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„Wenn die Bohnen zwischen den Fingern knacken, sind sie richtig“, sagt Hendrik Reimers (r.). In Ghana arbeitet der Herrschinger mit 1400 Kleinbauern zusammen, die Kakaofrüchte ernten.

Er gab seinen Job für das Projekt auf

Herrschinger schafft Arbeitsplätze in Ghana - mit fairer Schokolade

Arbeitsplätze in Afrika, höhere Löhne und faire Schokolade: Für seine Vision kündigte Hendrik Reimers (37) aus Herrsching seinen Job. Sein Unternehmen „Fairafric“ ist eine Ausnahmeerscheinung im Schokoladen-Markt: Es produziert ausschließlich in Ghana.

Herrsching – Hendrik Reimers sitzt auf einer Kaffeefarm in Uganda. Auf einem offenen Feuer röstet ein Kaffeebauer die von Hand gemahlenen Bohnen. Ein Kaffee „made in Africa“. Eine Ausnahme. Und ein Erlebnis, das Reimers Leben veränderte. In ihm reifte der Gedanke heran, auch Schokolade vollständig in Afrika zu produzieren. Die Idee für das Unternehmen „Fairafric“ war geboren.

2013 machte der Herrschinger eine große Ostafrika-Tour und erlebte Ungerechtigkeiten, vor allem gegenüber den Kakao- und Kaffeebauern. 70 Prozent des weltweiten Kakaos stammen aus Afrika, aber weniger als ein Prozent der Schokolade wird dort produziert. Von einer konventionellen, in Europa produzierten 100-Gramm-Tafel bleiben den Landwirten etwa sieben Cent – für Reimers fast kolonialistische Strukturen, an denen er etwas ändern wollte. „Meine Vision ist es, die Wertschöpfung in der Schokoladenproduktion von Europa nach Afrika zu verlagern“, sagt er. „Dadurch möchte ich faire und nachhaltige Arbeitsplätze schaffen.“

Für diesen Plan kündigte er seine Arbeit. Vor „Fairafric“ hatte er BWL studiert und in Irland Computer-Softwares verkauft. „Ich war mir sicher, dass es nicht klappt“, sagt er, „aber ich habe es trotzdem gemacht.“ Und funktioniert hat es schließlich doch. 2016 gründete Reimers sein Unternehmen „Fairafric“ und produzierte die erste Schokolade in Ghana.

Auch die weiteren Arbeitsschritte bis zu den fairen Schokoladentafeln bleiben in Afrika.

Mittlerweile stellt „Fairafric“ eine halbe Million Schokoladentafeln im Jahr her, beschäftigt etwa 400 Mitarbeiter und lieferte bereits in 78 Länder. Seine Mitarbeiter bekommen eine Betriebsrente und eine Gratis-Gesundheitsversorgung. Sogar im Kino läuft derzeit der Film „Decolonize Chocolate“ über „Fairafric“, in Starnberg zuletzt am Dienstag.

Die sieben verschiedenen Sorten werden in der Produktionsstätte in Ghana gefertigt. „Wir arbeiten mit Second-Hand-Maschinen, die in Europa nicht mehr gebraucht werden, aber trotzdem noch gut funktionieren“, erzählt der 37-Jährige. Mit einer davon wurden vorher die hierzulande bekannten „Schogetten“ hergestellt.

Etwa 1400 Kleinbauern ernten die Kakaofrüchte, schlagen sie auf und entnehmen die Kakaobohnen, die dann unter der Sonne getrocknet werden. „Wenn die Bohnen zwischen den Fingern knacken, sind sie richtig“, sagt Reimers. Aber für eine Schokolade braucht man nicht nur Kakaobohnen. „Leider gibt es in Ghana so gut wie gar keine Milchwirtschaft“, bedauert Reimers. „Es gibt zwar die eine oder andere Milchkuh, aber nicht so wie wir es in Europa kennen.“ Deshalb importiert er Bio-Milchpulver aus Deutschland. Der Bio-Rohrzucker kommt aus Indien. Generell verwendet er, wenn möglich, Bio-Zutaten und produziert klimaneutral.

Kakaobohnensortieren in Ghana. 

Die fertigen Tafeln werden 14 Tage lang im gekühlten Container über den Atlantik transportiert. „Am Anfang hatten wir ein Tief. Die Reederei, die unseren ersten Container mit Schokolade nach Europa bringen sollte, ist überraschend Pleite gegangen.“ In einen solchen Container passen 200 000 Tafeln Schokolade. In Deutschland kann man eine 100-Gramm-Tafel für 2,99 Euro kaufen. Davon bleiben den Kakaobauern in Afrika 70 Cent – zehnmal so viel wie bei konventionell hergestellter Schokolade.

Aber Reimers schweben noch größere Projekte vor: „Derzeit bauen wir eine neue, 4000 Quadratmeter große Fabrik in Ghana, wo wir noch mehr Menschen Arbeitsplätze verschaffen können“, berichtet er. Sie soll nächstes Jahr im August den Betrieb aufnehmen. Außerdem hofft er, bald auf Verpackungsmaterial aus Aluminium verzichten zu können.

Im Landkreis Starnberg gibt es die faire Schokolade im Weltladen in Starnberg sowie bei der Indienhilfe in Herrsching und im Afrika-Laden in Gauting. „Ich habe das alles nicht allein geschafft“, betont Reimers immer wieder. „Ich mache es auch jetzt nicht allein. Da hängen so viele Leute mit drin. Dieses Projekt ist mein Lebenswerk geworden. Es ist kaum in Worte zu fassen, was man daraus alles mitnehmen kann.“

Vanessa Lange

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