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Reizwort: „Verkehrssicherheit“ - Fällaktion in Herrsching

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Von: Andrea Gräpel

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Die Stämme der alten Weiden links vom Kienbach faulen durch. Die müssen laut Experten gefällt werden. Die Nachbarn vermuten andere Gründe hinter der Fällung.
Die Stämme der alten Weiden links vom Kienbach faulen durch. Die müssen laut Experten gefällt werden. Die Nachbarn vermuten andere Gründe hinter der Fällung. © grä

Das Wort „Verkehrssicherheit“ ist in Herrsching zu einem Reizwort geworden. Wenn es um Baumfällungen geht, werde sich dahinter versteckt, sagt Christine Voit. Mehr noch empfindet sie es als „Totschlagargument“, das bei den laufenden Fällungen gemeindlicher Bäume erneut herangezogen worden sei.

Herrsching – Wie berichtet, haben gestern in Herrsching Baumfällarbeiten begonnen. Eine Fortsetzung dessen, was im Frühjahr vergangenen Jahres begonnen wurde. Betroffen davon auch drei Silberweiden am Kienbach zwischen Fischergasse und Kienbachstraße. Auf Höhe der Brücke wohnen auch Christine Voit und Wolfgang Aigner seit 2014. Seither wurde viel gebaut, die Baumgruppe an der Brücke bildet nicht nur für sie letzte grüne Oase. Voit und Aigner sind Geografen und haben im Nebenfach Forstwirtschaft studiert. Die beiden befürchten, dass die Baumfällung in Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz steht, dass der Bach „in ein Korsett gezwängt werden soll“, so Wolfgang Aigner. Dabei sind es doch die Bäume, die das Bachbett festigten. Und dass der Kienbach über die Ufer trat, sei zuletzt im 19. Jahrhundert geschehen.

„Ich bin nicht mehr in dem Alter, dass ich mich an Bäume kette“, sagt Christine Voit. Aber kämpfen will sie um die Bäume. Als sie und auch eine Nachbarin von der Kienbachstraße, Isolde Haverkamp, bei den ersten Sicherungsmaßnahmen mit den Baumpflegern gesprochen hatten, hätten auch diese gesagt, dass die Bäume überleben könnten.

Im März 2021 wurden die Weidenkronen weggeschnitten, nachdem ein Baumkontrolleur auf den Zustand der Bäume aufmerksam gemacht hatte. Danach wurde ein Gutachten erstellt, dass bestätigt habe, dass die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet sei. Da ist es wieder, dieses Wort. „Der Baumstamm ist von unten hohl“, sagt Franziska Kalz, Umweltreferentin im Rathaus Herrsching. „Das hört man, wenn man dagegen klopft.“ Es sei nicht beabsichtigt, die Stöcke zu roden, versichert sie. Und vielleicht würden die Stämme der Weiden auch noch so hoch gehalten, dass sich die Insekten weiter entwickeln können.

Christine Voit und Isolde Haverkamp verweisen auf zahlreiche Vögel und Fledermäuse, die die von Efeu umrankten Weiden bewohnen. „Schon jetzt sind viele da. Der Winter ist ja nicht so streng. Ich kann sie von meinem Balkon aus sehen“, sagt Isolde Haverkamp. Im vergangenen Jahr wurde die Sicherungsmaßnahme später durchgeführt. Das sei auch der Grund gewesen, warum die Bäume nur beschnitten wurden, erklärt Franziska Kalz. „Weil die Setz- und Brutzeit schon eingesetzt hatte.“ Baumpfleger Sebastian Singer, dessen Firma den Sicherungsschnitt damals durchführte, bestätigt, dass diese Arbeiten nur zur Überbrückung dienten: „Ich hatte direkt gesagt, dass es nicht verantwortbar ist, die Bäume stehen zu lassen. Die Faulstellen haben sich weiter entwickelt.“ Er hätte deswegen dringend zur Fällung geraten, allerdings deutlich vor der Setz-  und Brutzeit. Mit den Arbeiten wurde gestern an Bäumen am Seeufer begonnen. Danach folgen die Weiden am Kienbach.

Pilze am Stammfuß dieser Weiden würden den Stamm auffressen, sagt Leo Gruber. Er ist nicht nur Gemeinderat (BGH), sondern auch freiberuflicher Baumpfleger. „Die leben nicht mehr lange“, meint er. Auch wenn sie im vergangenen Jahr neu austrieben, sei das kein Zeichen, dass sie vital seien. „Das sind einfach alte Weiden, die an dieser Stelle gar nicht den Platz haben, sich noch größer auszubilden.“ Etwa wie die alte Weide am Alten Sportplatz. Leo Gruber wisse von keinem Zusammenhang der Fällung mit dem Hochwasserschutz, versichert er. Die grüne Oase sei für ihn auch nicht in Gefahr: „Das steht noch eine Esche, und da ist auch Unterbewuchs, der wieder hochwächst“, sagt er zuversichtlich. Der Gemeinderat glaubt auch, dass die Weiden wieder austreiben, wenn die Wurzelstöcke bleiben – was sie nach Aussage von Franziska Kalz sollen.

Allein den Nachbarn fehlt der rechte Glaube. „Wo man hinschaut, es wird einfach abgeholzt“, bedauert Isolde Haverkamp. Auch sie wähnt den Hochwasserschutz hinter der Aktion. „Da stören die Bäume.“ Wen sollten sie gefährden, fragen sie und Christine Voit. Die Stämme reichten kaum über die Straße. Emotion steht gegen Expertise.

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