirkungsvoll dargestellt: durch größere und kleinere Abstände zwischen den Absätzen als Gedankenpausen.

Vier Jahre dauerte der Prozess bis hin zum fertigen Buch. Anfangs noch in der Hoffnung, dass sich ein Verlag finden ließe. Schließlich nahm die Autorin selbst Geld in die Hand. Über Roland Althammer fand sich ein Kontakt, um das Projekt in einer ersten Auflage von 300 Stück anspruchsvoll und doch finanzierbar umzusetzen.

Roland Althammer

Astrid Thalmaier, Jörg Reuther und Roland Althammer blicken mit Stolz auf dass Buch, dessen Inhalt sie so oft in Händen hielten. Im Eigenverlag muss jeder immer wieder lesen, auch Freunde und Bekannte. Oder Ehefrauen, wie Christine Hollacher, denn auch Jörg Reuthers Schwiegervater Josef Hollacher hat sich interviewen lassen und zur Überraschung aller einiges erzählt, was die Familie noch nicht wusste. „Das kann die Astrid gut, dass die Leute von allein erzählen“, weiß Jörg Reuther heute. Er war ja bei jedem Gespräch dabei und nicht selten von dem Erzählten genauso erschöpft wie die Zuhörerin.

Es sind viele bewegende und berührende Erinnerungen aus dem Leben der Erzählenden, Trauer und Verlust, die in das Buch einfließen. „Wir haben zwei auch wieder rausgenommen“, verrät Astrid Thalmaier, und es wirkt so, als ob ihr das Erzählte noch immer durch die Glieder fährt. „Einmal mussten wir hinterher erst mal lange spazieren gehen, um überhaupt zu begreifen“, erinnert sie sich.

Genauso hörten sie Spannendes und Lustiges oder beides in einem, etwa von dem ehemaligen CIA-Mitarbeiter, der später im Finanzamt Starnberg arbeitete, oder von einem 89-Jährigen, der mit 86 in den Bergen Paragliding lernte. Erstaunt waren Astrid Thalmaier und Jörg Reuther, wie offen die Menschen diesem Projekt gegenüberstanden, Vertrauen schenkten und bereitwillig erzählten. Dr. Helga Budde (Jahrgang 1932) aus Tutzing zum Beispiel griff nach dem Gespräch direkt zum Telefon und rief bei einer Freundin an, damit auch sie von Astrid Thalmaier und Jörg Reuther besucht wird. Edita Jung wäre heute 98 Jahre alt, ist aber bereits verstorben. Am Ende dieses Gesprächs hatte ihr Mann damals festgestellt: „Jetzt hast du quasi 100 Jahre passieren lassen.“ Genau so war es. Und sie hatte viel zu erzählen, die Handelskauffrau – von Nigeria und dem Kongo, von Juju-Männern und Buntstiften. Sie und alle anderen vertrauten ohne Zweifel darauf, dass das Gesagte respektvoll umgesetzt wird. Diesem Vertrauen wird in dem Buch in jeder Zeile Rechnung getragen.

Da es vier Jahre bis zur Umsetzung gedauert hat, sind einige der Interviewten mittlerweile gestorben, sagt Astrid Thalmaier traurig. Auch Peter Nössing ist zumindest nicht mehr erreichbar: „Ich habe ihm ein Buchexemplar geschickt. Es kam wieder zurück.“ Gleich wie, das Erlebte lebt in den Texten weiter und vieles tauchte so überhaupt erst auf.

„Lived – Leben ist Kunst“

Der Bildband mit etwa 120 Schwarzweiß-Fotos auf 176 Seiten ist in der Bücherinsel in Herrsching oder unter www.lived-dasbuch.de zum Preis von 48,50 Euro erhältlich.

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