+
Die verfaulten Schilfwurzeln im tieferen Wasser. 

Naturschutz

Jagdrecht und Natur Hand in Hand

  • schließen

Dr. Bernhard Ernst, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Ammersee, sieht keinen Widerspruch bei der erweiterten Ausübung des Jagdrechts auf dem See. Im Gegenteil, diese Hege hält er für nötig. Am liebsten durchgeführt von den Fischern und vom See aus. Beim Einholen der Netze morgens um 6 Uhr  erklärt er warum.

Utting/Herrsching/Aidenried – Als Biologe versucht Dr. Bernhard Ernst das große Ganze zu wahren, das Gleichgewicht. Im Rahmen seiner Promotion habe er sich mehr als acht Jahre mit dem Ammersee auseinandergesetzt. Als Fischer noch viel länger. Aus seiner Sicht ist es am Ammersee aus dem Ruder gelaufen. Gänse verkoten nicht nur Badebereiche, „es gibt durch sie auch kaum noch Wasserschilfbereiche am See“. Wasserschilf ist unter anderem Lebensraum für viele Kleinfische. Das größte Problem sei die Einschränkung der Seejagd, meint der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft Ammersee.

Morgens um 6 Uhr gehört der Ammersee in den Sommermonaten den Fischern noch allein. Die Ruhe hat etwas Meditatives. Etwa 20 Fischereirechte von einst 160 werden auf dem früher als Bauernsee bekannten Gewässer noch ausgeübt. Es ist Passion, es ist auch Faszination, wenn sich zum Beispiel ein Regenbogen in strahlenden Farben über dunkle Gewitterwolken spannt, erzählt Ernst. Denn vom Fisch allein könne kein Fischer leben, „konnte er noch nie“, so Ernst. Alle hätten ein zweites Standbein – schon immer.

Der Biologe hat sich dem Leben mit der Natur und dem Rhythmus, den der See vorgibt, verschrieben. In den Sommermonaten fünf Tage die Woche, im Winter weniger und auch nicht gleich bei Sonnenaufgang. Der 46-Jährige ist in seiner Familie Fischer in „mindestens zehnter Generation“ und hofft, das eine seiner beiden noch kleinen Töchter – vier und sieben Jahre alt – einmal seine Nachfolge antritt, „oder deren Freund“, sagt er und lacht.

Rund 20 Kilo Fisch am Morgen

Ernst freut sich, dass es gerade gut läuft, „nach vielen Jahren, die wir jammerten“, gesteht er. Sogar für eines der ältesten Fischrechte am Ammersee in Stegen, dem der Familie Böck, habe sich wieder ein junger Fischer gefunden. „Die Fänge sind gut. Wir können nicht klagen.“ Bestimmt 20 Kilo landen an diesem Morgen in seiner Plastikwanne, „denn in einem guten Jahr zählt der Fischer nicht“. Das war nicht immer so. „Vor zwei Jahren wäre nicht ein Fisch im Netz gewesen.“ Damals nagte der Kormoran an der Geduld der Fischer, an ihren Netzen und an den Fischen. Der Kormoran ist immer noch präsent, aber die Fische gedeihen gut.

Auch vor zwei Jahren stritten die Fischer ums Jagdrecht, denn der Kormoran, der ihnen selbst den mageren Fang noch streitig machte, kann nur vom See, also vom Boot, bejagt werden. Das ist auf dem Ammersee seit 2008 nicht mehr erlaubt. Seitdem tendieren auch die amtlichen Abschusszahlen für Gänse und Enten gegen Null. Und die wenigen Tiere, die geschossen wurden, landeten im Wasser. „Kollegen haben mir erzählt, dass sie von den Jägern dann gebeten wurden, die Vögel aus dem Wasser zu holen.“ Das ärgert ihn: „Wir werden nicht die Drecksarbeit machen, weil andere ihrer Hegepflicht nicht nachkommen oder ohne Boot nicht nachkommen können.“

Gemeinsam mit Herrschings Bürgermeister Christian Schiller hatte Ernst an einem für ihn enttäuschenden Gesprächstermin im Umweltministerium teilgenommen (wir berichteten). Da die Pacht ausgelaufen war, hatte Ernst die Hoffnung, dass die Jagdpacht zurück an die Fischer vergeben werde. Die Regierung entschied im April anders, beließ sie bei den auswärtigen Pächtern. Das zuständige Landratsamt Landsberg habe dies auch so anerkannt, so Pressesprecher Wolfgang Müller. Aber nicht nur Herrsching, sondern in Aidenried kämpfe auch die Gemeinde Pähl mit den Gänsen und den durch die Zerkarien in ihrem Kot ausgelösten Hautausschlag auf der menschlichen Haut. Pähls Bürgermeister habe einen Abschussplan einfordern wollen. Alle gemeinsam warten auf ein noch ausstehendes Gespräch mit dem Landwirtschaftsministerium, dass das Jagdrecht am Ende formuliert. Momentan laufe Ernsts Meinung nach jedoch alles darauf hinaus, das Jagdrecht am See irgendwann einzustellen. Ein verheerender Gedanke für ihn.

Jedes Jahr Hochwasser fürs Schilf

Als Fischer steuert Ernst an diesem Morgen eines der letzten Wasserschilfbereiche im Ammersee an; am Ufer in Schondorf. „Hier kann man deutlich die verfaulten Wurzeln erkennen“, sagt er und zeigt ins Wasser. Seit einem Hochwasser in den 60er Jahren habe das Schilf Probleme. „Dann kamen die Gänse. Seitdem erlebt das Schilf jedes Jahr Hochwasser“, weil die Gänse die Halme kurzfräßen, diese dann mit Wasser volllaufen könnten und verfaulten. Das führe dazu, dass das Schilf mit seiner kurzen Vegetationsphase im Frühsommer nicht mehr im tieferen Wasser wurzele. Ernst spricht von einem „beträchtlichen Schaden für den See, auch für die Natur“.

Als Wissenschaftler weiß er um den komplexen Lebensraum einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt, „aber der See ist ganz nebenbei auch Heimat-, Arbeits-, Ruhe- und Raststätte vieler Menschen“, betont er. Ernst kämpft für sich und seine Zunft deshalb um den Fortbestand eines Gleichgewichts und formuliert Lösungsvorschläge aus. „Nach fünf Jahren kann man ja ermitteln, ob die Vogelwelt tatsächlich leiden musste.“ Wenigstens diesen Versuch wünsche sich der 46-Jährige als Fischer, Wissenschaftler und Anwohner des Ammersees. Ihnen allen liege ein gesundes Gewässer am Herzen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

3000 Gäste beim Weinfest
Das Weinfest der JM Tutzing war ein absoluter Renner. Die Veranstalter schätzen, dass rund 3000 Besucher an die Brahmspormenade kamen.
3000 Gäste beim Weinfest
Tölgyesi will kein Freizeitteam trainieren
Die Handballdamen des TSV Herrsching suchen einen neuen Coach. Aufstiegstrainerin Noemi Tölgyesi wollte mit dem vorhandenen Kader nicht das Abenteuer Landesliga wagen …
Tölgyesi will kein Freizeitteam trainieren
Touring Yacht-Club Tutzing klebt das Pech an der Pinne
Nach zwei Spieltagen in der Segel-Bundesliga liegt der Deutsche Touring Yacht-Club Tutzing nur auf Rang 13 der Tabelle. Der zweifache Deutsche Meister und ehemalige …
Touring Yacht-Club Tutzing klebt das Pech an der Pinne
Stadträte: Rieskamp soll beim Tunnel-Spatenstich sprechen
Starnbergs Bürgermeisterin Eva John lehnt es ab, beim offiziellen Spatenstich für den B2-Tunnel in Starnberg ein Grußwort zu sprechen. Nun soll diesen Part ihr …
Stadträte: Rieskamp soll beim Tunnel-Spatenstich sprechen

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.