+
Von Breitbrunn aus verfolgt der emeritierte Professor Dr. Georg Denzler aufmerksam und besorgt die aktuellen Berichte und D iskussionen über die Zukunft der katholischen Kirche. 

Im Porträt

„Der Zölibat ist schädlich“

  • schließen

„Als Mönch weiß man doch, worauf man sich einlässt, als Weltpriester – nein.“ Und doch ist es das eine Thema, das beide umtreibt: der Zölibat. Georg Denzler, den Weltpriester, und Anselm Bilgri, den ehemaligen Ordensmann. Für beide hängt dieses Thema untrennbar mit den aktuellen Missbrauchsvorwürfen zusammen.

Breitbrunn – Der eine ist heute 88 Jahre alt, lebt in Breitbrunn, wurde 1973 vom Priesteramt suspendiert und heiratete seine Frau Irene: Professor Dr. Georg Denzler. Der andere ist 64 Jahre alt, lebt in München und war von 1986 bis 2003 Cellerar der Benediktinerabtei St. Bonifaz und Andechs. Nach einem Sabbatjahr entschied er sich 2004, nicht wieder in sein Heimatkloster auf dem Heiligen Berg zurückzukehren: Anselm Bilgri. Denzler hat einige Bücher über den Zölibat veröffentlicht. Bilgris Beitrag „Bei aller Liebe“ ist soeben im Piper-Verlag erschienen.

Denzler und Bilgri kennen sich gut. „Anselm war schon eine Ausnahmeerscheinung. Er hat eine Entwicklung gemacht, die ganz konsequent dahin führte, wo er jetzt ist“, sagt Denzler. Nach Bilgris Ordensaustritt haben sie sich aus den Augen verloren. „Wir hatten ihn eingeladen“, erzählt Denzler. Doch blieb es dabei.

In hochachtungsvoller Erinnerung blieb Denzler Bilgri gleichwohl. „Der zweifellos best informierte Theologe zum Thema Zölibat ist Denzler (88). Der emeritierte Professor für Kirchengeschichte“, schreibt Bilgri in seiner Danksagung am Ende seines Buches und verweist auch auf dessen jüngste Veröffentlichung – „Die Geschichte des Zölibats“. Seinem Buch und vielen Begegnungen mit ihm verdanke er den roten Faden und zahlreiche wertvolle Hinweise, schreibt der ehemalige Cellerar.

Denzler ist gerührt. Er wusste von dem Nachwort und seiner Erwähnung nicht, bis er das Buch in Händen hielt. Wer hätte gedacht, dass beide ein ähnliches Schicksal ereilt – im besten Sinne, denn beide haben ihren Frieden gefunden. Beide sind Priester. Denzler ist suspendiert, wurde aber nie vom Priesteramt entbunden. „Persönlich fühle ich mich als Priester und ebenso als Ehemann und Vater. Für diese Kombination, wie sie im ersten Jahrtausend der Kirche selbstverständlich war, trete ich ein.“ Sein größter Wunsch war es zwar, weiter Messen halten zu dürfen. Man ließ ihn aber nicht. Auch Bilgri blieb nach seinem Austritt ein offizieller Einsatz als Seelsorger in seiner Diözese München-Freising verwehrt, so gerne es gewollt hätte.

Denzler hatte in Breitbrunn, wo er seit 1971 lebt, lange Zeit den zuständigen Pfarrern ehrenamtlich Aushilfsdienste geleistet. Die Breitbrunner nannten Denzler ihren Pfarrer, er war es aber nie. Der gebürtige Bamberger wurde 1955 zum Priester geweiht, war aber nur vier Jahre lang Kaplan. Als Denzler 1973 heiratete, wurde er wie zu erwarten vom Priesteramt suspendiert. Blieb aber in Breitbrunn. Bis heute ist er in der Pfarrei ein geschätztes Mitglied. Viele Jahre arbeitete er im Pfarrgemeinderat mit. Als Denzler an den Ammersee kam, zunächst nach Buch, wusste er eigentlich, dass sein Platz nicht in der Seelsorge ist. „Sonst hätte ich nicht habilitieren wollen.“ Schon damals wurde er von seiner Frau Irene begleitet.

Von 1963 bis 1971 hätten sie am Ammersee zölibatär in einer Wohngemeinschaft gelebt, bis sie sich das Haus in Breitbrunn bauten. Kennen gelernt haben sie sich schon in Denzlers Heimatdiözese Bamberg. Er war schon Kaplan. Sie hatten sich auch nicht aus den Augen verloren, als er 1959 für seine Promotion in München insgesamt drei Jahre beurlaubt wurde. Für seine Heimatpfarrei St.Vitus Burgebach stand er aushilfsweise weiter zur Verfügung, genau so war es später in Buch.

Die Absicht zu heiraten, sei erst viele Jahre später gekommen. Als die Entscheidung fiel, dass er habilitieren darf, zogen sie erstmal nur zusammen. „So kamen wir nach Buch.“ 1967 wurde Denzler Privatdozent in München, 1971 erhielt er in Bamberg seinen ersten Lehrstuhl für Kirchengeschichte. Erst als ihm dieser Lehrstuhl sicher war, sagte sich das Paar: „Was hindert uns daran, ein Kind zu haben?“ Damals lebten sie schon zwei Jahre in Breitbrunn. „Alle wussten von uns, meine Frau wurde behandelt wie – meine Frau.“

Als sie schwanger wurde, hätten sich die Breitbrunner mehr Sorgen gemacht, ob sie „ihren Pfarrer“ verlieren, der er ja nie war und irgendwie doch. „Das Kind war da. Ich habe dann monatelang noch gewirkt, bis der Augsburger Bischof mich vor die Wahl stellte.“ Eine Trennung von seiner Frau kam für Denzler aber nicht in Frage. Die Denzlers hinderte also nichts mehr daran zu heiraten, „im selben Jahr, aber ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes. Bürgermeister Jakob Schrafstetter hat uns getraut“. Und die Breitbrunner stellten sich hinter Denzler.

Denzler bezeichnet sich weiter als Priester. „Die Weihe bleibt ein Leben lang gültig. Sie kann nicht annulliert werden. Sie sagten mir, innerlich bist du Priester, äußerlich nicht mehr“, erzählt Denzler. „So eine Idiotie“, schimpft er noch heute. Schon als Denzler die ersten Vorträge zum Zölibat Ende der 1960er Jahre vor 500 Priestern hielt, hielt er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. „Bei diesem Vortrag in der katholischen Akademie Bayern, sprach ich sehr forsch über die Geschichte des Zölibats. Da habe ich mir viele Feinde unter den Professoren verschafft. Nicht in München, da waren einige sogar erfreut. Aber anderswo“, weiß er. An seiner Meinung hat dies nichts geändert. Bis heute nicht: „Zölibat ist überflüssig, schädlich.“ Das Zölibatsgesetz stammt von 1139. „Vorher gab es das nicht, Empfehlungen, ja“, sagt Denzler, „aber verheiratete Bischöfe und Priester gab es bis ins 12. Jahrhundert.“ Bilgri schreibt, dass der Zölibat nur etwa zehn Prozent „zölibatär Hochbegabten“ im Klerus möglich sei. Denzler zweifelt daran nicht.

Zölibat und Priestermangel – für Denzler hängt beides untrennbar miteinander zusammen. Zölibat und Missbrauchsvorfälle ebenso. Wenn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, fordere, „wir sollten Kritik als Ermutigung begreifen, diese Aufgabe anzupacken“ und eine große Veränderung in der Kirche prophezeie, gelinge dies aus Sicht des 88-jährigen Denzlers nur mit der Aufhebung des Zölibats. „Es wäre an der Zeit, dass die Bischöfe – ähnlich der Studie über sexuelle Missbräuche durch Priester – eine Studie über die Lebensführung aller Geistlichen hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Zölibat, das totale sexuelle Enthaltsamkeit besagt, in Auftrag gäben. Erst dann hätten alle Vermutungen und Verdächtigungen ein Ende“, meint der Breitbrunner Theologe.

Eine andere Forderung, „schon lange“, so Denzler, ist es, die Kirche für Frauen zu öffnen. „Ob mit oder ohne Zölibat. Warum weiht ihr nicht auch Frauen zu Priestern?“, fragt er laut. Wenn doch schon Mangel herrsche. „Es klemmt überall.“ Für die Kirche seien die Missbrauchsfälle der 11. September 2001, eine Katastrophe vergleichbar mit New York. Denzler senkt seine Stimme traurig, wenn er sagt: „Aber es rührt sich nichts. Vielleicht, wer weiß, sagt der Papst eines Tages, so geht es nicht weiter. Die Situation ist völlig offen.“

Diese disziplinäre Frage sei für die Zukunft der Kirche entscheidend: weiter hinunter oder Besinnung? „Das sagt auch Bilgri“, weiß Denzler. „Es ist für die Seelsorge kein Gewinn, sondern im Gegenteil, ein Schaden.“ Priester aus anderen Teilen der Welt zu holen, sei nicht die Rettung der deutschen Kirche.

Denzler selbst gehörte bis vor etwa einem halben Jahr zu den regelmäßigen Kirchgängern der Pfarrei Breitbrunn. „Für uns gehörten die Sonntagsgottesdienste einfach dazu“, erzählt er. Heute nicht mehr, da Seelsorge nur noch darin zu bestehen scheine, so viele Gottesdienste wie möglich zu halten und zu organisieren. Der Tribut, den Pfarreienzusammenlegungen und Priestermangel mit sich bringen. Denzler beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. In Breitbrunn finden die Sonntagsgottesdienste mittlerweile samstags statt. „Das war damals unvorstellbar. Der Sonntag wird entweiht. Er wird unbedeutend, wenn er nicht mehr stattfindet.“ Das sei keine Seelsorge mehr. „Die Priester sind nicht bei den Menschen. Man muss auf Menschen zugehen.“ So habe Denzler es gemacht, und wenn einer evangelisch war und in die Kirche kam, habe er ohne zu überlegen natürlich auch ihm die heilige Kommunion erteilt. „Vor 40, 50 Jahren war das für mich kein Problem.“ Das Korsett, dass die Kirche schnürt, werde immer enger. Es fange beim Zölibat an.

Bucherscheinungen:

Es gibt unzählige Veröffentlichungen von Georg Denzler. Der Kirchenhistoriker und Theologe schrieb Bücher, Lexikonartikel, Beiträge in Sammelwerken, Besprechungen, Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften, war Herausgeber der 43 Bände „Päpste und Papsttum“ im Verlag Hiersemann in Stuttgart. Dem Thema Zölibat hat er drei Bücher gewidmet:

 -Die Geschichte des Zölibats, 2. Auflage 2015 im Herder Verlag erschienen.

 -„Die verbotene Lust. 2000 Jahre kirchliche Sexualmoral“, 2012 als Sonderausgabe im Verlag Gemini in Berlin erschienen, 1997 im Seehamer Verlag in Weyarn.

 -„Mein 44. Jahr: Rund um das Zölibatsgesetz. Persönliche Bilanz eines Kirchenhistorikers“, 2014 erscheinen im Verlag LIT.

Auch von Anselm Bilgri, heute Coach, Mediator und Autor, gibt es unzählige Veröffentlichungen auch bereits aus der Zeit als Benediktinermönch in Andechs. Mit dem Zölibat, den er als Lebenslüge bezeichnet, beschäftigt er sich in seinem jüngsten Buch:

 -Bei aller Liebe, warum die katholische Kirche den Zölibat freigeben muss. Soeben im Piper-Verlag erschienen.

Lesen Sie auch: Katholische Kirche: Erzbischof sagt: Papst könnte Zölibat abschaffen

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Damit der Boden für den B2-Tunnel fest wird: So funktioniert das Düsenstrahlverfahren
Für den Bau des B2-Tunnels sind komplexe Maßnahmen nötig. Eine davon: das Düsenstrahlverfahren. Wie es funktioniert und was tief in der Erde passiert, hat das Bauamt …
Damit der Boden für den B2-Tunnel fest wird: So funktioniert das Düsenstrahlverfahren
Polizei sucht Zeugen für wilde Schleuderpartie
Im Baustellenbereich am Autobahndreieck Starnberg hat ein Autofahrer ein Trümmerfeld hinterlassen - er fuhr Baken um und rutschte auf einer Wand entlang. Warum? Die …
Polizei sucht Zeugen für wilde Schleuderpartie
Mehr Missbrauchsvorwürfe als gedacht: Polizist aus Tutzing gesteht
Die Missbrauchsvorwürfe gegen einen 58 Jahren alten Polizisten und Feuerwehrmann aus Tutzing sind offenbar umfangreicher als bisher bekannt. „Er ist kooperativ und weiß, …
Mehr Missbrauchsvorwürfe als gedacht: Polizist aus Tutzing gesteht
Motorradfahrer kracht in Pkw
Die Ausfahrt mit dem Bike endete tragisch: Ein junger Motorradfahrer ist bei Gauting in einen Wagen gekracht und schwer verletzt worden. 
Motorradfahrer kracht in Pkw

Kommentare