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Viel mehr als ein Stein mit Namen

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Von: Katja Brenner

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Alois Barth und Renate Plank.
Die erste Reihe der Gedenktafel der Gemeinde Herrsching zeigt (v.l.) die vier Brüder Franz Barth (+ 18. April 1944), Alois Barth (+ 6. November 1941), Anton Barth (+ 7. September 1940) und Martin Barth (+ 17. August 1944). Sie waren die Onkel von Alois Barth und Renate Plank. © Andrea Jaksch

Der Volkstrauertag wird auch für Renate Plank und Alois Barth heuer ein anderer sein. Normalerweise würden die beiden Geschwister am Sonntag am Herrschinger Kriegerdenkmal stehen, um ihrer vier gefallenen Onkel zu gedenken. Von fünf Söhnen der Familie kam nur einer aus dem Krieg zurück: Joseph Barth, der Vater von Renate und Alois.

Herrsching – Wenn Alois Barth (73) am Herrschinger Kriegerdenkmal gleich neben St. Nikolaus, gegenüber von Rathaus und Feuerwehr, vorbeigeht, liest er auf dem steinernen Zeugnis des Gedenkens auch seinen Namen. Alois Barth, gefallen im November 1941. Gleich daneben: Anton Barth, gefallen 1940, wenige Wochen vor seinem 23. Geburtstag. Auf dem Stein für die 1944 gefallenen Herrschinger Soldaten steht der Name der Familie gleich zweimal: Franz Barth und Martin Barth. Die Brüder fielen im Abstand von fast auf den Tag genau vier Monaten. Auf Martin Barth wartete damals daheim am Ammersee seine Frau. Sie war mit dem zweiten Kind schwanger. Von den fünf Söhnen der Familie, die in den Krieg zogen, kam nur einer zurück – Joseph Barth, der Vater von Alois Barth und Renate Plank (66).

Familiengeschichte seit dem 18. Jahrhundert

Dass der Vater sich 1942 im Alter von 28 Jahren entschied, den Hof der Familie zu übernehmen, sei sein Glück gewesen, erzählt Alois Barth, „sonst würde es uns nicht geben“. Wäre er im Krieg geblieben, wer weiß, vielleicht hätte ihn das gleiche Schicksal ereilt wie seine Brüder.

Die Familie Barth ist in Herrsching fest verwurzelt. Mindestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts lebt sie im Ort, seit 1779 führte sie unter ihrem Namen den ehemaligen Bauernhof an der Luitpoldstraße. Mit dem Kies aus der Kiesgrube der Familie wurde in den 1930er Jahren die heutige Finanzhochschule in Herrsching gebaut.

Alois Barth ist noch nie umgezogen, seine Schwester Renate lebt auf dem Aussiedlerhof, den der Vater der beiden 1960 an der Seefelder Straße errichtet hat. Der älteste Bruder Hans ist vor wenigen Jahren verstorben. Auch er habe Herrsching nie wirklich verlassen, erinnert sich Renate Plank.

Die Großeltern von Alois, Renate und Hans waren eine kinderreiche Bauernfamilie. Sie hatten neun Nachkommen: sechs Buben und drei Mädchen. Im Ersten Weltkrieg hatte die Familie noch keine Toten zu betrauern, der Zweite traf sie dafür umso härter. Der älteste Sohn, Johann, ließ schon 1931 bei einer Messerstecherei mit einem betrunkenen Knecht mitten in Herrsching sein Leben, alle anderen mussten in den Krieg ziehen. Von den fünf jungen Männern kamen vier nicht zurück, nur einer der Gefallenen wurde älter als 30 Jahre.

Die Gräber sind über halb Europa verteilt

Den Geschwistern Renate Plank und Alois Barth ist es wichtig, ihrer im Krieg gestorbenen Verwandten zu gedenken. Auch wenn sie die Brüder ihres Vaters nur von alten Fotos kennen, fühlen sie sich ihnen irgendwie verbunden. Am Volkstrauertag war Alois Barth beim Gedenken am Kriegerdenkmal oft Fahnenträger, im Veteranenverein ist er seit über 25 Jahren Kassier. Wird der 73-Jährige auf seinen namensgleichen toten Onkel angesprochen, kommen dem sonst so fröhlichen Rentner mit dem zuversichtlichen Lächeln die Tränen. Beide Geschwister sind Mitglied im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Alois Barth und Renate Plank am Kriegerdenkmal in Herrsching, auf dem die Namen ihrer Onkel verewigt sind.
Alois Barth und Renate Plank am Kriegerdenkmal in Herrsching, auf dem die Namen ihrer Onkel verewigt sind. © Andrea Jaksch

Die Gräber ihrer gefallenen Vorfahren sind über halb Europa verteilt und legen auch von daher Zeugnis über den Wahnsinn des Krieges ab. Anton Barth fiel in der Normandie, er liegt auf dem Soldatenfriedhof in Bourdon. Alois Barth war im hohen Norden an der Eismeerfront bei Murmansk im Einsatz. Sein Grab in Russland war das erste, das Renate Plank und Alois Barth besuchten. Dabei brachte Alois Barth seinem verstorbenen Onkel ein selbstgezüchtetes Edelweiß aus Herrsching mit, um ihm eine letzte Ehre zu erweisen.

Franz Barth fiel auf der Krim, er ist auf der Kriegsgräberstätte Chisinau in Moldawien beigesetzt. Martin Barth schließlich hat in Dagneux unweit von Lyon seine letzte Ruhe gefunden. Diese beiden Gräber hat nur Renate Plank besucht, ihrem Bruder machte die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung. Ihr war es ein Anliegen, „dass wenigstens einer aus der Familie mal da war“.

Die Wunden des Vaters verheilten nie

Vom Krieg habe ihr Vater nie etwas erzählt. „Das waren zu große Wunden bei ihm“, sagt die 66-Jährige. Wollten sie und ihre Brüder etwas wissen, mussten sie versuchen, es vorsichtig herauszukitzeln. Ihr Ende der 1970er Jahre verstorbener Vater sei „ein gebrochener Mann“ gewesen, sagt Renate Plank. „Eigenbrötlerisch“, nennt es ihr Bruder.

„Er war enttäuscht von der Welt“, sagt Renate Plank. Auf dem Aussiedlerhof vor dem Herrschinger Ortsschild habe er sich daher „seine eigene aufgebaut“. Nur die Mutter habe sich ihren Optimismus nicht nehmen lassen. Maria Barth stammte aus dem Saarland, 1938 lernten sie sich beim Bau des Westwalls kennen. Sie war es auch, die den Kindern mit auf den Weg gab: „Schaut euch die Welt an. Das nimmt euch keiner mehr!“

In jungen Jahren haben sich Renate Plank und Alois Barth nicht sonderlich für die Familiengeschichte interessiert. Beide mussten erst etwas älter werden, um Genaueres über das Schicksal ihrer Verwandten in Erfahrung bringen zu wollen. Daher auch die Reisen zu den Soldatenfriedhöfen. „Es würde manchen nicht schaden, so etwas mal anzuschauen“, sagt Renate Plank. Es sei ein augenöffnendes Erlebnis. Für sich hat die 66-Jährige vor allem mitgenommen, „dass wir glücklich sein können, dass wir Frieden haben“. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Auch ihr Bruder sagt: „Wir können froh sein, dass wir erst die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und jetzt die Europäische Union haben. Seitdem hatten wir keinen Krieg.“

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