Das neue Wohngebiet an der Rieder Straße wirkt ein bisschen dem Zukunftsroman „Fahrenheit 451“ aus dem Jahr 1953 entsprungen. Die Wohnungen sind zum Teil aber schon bezogen. Ein Einheimischenmodell kam wegen der Preisentwicklung nicht mehr zustande.
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Das neue Wohngebiet an der Rieder Straße wirkt ein bisschen dem Zukunftsroman „Fahrenheit 451“ aus dem Jahr 1953 entsprungen. Die Wohnungen sind zum Teil aber schon bezogen. Ein Einheimischenmodell kam wegen der Preisentwicklung nicht mehr zustande.

Explodierte Bodenrichtwerte

Die Krux mit dem Einheimischenmodell

  • vonAndrea Gräpel
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Einheimischenmodelle stehen in Herrsching unter keinem guten Stern. Zwei wurden groß angepriesen – das eine ist gescheitert, das andere befindet sich noch immer im Bebauungsplanverfahren, sollte am Ende aber noch seinen Namen wert sein, hofft Bürgermeister Christian Schiller. Denn auch er musste lernen: „In einer hochpreisigen Gegend kann ein Einheimischenmodell eigentlich nicht funktionieren, außer der Grund gehört der Gemeinde. “ Weder in Lochschwab noch auf der Klosterwiese ist dies der Fall. Da die Fläche in Breitbrunn der St. Josefskongregation Ursberg gehört, gebe es dort aber noch Hoffnung. „Wir arbeiten dran.“

■   Lochschwab

Die Bebauung des Grundstücks an der Rieder Straße hat eine lange Geschichte, die in die 1990er Jahre zurückreicht, als Investoren dort ein Seniorenstift errichten wollten. Auch durch ein Bürgerbegehren waren die Pläne dafür ausgebremst worden. Trotzdem blieb die Fläche bis 2011 im Flächennutzungsplan für „Seniorenwohnen“ reserviert. Als das Grundstück – am Ende in Bankbesitz – 2013 zwangsversteigert wurde, hätte die Gemeinde gerne mitgeboten, erinnert sich Schiller. Großprojekte wie Rathaus-Sanierung und Feuerwehr-Neubau in Breitbrunn und Herrsching machten dies unmöglich.

Wenigstens eine Fläche von 6000 Quadratmetern für ein Kinderhaus konnte sich die Gemeinde sichern. „Das war der eigentliche Profit für die Gemeinde“, so Schiller. In einem öffentlich-rechtlichen Vertrag verpflichtete die Gemeinde den Investor deshalb, Wohnungen zu einem Mindestanteil für familiengerechtes Wohnen zu veräußern. Durch den dadurch entstehenden Bedarf an Betreuungsplätzen war der Bezug zum Kinderhaus hergestellt. Ohne diesen Bezug hätte die Gemeinde die Fläche nicht bekommen. „Wir hatten x Sitzungen, auch mit dem Rechtsanwalt“, erinnert sich Schiller. „Dann hat der Gemeinderat noch eins draufgesetzt, indem ein paar Wohnungen für Herrschinger reduziert angeboten werden sollten. Damals – 2013 – einigte man sich auf 14 Wohnungen von insgesamt 67. „An Interessenten hat es nicht gemangelt“, sagt Schiller. 116 Herrschinger hatten sich beworben. „Soweit war alles super.“ Übrig geblieben ist trotzdem kein einziger.

Damals lag der Quadratmeterpreis bei 500 Euro. Und nach strengem EU-Recht durften sich nur Einheimische bewerben, die unter anderem eine bestimmte Gehaltsgrenze nicht überschritten. Waren alle Kriterien erfüllt, hätten Herrschinger einen Preisnachlass beim Kauf erhalten – maximal 30 Prozent. „Diese Reduzierung des Kaufpreises war immer gekoppelt an den aktuellen Wert“, erklärt Schiller. Dass dieser Bodenrichtwert 2019 um 100 Prozent höher lag, habe niemand ahnen können, sagt er. Und zu diesen Bedingungen konnte sich niemand, der die strengen Kriterien für Einheimischenmodelle erfüllt, eine Wohnung dort leisten. Auch nicht, nachdem der Investor bereit war, die Anzahl der dafür vorgehaltenen Wohnungen auf zehn zu reduzieren und den Gewinn aus dem Verkauf der übrigen vier auf das Einheimischenmodell umzulegen.

„Wir hatten versucht, an der Stellschraube zu drehen. Aber es war immer noch zu teuer für den Normalverdiener. Es hat nicht funktioniert“, gesteht Schiller. Im März war die letzte Frist abgelaufen. Mittlerweile sind alle Wohneinheiten ver-kauft, zum Teil auch schon bezogen. Die Einheimischen, die sich trotzdem eingekauft hätten, taten dies zu regulären hochpreisigen Marktbedingungen. So platzte der Traum von bezahlbaren Wohnraum für Einheimische an dieser Stelle.

■  Klosterwiese

Hoffnung legt der Bürgermeister weiterhin auf die Bebauung der Klosterwiese in Breitbrunn, auch wenn der Gemeinderat sich durch die Preisentwicklung ebenso vom klassischen Einheimischenmodell verabschieden musste. Günstige Bodenpreise sollen trotzdem über eine freiwillige Selbstverpflichtung sichergestellt werden. Daran arbeitet die Gemeinde seit 2019.

Vorteil an der Klosterwiese sei, dass sie sich im Eigentum einer sozialen Einrichtung befinde, nämlich des Klosters. „Die wollen daraus keinen Gewinn machen, aber auch sie haben eine Finanzaufsicht im Nacken. Herschenken dürfen sie es nicht“, sagt Schiller. Aber auch hier komme niemand zum Zuge, der ein Haus oder Vermögen habe. Er ist dennoch guter Dinge, auch wenn die Bodenrichtwerte dort seit Planungsbeginn genauso durch die Decke gingen. Bereits 2010 hatte das Kloster die Pläne angestoßen, auch um dort Mitarbeiterwohnungen zu bauen. Aktuell wird an der zweiten Abwägung gearbeitet, die erste mit vielen Anwohnerprotesten erfolgte 2019. Geplant sind rund 40 Wohneinheiten im Einheimischenmodell, für die dem Kloster rund 170 Bewerbungen vorliegen.

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