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Auch ein Nikolaus muss mal zu Schule: Nikolaus Stefan Brachner (l.) und sein Lehrer Werner Pöllmann. 

Kolpingsfamilie 

Mein erstes Mal als Nikolaus

Der eine ist seit 50 Jahren als Nikolaus im Einsatz, der andere kommt für seine Kolpingsfamilie heute zum ersten Mal zu Besuch: ein Blick in die Nikolausschule.

Herrsching – „So ein Sack kann ganz schön schwer werden. Wirst sehen. Da ist es gut, wenn man einen Knecht hat“, sagt Werner Pöllmann. Stefan Brachner hört aufmerksam zu. Pöllmann ist Vorsitzender der Kolpingsfamilie Herrsching und seit 50 Jahren auch Nikolaus. Brachner ist Vorsitzender der Kolpingsfamilie Dießen, die den Nikolausbesuch nach vielen Jahren Pause wieder anbietet – mit Brachner als Nikolaus. Zum ersten Mal. Der 43-Jährige gibt ehrlich zu, dass er ein bisschen aufgeregt ist.

Das Bischofs-Gewand hat sich Brachner beim Kirchenversandhandel bestellt – Mantel, Albe, Stab, Mitra. Natürlich braucht er auch die bischöfliche rote Ringbuchmappe, aus der er den Kindern die guten und manchmal auch schlechten Taten vorliest. „Eigentlich nur die Guten. Schimpfen tun wir nicht, dazu sind wir nicht da“, findet Pöllmann. „Die Erziehung überlassen wir lieber den Eltern.“

Pöllmann hat vier Nikolaus-Garnituren

Interessiert schaut der 80-Jährige in die Tasche mit den Bischofs-Utensilien. Er selbst hat daheim vier Garnituren. Darunter auch einen wertvollen, mit Brokat besetzten Mantel. „Wir hatten mal einen Bischof aus Ungarn zu Besuch. Der hat mich gleich ganz neidisch angeschaut und gesagt, so einen schönen hätte er nicht“, erzählt Pöllmann und muss lachen. Bei den Nikolausbesuchen von Haus zu Haus am Nikolaustag bleibt diese Garnitur aber im Schrank. „Dafür ist’s zu teuer.“

Brachners Gewand hat im Versandhandel etwa 70 Euro gekostet. Das darf auch mal nass werden. „Hast noch ’nen weißen Schal“, fragt Pöllmann. „Damit’s Alltagsgwand net rausschaut.“ Auch weiße Handschuhe sollte Brachner sich besorgen, rät Pöllmann. Und weil der Nikolaus etwas darstellt, dürfen schwarze Schuhe nicht fehlen, meint der 80-Jährige. „Das schaut ehrwürdiger aus. Beim Knecht ist’s egal.“

In Herrsching sind am Vorabend des Nikolaustages und am Nikolaustag drei Gruppen unterwegs – besetzt mit jeweils Nikolaus, Knecht und Fahrer. „Ich bleib’ zu Hause als Reserve, falls jemand ausfällt“, sagt Pöllmann. In Dießen kommt der Nikolaus erst mal allein. „Wir sind ja noch nicht so eingespielt“, erinnert Brachner. Als er erzählt, dass er auch selbst fahren wird, kneift Pöllmann die Augen zusammen. „Einen Fahrer solltest du schon haben“, meint er. Vielleicht nächstes Jahr. In diesem Jahr müssen Brachner und seine Mit-Nikoläuse Volker Bippus und Günther Gremp ohne auskommen.

Dießens Pfarrer Josef Kirchensteiner gab Stefan Brachner Tipps

„Was sagst du den Kindern?“, will Brachner von Pöllmann wissen. „Wir begrüßen die Familien und wünschen einen schönen Abend und lesen aus der Mappe vor. Und wenn die Liste zu unangenehm wird, lassen wir das weg. Wir wollen loben.“ Der heilige Nikolaus habe ja auch nicht bestraft, sondern als Sohn reicher Eltern seinen Reichtum mit den Armen geteilt. Brachner nickt, Dießens Pfarrer Josef Kirchensteiner habe ihm ähnliche Tipps mit auf den Weg gegeben. „Und wenn dich ein Kind fragt, ob du der Nikolaus bist. Was sagst du dann?“, fragt Brachner. „Ganz einfach“, so Pöllmann, „ich sage ihnen, ich erinnere an den Nikolaus. Ich bin ja nicht heilig.“

Der Besuch des Nikolauses der Kolpingsfamilie kostet eine Spende von 20 Euro. Geld, das später gestiftet wird. In Herrsching der Rudolf-Geiselberger-Stiftung und in Dießen der Kinderkrebshilfe. Schulen und Kindergärten kostet der Besuch nichts. „Ich hoffe, dass wir da nicht hinkommen müssen. Da müsste ich noch ein bisschen üben“, sagt Brachner. Ihn interessiert noch, ob Pöllmann zuerst vorlesen würde oder die Kinder erst etwas vorführen ließe. Für Pöllmann keine Frage: „Erst vorlesen, dann vorführen. Und die Geschenke ganz zum Schluss.“

Als Brachner sich die Mitra aufsetzt, versucht Pöllmann zu helfen. „Da musst erst ein bisschen Plastik drunter tun, sonst rutscht sie ständig. Auf keinen Fall Pappdeckel! Wenn der nass wird, schaut’s schlimm aus.“ In Herrsching gibt es bei Regenwetter sogar ein Regengewand.

Das Herrschinger Auftragsbuch ist voll. „20 Einsätze haben wir diesmal“, sagt Pöllmann, „im 20-Minuten-Rhythmus.“ Brachner staunt. „Wenn man nur ein Kind hat, ist das lang genug“, weiß Pöllmann aus Erfahrung. „Sonst wird’s langweilig.“ In Dießen muss sich das Angebot erst noch herumsprechen. Brachner rechnet damit, dass er und seine Mitstreiter maximal zehn Besuche machen. Die Familien konnten sich auf der Internetseite seiner Kolpingsfamilie eintragen. „Das meiste waren bei uns 38 Hausbesuche, im Durchschnitt sind da drei Kinder“, sagt Pöllmann und rät dem Neu-Nikolaus: „Lass’ dir nicht zu viel aufhängen, da bist kaputt.“ Aber der freut sich auf seine Aufgabe und darauf, dass er im nächsten Jahr vielleicht auch einen Knecht an seiner Seite hat, der den schweren Sack trägt.

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