In seinem Keller hat Stephan Maass sein eigenes Studio eingerichtet. Für kleinere Soundtracks reichen ihm ein Laptop – und seine unzähligen Instrumente, die er im ganzen Haus stehen hat. Foto:Dagmar Rutt
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In seinem Keller hat Stephan Maass sein eigenes Studio eingerichtet. Für kleinere Soundtracks reichen ihm ein Laptop – und seine unzähligen Instrumente, die er im ganzen Haus stehen hat.

Der Musiker Stephan Maass

„Es wird nicht mehr sein, wie es war“

  • vonAndrea Gräpel
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Der Musiker Stephan Maass aus Herrsching über seine Arbeit, Corona und die Zukunft.

Herrsching – Auf die Situation angesprochen, wird Stephan Maass fast ärgerlich, wenn er an die Lage der Künstler aktuell denkt. Er selbst ist Musiker. „Die Politik behandelt uns immer noch so, als würden wir einem Hobby nachgehen, als müsse man uns nicht ernst nehmen“, sagt er. Künstler würden jedoch bisweilen noch immer so behandelt, findet er. Maass, der in Herrsching lebt, ist aber auch Hochschulprofessor, gut vernetzt und hat schon vor der Pandemie viel digital gemacht. Ihn trifft die Zwangspause der Kultur deshalb nicht so hart wie manch anderen Kollegen. Für sie, für seine Studenten, ja, und auch für sich, wünschte er sich dennoch, dass Kreativwirtschaft einen höheren Stellenwert erlange. „Da sollten wir gut drauf aufpassen.“

Der 53-Jährige lebt seit fast zehn Jahren in Herrsching. Eigentlich stehen im Haus überall Instrumente, weil es überall anders klingt. Dazu muss man wissen: Maass ist Schlagzeuger oder besser Percussionist. „Das wird schon laut“, weiß er. Unter anderem besitzt er wenigstens 18 Congas in allen Größen. „Das sammelt sich im Laufe von über 30 Jahren so an“, sagt er. Aktuell beschränkt er sich seiner Frau Katrin zuliebe allerdings auf den Keller, denn auch sie sitzt im Homeoffice.

Auch vor der Pandemie hat Maass viel digital gemacht. Sein zweites Standbein ist die Uni. Einmal die Woche fährt er normalerweise nach Linz, wo er an der Anton-Bruckner-Privatuniversität Jazz und improvisierte Musik unterrichtet. In Österreich ist er der einzige, in Deutschland gibt es drei Professoren für dieses Fach. Das letzte Mal war er im Juni dort. Mit seinen Studenten steht er seit dem Lockdown digital in Kontakt. „Das ersetzt aber keinen Präsenzunterricht“, sagt Maass. Gleichwohl hätte die nun aufgezwungene Digitalisierung auch Vorteile. „Es ist spannend, aufregend.“ Die digitale Kompetenz müsse man genauso lernen wie die soziale Kompetenz. Genau dies biete sich gerade an. Gemeinsam nimmt er mit seinen Studenten Sessions auf. Jeder für sich zu Hause – virtuell und akustisch. Das Tempo gibt der Professor vor. Am Ende werden die jeweiligen Spuren mit einer speziellen Computer-Software synchronisiert. „Ganz beiläufig lernen die Studenten die digitale Ebene kennen, was auch mehr Flexibilität bedeutet.“ Das Ergebnis ist auf dem Instagram-Account von Maass zu sehen. Der Professor ist stolz: „Es gibt noch Luft nach oben, aber sie haben das sehr gut gemacht“. Die nächste Herausforderung seien allerdings die Abschlussprüfungen. „Wie gehen wir grundsätzlich damit um?“ Maass hat dafür noch keine Lösung.

Festgestellt hat der 53-Jährige auf jeden Fall eines: „Es gibt einen großen Nachholbedarf im Bereich Digitalisierung.“ Er selbst ist ein alter Hase darin. „Das ist mein Arbeitsfeld: Remote-Recording.“ Schon lange vor der Pandemie. Die sozialen Medien sind sein Netzwerk, durch das er den Großteil seines Lebensunterhalts bestreitet. Denn Professor ist er nur in Teilzeit.

Maass hat lange in Wien gelebt, hat mit den großen Liedermachern dort zusammengearbeitet – mit Rainhard Fendrich oder Georg Danzer. Der Wahl-Herrschinger war als Gastmusiker auch viel mit der NDR-Bigband auf Tour, wurde im Iran gebucht genauso wie in Afrika. Von zu Hause aus hat er zuletzt an einem Soundtrack für eine Netflix-Produktion in Mumbai gearbeitet. Er schreibt auch eigene Musik, hat erst kürzlich ein E-Album herausgebracht, das er nostalgisch noch immer „Platte“ nennt. Allmählich reicht es aber auch ihm zu Hause: „Für mich fühlt es sich an, als wären wir seit März im Lockdown.“ Ihm fehlt die Bühne, die physische Präsenz der Kollegen, wie zuletzt mit LaBrassBanda, mit denen er gemeinsam im Studio war, oder mit dem Musikproduzenten Mousse T, den er schon seit Ewigkeiten kennt. Wie so viele andere Musiker auch, die er in seiner über 30-jährigen Laufbahn getroffen hat.

Das Musikgeschäft sei schon immer hart gewesen, sagt der Autodidakt, der mit 13 Jahren angefangen hat, Schlagzeug zu spielen. Er hatte Glück. Für junge Leute sei es aber gerade besonders schlimm, „das seh’ ich an meinen Studenten“. Es macht dem Vollblutmusiker Angst, an die Zeit nach der Pandemie zu denken. „Wie viel geht kaputt? Es wird nicht mehr so sein, wie vorher. Man kann die Kultur nicht einfach wieder anknipsen“, fürchtet er. Es sei nicht abzuschätzen, was es danach nicht mehr gebe. Und es ärgert ihn, wie die Politik damit umgeht. Maass wünschte sich mehr Respekt für Kulturschaffende. „Wir sind nicht mehr im Mittelalter“, sagt er. Sondern Teil der Kreativwirtschaft, die ein wachsender Wirtschaftszweig sei, dem man nun sang-und klanglos den Hahn abgedreht habe. Und doch bleibt ein Funken Hoffnung: „Vielleicht lernen wir daraus.“

Mehr Informationen

zu Stephan Maass unter maassmusic.com und unter seinem Namen in den sozialen Medien.

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