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Die Historikerin Dr. Friedrike Hellerer stieß bei der Arbeit an ihrer Dissertation auf Namen von Opfern der Nationalsozialisten und war überrascht, dass es nur einen Stolperstein im Landkreis gibt, jener, der in Feldafing an Emma Bonn erinnert.

Erinnerung an Nationalsozialismus

Viele Opfer, keine Erinnerung

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Herrschingerin arbeitet an einer Landkreis-Memoria aus der Zeit der Nationalsozialisten.

Herrsching – Die Opfer kommen immer zu kurz, findet Dr. Friedrike Hellerer. Die Herrschingerin hat sich der Geschichte zur Zeit des Nationalsozialismus im Landkreis Starnberg verschrieben, hat ihre Doktorarbeit zu diesem Thema verfasst und wurde für die viel beachtete Aufarbeitung 2018 mit dem Anerkennungspreis des Landkreises ausgezeichnet. Schon nach den sechs Vorträgen, in denen sie ihre rund 450 Seiten starke Arbeit für den Verein für Archäologie und Geschichte Herrsching einem breiten Publikum bekannt machte (wir berichteten), sagte sie, dass es eine Fortsetzung geben könnte, eine Fortsetzung nämlich über die Opfer, die es im Landkreis gab. Es sind eine ganze Menge.

Durch die Arbeit an ihrer Dissertation stieß Friedrike Hellerer automatisch immer wieder auf Namen von Opfern. „Und dann habe ich herausgefunden, dass es nur einen Stolperstein im Landkreis gibt, sonst nichts, was an die Opfer erinnert.“ So keimte schon während der Doktorarbeit die Idee, in irgendeiner Form eine Memoria zu entwickeln. Also fing sie an.

Ein Jahr ist dies her. Fast 300 Opfer sind ihr bislang bekannt. Vor allem sind dies Sterilisationsopfer, auch jüdische Opfer und so genannte T4-Opfer. Die Aktion T4 ist eine nach 1945 gebräuchlich gewordene Bezeichnung für die systematische Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Deutschland von 1940 bis 1945. Dies geschah unter der Leitung der Zentraldienststelle T4. Das T steht für Tiergarten, denn in der Tiergartenstraße 4 in Berlin hatte die Behörde, die die Tötungen veranlasst hatte, ihren Sitz.

Friedrike Hellerer konzentrierte sich bei der Suche in den Matrikel- beziehungsweise Sterbebüchern der Kirchen auf den Sterbeort. Denn Menschen aus dem Landkreis wurden in der Regel nach Oberösterreich gebracht, in das Schloss Hartheim bei Linz. Insgesamt gab es von 1940 bis 1941 sieben solcher Tötungsanstalten. Nachdem die „Aktion T4“ eingestellt werden musste, wurde sie bis zum Kriegsende unter dem Aktenzeichen „Sonderbehandlung 14f13“ lediglich auf die Bezirkskrankenhäuser verteilt, zum Beispiel nach Haar. Gestoppt wurde die Gräueltaten nicht.

Knapp 25 T4-Opfer sind Friedrike Hellerer aus dem Landkreis Starnberg bekannt. Menschen mit Diagnosen wie „Lebensunwertes Leben“, „Ballastexistenz“, „Kriegszitterer“ (etwa traumatisierte Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg), aber auch Alkoholkranke erhielten diese „Sonderbehandlung“. Viele der Diagnosen erfolgten willkürlich. Zum Teil hatte der ausstellende Arzt das Opfer gar nicht zu Gesicht bekommen.

Friedrike Hellerer, im Hauptberuf Gemeindearchivarin in Herrsching, wurde die Suche nicht leicht gemacht. „Ich darf die Namen nicht nennen.“ Ihr seien extreme Auflagen gemacht worden, bis sie überhaupt Einblick in die Archive bekam.

Die größte Anzahl Opfer gibt es bei der Zwangssterilisation. „Es sind mehr als 200 aus dem Landkreis betroffen gewesen“, sagt die Historikerin. Und es gibt jüdische Opfer aus dem Landkreis. Das einzig bekannte ist Emma Bonn. Die in New York geborene Schriftstellerin lebte seit 1913 in Feldafing und war schwer krank. Im Mai 1942 wurde sie ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo sie wenig später zu Tode kam. Der Kunst- und Museumsverein Starnberger See hat 2012 einen so genannten Stolperstein mit Messingplatte vor dem Haus in Feldafing ins Pflaster verlegen lassen, um an Emma Bonn und ihr Schicksal zu erinnern.

Auf der Suche nach weiteren Namen und Lebensgeschichten blieb es Friedrike Hellerer bislang verwehrt, auf Familienangehörige zu treffen. „Es geht nicht darum, Namen zu veröffentlichen“, versichert die Herrschingerin. Ihr gehe es mehr darum, wie Familien mit diesen Schicksalen umgegangen sind. Zum Beispiel nimmt sie an, dass es in einem Fall die Familie war, die ihre Tochter in die Schweiz geschickt hatte, damit sie nicht zwangssterilisiert wurde. In einem anderen Fall ist ihr bekannt, dass eine unverheiratete Frau mit zwei Kindern bei der dritten Schwangerschaft zwangssterilisert wurde. Der Grund: „Zirkuläres Irresein mit erblicher Fallsucht oder Veitstanz“. „Möglicherweise haben die Kinder überlebt, vielleicht leben sie noch im Landkreis. Vielleicht gibt es Fotos.“ Für Friedrike Hellerer wären Informationen von dieser Seite Gold wert. „Vielleicht gibt es auch jemanden, der von einem Fall weiß, gerne mehr erfahren würde, aber nicht weiß, wie er an die Unterlagen kommt.“ Die Historikerin könnte auch behilflich sein.

Das Projekt „Opfer der Nationalsozialisten“ ist noch in den Anfängen, deshalb aber nicht weniger spannend. Bevor daraus ein Buch wird, soll zunächst die Doktorarbeit publiziert werden. „Sie ist gerade in Druck. Das Buch kommt im Herbst heraus.“ Es war ein langer Weg dorthin. Zur Memoria für die Opfer wird es dies wohl auch.

Kontakt:

Wer zur Recherche über die Opfer des Nationalsozialismus beitragen möchte, kann sich unter f.hellerer@herrsching.de mit der Historikerin kurzschließen.

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