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Sie weiß viel zu erzählen über die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: Dr. Friedrike Hellerer. 

Ortsgeschichte

Eingetaucht in ein einst „braunes Nest“

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Herrschings Gemeindearchivarin Dr. Friedrike Hellerer forscht weiter in den dunkelsten Jahren der Herrschinger Geschichte. Jetzt hielt sie den dritten Vortrag aus ihrer Dissertation.

Herrsching – Es war ein kompaktes Kapitel, aus dem Herrschings Gemeindearchivarin Dr. Friedrike Hellerer vorlas. Diesmal waren es die Jahre 1923 bis zur Machtergreifung Hitlers – so wie sie im Landkreis Starnberg und vor allem in Herrsching bekannt sind, einem „braunen Nest“, wie die Gemeindearchivarin meint. Es ist der dritte Vortrag aus ihrer Dissertation über die NSDAP, zu dem die Herrschinger Heimatforscher einluden.

Das Interesse daran wächst, werden doch viele Namen genannt. Gefragt, ob sie keine Angst habe, sich angreifbar zu machen, sagt Friedrike Hellerer mit überzeugender Stimme: „Nein, überhaupt nicht.“ Im Gegenteil scheint es ihr ein Anliegen, gerade in dieser Zeit auf ihre Recherchen aufmerksam zu machen, auf die Propaganda. „Es gibt viele erschreckende Parallelen zu heute“, findet sie.

Der Freistaat hatte Hitler seinerzeit die deutsche Staatsangehörigkeit verwehrt. Die erreichte er später in Hannover. Anhänger hatte Hitler gleichwohl – im Landkreis und in Herrsching. Allen voran nennt Friedrike Hellerer Hans Xaver Buchner, Bürgermeister der Stadt Starnberg und später Reichstagsabgeordneter. Sein 1938 erschienenes Buch „Kamerad! Halt aus!“, auf das die Historikerin per Zufall gestoßen war, relativiert vieles, was später in den Spruchkammerakten steht. Er zitiert darin aus Protokollbüchern und Unterlagen aus dem NSDAP-Kreisarchiv. Für die Historikerin wurde dies zu einer ebenso wertvollen Quelle wie die Spruchkammerakten.

Spruchkammern fällten nach Ende des Zweiten Weltkrieges ab 1946 Urteile darüber, wer in den Nationalsozialismus verstrickt war oder nicht. Gestützt haben sich die Urteile unter anderem auf die Aussagen der Betroffenen. Friedrike Hellerer kennt jede einzelne Spruchkammerakte aus dem Landkreis. Ihre Recherchen hat sie in ihrer 450 Seiten starken Doktorarbeit festgehalten. Im vergangenen November begann sie mit dem ersten Vortrag daraus. Dies nun war der dritte.

Der erste NSDAP-Ortsverband im Landkreis gründete sich unter dem Vorsitz Buchners gleich 1925 in Starnberg, nachdem das Parteiverbot aufgehoben worden war. Ein Jahr später folgte Herrsching. Im ehemaligen Bahnhofsrestaurant, dem heutigen Andechser Hof, wurden Karl Bichler und Fritz Reinhardt an die Spitze gewählt. Zwei Jahre später wurde Reinhardt zweiter Bürgermeister in der Ammerseegemeinde. Er erwarb kurz darauf die Villa auf dem Grundstück der Schindlbeck-Klinik, die erst ab 1946 zum Krankenhaus umgebaut wurde.

Reinhardt schenkt Friedrike Hellerer besondere Bedeutung. Der spätere Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, der 1925 oder 1926 an den Ammersee gekommen sei, gilt als Gründer der Finanzhochschule in Herrsching, die 1929 offizielle Rednerschule der NSDAP zur Ausbildung von Propagandarednern wurde. Mit ihm im Hintergrund gründete sich in Herrsching auch die erste Sturmabteilung (SA) im Bezirk, so Friedrike Hellerer. „Ihr Saalschutz war gefürchtet“, so die Archivarin. 1931 konnte die SA auf eine 100 Mann starke Truppe zurückgreifen. Reinhardt mit seiner Rednerschule wurde zum Gegengewicht des Einzelkämpfers Buchner in Starnberg. „Zusammen aber bildeten sie ein effektives Team“.

Auch die Schutzstaffel (SS) zum Schutze Hitlers, die sich bereits 1925 in Starnberg gegründet hatte, sei eine der ältesten gewesen, und war „Geburtshelfer“ der Ortsgruppe der NSDAP in Herrsching. „Obwohl eine echte deutsche Frau vor allem Gattin und Mutter zu sein hat“, so Friedrike Hellerer, gründeten sich 1931 zudem eine Reihe NS-Frauenschaften. 14 seien es im Landkreis gewesen.

Reinhardts Wahl in den Herrschinger Gemeinderat wurde seinerzeit angefochten. Nach den Neuwahlen 1931 aber gehörte er dennoch wieder dem Gremium an. Mit seinem Amt als zweiter Bürgermeister kann er die Mitgliederzahlen der NSDAP in Herrsching verdoppeln. Der Landkreis, so Hellerer, ist da schon „Großkampfgebiet für NS-Versammlungen“. Der Anteil der Bauern jedoch, so die Archivarin, sei insgesamt gering gewesen, er sei erst ab 1933 gewachsen. „Es ist verblüffend, dass Herrsching so deutlich braun geworden ist“, findet Friedrike Hellerer. Bis 1903 war der Ort noch ein Bauern- und Fischerdorf. Dann kam die Zugverbindung, der Tourismus nahm zu, „die Strukturen haben sich schnell gewandelt“. Im Jahr 1935/36 zählt die Gemeinde 2700 Einwohner, Mitte der 20er Jahre lag die Zahl bei 1400, „das war noch sehr überschaubar, da kannte man sich“.

Und einige der etwa 25 Zuhörer am Donnerstag im Andechser Hof in Herrsching wiederum kannten noch die Namen, die genannt wurden. Namen wie zum Beispiel Rudolf Hanauer, späterer Präsident des Bayerischen Landtages, oder Ludwig Schertel, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde. Den einen oder anderen treibt die Frage bis heute um: Wie nah standen sie der NSDAP?

Das Thema ist komplex und für Friedrike Hellerer nicht kurz zu fassen. Ihre Doktorarbeit endet 1938. Bis dahin könne sie noch zwei oder drei weitere Vorträge halten. Der nächste und damit vierte Vortrag findet am 5. Juli wieder im Andechser Hof statt.

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