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Alte Fahrräder verarzten Hans Schaller-Köhl (links) und Stephan Tellesz regelmäßig im Repair Café.

Vor Jubiläum

Repair-Café: Freude über alte Schreibmaschine, Ärger über modernen Espresso-Automat

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Das Herrschinger Repair-Café war das erste seiner Art im Landkreis. Nun wird die Anti-Wegwerf-Einrichtung fünf Jahre alt. Die ehrenamtlichen Reparateure freuen sich über die Dankbarkeit der Besucher – und ärgern sich über Espresso-Automaten, die man nicht aufschrauben kann.

Herrsching – Tom Hamaus wird sie nicht vergessen, die Frau mit über 80 Jahren, die die alte Schreibmaschine vorbeibrachte. Zunächst waren die Helfer im Repair-Café relativ ratlos, doch nach Stunden des Kopfzerbrechens und Schraubens funktionierte das historische Gerät wieder. „Die Begeisterung war riesig. Das hat alle angesteckt. Alleine deswegen machen wir das“, erinnert sich Hamaus.

Der 73-jährige Rentner, der früher als Finanzcontroller gearbeitet hat, macht sich heute stark für die Grundgedanken des Herrschinger Repair-Cafés: „Wir schonen die Umwelt, sparen CO2-Emmisionen und machen die Müllhalden etwas niedriger.“ Und das seit bald fünf Jahren. Im Juli feiert die Einrichtung mit dem Motto „Reparieren statt Wegwerfen“, die die erste ihrer Art im Landkreis war, Jubiläum. Die Köpfe hinter dem Projekt sind neben Hamaus die Tierärztin Dr. Jutta Meininger, die Immobilienkauffrau Andrea Walser und Andreas Thullner, der Menschen mit Behinderung pflegt.

Ursprünglich wollten Hamaus und Co. ein Sozialkaufhaus eröffnen. Doch eine Einrichtung mit täglichen Öffnungszeiten zu betreiben, erschien dem Vorstand der Herrschinger Insel nicht leistbar. Für die Alternatividee holte sich Hamaus Tipps aus den Niederlanden. Das erste Repair-Café eröffnete am 18. Oktober 2009 in Amsterdam. Die Herrschinger sperrten am 5. Juli 2014 auf. Hamaus denkt zurück: „Der Zulauf war überraschend groß, mindestens 50 Leute sind gekommen.“ Und so wurde aus dem Probebetrieb eine feste Anlaufstelle, die jeden ersten Samstag im Monat zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet hat.

In der Elektrowerkstatt tüftelt unter anderem Willi Meyerhöfer. Weitere Helfer werden gesucht.

Rund 2300 Besucher hatte das Repair-Café seither. Sie bringen Haushaltsgeräte, Fahrräder, Computer, Kleidung oder Spielzeug vorbei. Die Bedingung: Sie müssen den Reparateuren über die Schulter schauen. „Wir wollen ja, dass die Leute etwas lernen“, sagt Hamaus. Die rund 20 Ehrenamtlichen haben einen beruflichen Bezug, sich Kenntnisse angeeignet oder tüfteln einfach gerne. „Nur Männer, die nähen, haben wir noch nicht“, betont Hamaus, der eine detaillierte Statistik führt. Kaputte Elektrogeräte machen mehr als die Hälfte aus – deshalb sucht das Team in diesem Bereich noch Helfer. 63 Prozent der Besucher sind Frauen, die meisten über 60 Jahre alt, 70 Prozent der Reparaturen sind erfolgreich.

Moderne Geräte sind so konstruiert, dass sie sich nicht öffnen lassen

Regelmäßig zum Verzweifeln bringen Hamaus und Kollegen Espresso-Automaten oder ähnliche moderne Geräte. „Die sind oft so konstruiert, dass man sie nicht öffnen kann. Und es ist vom Hersteller vorgesehen, dass sie schnell kaputt gehen.“ Hamaus hat auch den Fachbegriff parat für Produkte, die gewollt nach gewisser Zeit unbrauchbar werden: geplante Obsoleszenz.

Im Repair-Café gibt es natürlich auch Kaffee und Kuchen. Materialkosten werden über Spenden gedeckt. Neue Ersatzteile gibt es nicht. „Aber wir schlachten zum Beispiel alte Fahrräder aus und nutzen Teile, die noch funktionieren.“ Den alten Kram von anderen reparieren – und auch noch kostenlos? Hamaus sagt dazu: „Die Dankbarkeit ist so überwältigend. Das ist die Belohnung.“

Das nächste Repair-Café

hat am Samstag, 4. Mai, in den Räumlichkeiten der Herrschinger Insel (Bahnhofstraße 38) zwischen 10 und 14 Uhr geöffnet.

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