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Juni 2013 in Herrsching: Markus Söder (l.), damals noch Finanzminister, weiht das neue 120-Betten-Haus der Finanzhochschule ein.

Aus heiterem Himmel

Herrsching verliert seine Hochschule

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  • Andrea Gräpel
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Die Finanzhochschule des Freistaats wird von Herrsching nach Oberfranken verlegt – komplett und dauerhaft. Der Umzug ist Teil der Behördenverlagerung, die Ministerpräsident Markus Söder gestern verkündet hat. Der Präsident der Hochschule, Dr. Wernher Braun, erfuhr erst kurz vor Söders Rede von den Plänen.

Herrsching – Mit dieser Nachricht hatte in Herrsching niemand gerechnet. „Das ist ja toll“, sagte Bürgermeister Christian Schiller in einer ersten Reaktion beinahe sarkastisch, als er von der Entscheidung des bayerischen Ministerpräsidenten erfuhr: Die Finanzhochschule (offiziell: Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern, Fachbereich Finanzwesen) wird komplett und dauerhaft vom Ammersee ins strukturschwächere oberfränkische Kronach verlegt. Davon sind insgesamt rund 600 Studierende und 70 Beschäftigte betroffen. „Das trifft uns aus heiterem Himmel“, sagte Schiller.

Anders als er wurde Dr. Wernher Braun als Leiter der Einrichtung kurz vor Söders Rede bei der CSU-Klausur in Kloster Seeon über die Entscheidung informiert. Der 63-Jährige trägt die Nachricht mit Fassung: „Das passiert ja nicht übermorgen“, sagte er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Schließlich ist der Zeitplan für den Umzug auf zehn Jahre ausgelegt.

Erste Verlegung von Studienplätzen schon 2013 beschlossen

Bereits 2013 hatte der Freistaat entschieden, die ersten 200 Studienplätze von Herrsching nach Kronach zu verlegen. Dies soll bis zum Jahr 2023 geschehen sein. Um alle 600 Studierenden unterzubringen, müsse Kronach die Kapazitäten auch erst aufnehmen können, sagte Braun. Bis dahin bleibe Herrsching als Standort erhalten. Um sich und die 70 Beschäftigten mache er sich deshalb auch akut keine Sorgen.

Standort 1935 als Reichssteuerschule gegründet

Seit Gründung einer Reichssteuerschule im Jahr 1935 ist Herrsching Ausbildungsstandort für das staatliche Finanzwesen. Erst 2013 wurde die Finanzhochschule, die hoch oben auf dem Moränenhügel über Herrsching thront, um ein 120-Betten-Haus erweitert und im Altbestand saniert. Bis zu 20 Millionen Euro hatte sich der Freistaat dies kosten lassen. Zur Einweihung sprach seinerzeit Markus Söder, der damals noch bayerischer Finanzminister war. Auch vor dem Hintergrund dieser Investition zeigte sich Christian Schiller nun überrascht.

Dass der Wegzug negative Auswirkungen auf die Gemeinde haben werde, glaubt der Bürgermeister dennoch nicht. „Die Hochschule hat für uns als Gemeinde eher einen ideellen Wert“, sagte er. Allerdings würden die Studierenden auch Geld in Lokalen oder Geschäften der Gemeinde ausgeben. „Für die Gastronomie wird das nicht maßgeblich sein, eher für den Einzelhandel“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Gewerbevereins WIR, Gabi Huber.

Keine negativen Auswirkungen für Herrsching befürchtet

Christoph Winkelkötter, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft gwt, sieht in der Entscheidung der Staatsregierung auch eine Chance für Herrsching. Gelände und Gebäude könnten „tolle Ideen“ eröffnen, sagte er auf Anfrage. So könne er sich dort beispielsweise einen „schönen Firmensitz“ vorstellen oder auch ein Hotel. Auf jeden Fall sei die Umzugsentscheidung auch ein Zeichen dafür, dass in der Region rund um Starnberger See und Ammersee vieles richtig gemacht werde, sagte Winkelkötter, der keine gravierenden Nachteile für Herrsching erwartet.

Zu den Plänen einer möglichen Nachfolgenutzung ist noch gar nichts bekannt. „Das Grundstück gehört dem Freistaat, Teile der Gebäude stehen unter Denkmalschutz“, sagte Schiller.

250 Kilometer Luftlinie weiter nördlich knallten derweil die Sektkorken. Die Erweiterung der Finanzhochschule sei das schönste Geschenk, sagte Kronachs Bürgermeister Wolfgang Beiergrößlein gestern. Und der dortige Landrat Klaus Löffler erklärte, die Fachhochschule werde das Gesicht des gesamten Landkreises verändern.

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