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Mückengeplagter Seeanrainer: Rechtsanwalt Stephan Seiz aus Herrsching will mit einer Petition erreichen, dass die staatlichen Stellen endlich gegen die Plagegeister aktiv werden

Politik zum Handeln aufgefordert

„So schlimm wie noch nie“: Behörden unternehmen nichts gegen Mücken - Anwalt startet Petition

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Dem Herrschinger Rechtsanwalt Stephan Seiz reicht’s. Er sieht sich in seinen Grundrechten verletzt, weil staatliche Stellen nichts gegen die Mückenplage am Ammersee unternehmen.

Herrsching – Es summt und pikst, es juckt und schmerzt: Heerscharen von Mücken machen seit geraumer Zeit vielen Menschen das Leben am Ammersee schwer. Stephan Seiz will das nicht länger hinnehmen. Seit mehreren Jahrzehnten lebt und arbeitet der Rechtsanwalt in Herrsching, sein Haus steht keine hundert Meter vom Ufer entfernt – „so etwas wie jetzt habe ich aber noch nie erlebt“, sagt der 62-Jährige im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. „Wir können unser Grundstück nicht mehr nutzen, wir können draußen nicht mehr sitzen und Arbeiten verrichten.“ Und: „Wir werden körperlich verletzt und fühlen uns psychisch unwohl.“

Mückenplage am Ammersee - „Untätigkeit der zuständigen staatlichen Stellen“

Die Übeltäter sind natürlich die Mücken, die Ursache für deren gewaltiges Vorkommen sieht Seiz aber im Verhalten der politisch Verantwortlichen, wörtlich in der „Untätigkeit der zuständigen staatlichen Stellen“. So schreibt es der Anwalt in einer Petition an Landrat Karl Roth, die Herrschings Bürgermeister Christian Schiller und die Herrschinger Gemeinderäte in Kopie bekommen haben. Seiz sieht „alle Betroffenen, seien es Anlieger, Gäste oder Gewerbetreibende“, durch diese Untätigkeit in ihren verfassungsrechtlich garantierten Rechten auf körperliche Unversehrtheit und auf Schutz ihres Eigentums verletzt. Zudem werde der Artikel 72 des Grundgesetzes missachtet, wonach die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse Verfassungsziel ist.

Für Aufsehen sorgte der Fall eines Fußballspielers, der nach einem Fußballspiel am Ammersee ins Krankenhaus gebracht werden musste - weil Mücken über ihn hergefallen sind.

Anwalt startet Petition wegen Mücken am Ammersee und fordert Politik zum Handeln auf

Die Lösung liegt für ihn auf der Hand: der Einsatz des Eiweißkristalls Bti, dessen Einnahme bei allen 2500 Stechmückenarten tödlich wirkt. 104 dieser Arten kommen in Europa vor. Naturschützer sehen den Einsatz des Mittels kritisch. Seiz versucht aber gleich, einen möglichen Einwand zu entkräften, dass Bti auch die für Menschen völlig harmlosen Zuckmücken dahinrafft. Zum einen lege die Zuckmücke ihre Eier nicht in überschwemmten Wiesen ab, zum anderen müsse das mit den Grundrechten betroffener Bürger abgewogen werden, sagt der Anwalt. Nicht zuletzt handele es sich um ein eng begrenztes Gebiet, in dem das Mittel ausgebracht werden müsse.

Christian Schiller findet Seiz’ Initiative auf Anhieb gut. Herrschings Bürgermeister war vor knapp zwei Jahren im Gemeinderat mit seinem Vorschlag gescheitert, eine Kartierung als vorbereitende Maßnahme für einen Bti-Einsatz vorzunehmen. Auch aus anderen Gemeinden habe er seinerzeit keine Unterstützung bekommen. „Das ist politisch ein sehr schwieriges Thema“, sagt Schiller. Gleichwohl lasse sich die Problematik nicht wegdiskutieren. „Auch wir können nach 15 Uhr nicht mehr draußen sitzen“, sagt er. An anderen Stellen des Ortes, etwa rund ums Rathaus, sei die Situation jedoch nicht ganz so schlimm. Auch Gastronomen am Ammersee haben mit Mücken zu kämpfen.

In der Gemeinderatssitzung am Montagabend hat Schiller noch mal einen zaghaften Vorstoß unternommen und gefragt, ob das Thema noch mal auf die Tagesordnung soll. Die Resonanz: „Es gab querbeet aus allen Fraktionen keinen Bedarf.“

Politisch schwierig sieht auch Innings Bürgermeister Walter Bleimaier die Angelegenheit – auch vor dem Hintergrund des Volksbegehrens zum Schutz der Bienen. Nun mit Spritzmitteln gegen Insekten vorzugehen, „ist sicher nicht Volkes Wille“, sagt Bleimaier. Zudem empfindet er die Mückenplage aktuell nicht mehr so schlimm wie noch vor zwei Wochen.

Auch das mit dem Volksbegehren sieht Rechtsanwalt Seiz anders. In vielen Haushalten würden aktuell Pestizide und andere Gifte „in erheblichem Umfang“ eingesetzt, sagt er. Das hätte langfristig negative Folgen für die Umwelt.

Ammersee: Behörden unternehmen nichts gegen Mücken - Anwalt argumentiert mit Grundgesetz

Dem Landratsamt lag das Schreiben gestern noch nicht vor. „Wir werden Herrn Seiz aber auf jeden Fall antworten“, heißt es. Sollte diese Antwort für ihn unbefriedigend ausfallen, denkt der Anwalt bereits über weitere Schritte nach. „Es gibt Überlegungen, die Verwaltungsgerichte einzuschalten.“

Ausreden lässt der Jurist übrigens nicht gelten: Die in der Verfassung garantierten Grundrechte erschöpften sich nicht in ihrer Bedeutung als Abwehrrechte gegen staatliche Eingriffe, schreibt er. Vielmehr ergebe sich aus der gängigen Rechtslage „eine Pflicht der zuständigen Stellen, die Verletzung der Grundrechtssituation für Anlieger, Gewerbetreibende und Gäste in der Region Ammersee schnellstmöglich zu beenden“. Bis dahin summt, pikst und juckt es weiter. 

Was gegen Mückenstiche helfen könnte, berichtet Merkur.de.

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