Kreativ im hohen Alter: Die Herrschingerin Renate Schön hat kurz vor ihrem 90. Geburtstag am 30. März einen Gedichtband veröffentlicht.
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Kreativ im hohen Alter: Die Herrschingerin Renate Schön hat kurz vor ihrem 90. Geburtstag am 30. März einen Gedichtband veröffentlicht.

Gedichtband zum 90. Geburtstag

Neugierig mitten im Leben

Bereits als Kind schrieb Renate Schön Märchen und Gedichte. Nach ihrer Karriere als Zahnärztin griff sie das Schreiben wieder auf und veröffentlicht zu ihrem anstehenden 90. Geburtstag den Gedichtband „Noch bin ich nicht angekommen“.

Herrsching - Die Herrschingerin blickt auf ein freudvolles, aber auch vom Krieg gezeichnetes Leben zurück. Bereits mit fünf Jahren konnte die Älteste von drei Schwestern lesen und schreiben, erzählt sie. Aufgewachsen ist sie in Augsburg. Dort kritzelte sie schon im Alter von acht Jahren ihr erstes Märchen auf einen Block, den sie stets bei sich trug. Ihre gesammelten Werke reihte sie feinsäuberlich in ihrem Zimmer im Internat auf. Sie verbrannten allesamt 1943 im Bombenhagel. „,Nie mehr schreiben‘ hab ich mir damals als Zwölfjährige vorgenommen“, erinnert sich die dreifache Mutter und Großmutter von vier Enkeln. Wäre da nicht ihr Mann Friedrich Schön gewesen, mit dem sie nach dem Staatsexamen eine Zahnarztpraxis führte und vor 50 Jahren die Wohnung in Herrsching kaufte. Er war es, der sie nach dem Berufsausstieg 1986 überredete, sich neben der Familie intensiv der Literatur zu widmen – er ist somit sozusagen Geburtshelfer von mehreren bunten Märchenbüchern und vielen ausgezeichneten Gedichtbänden.

Ihre Gefühle habe sie seit jeher über das Schreiben ausgedrückt, erinnert sich Renate Schön. Denn sie sei „ein eher stiller Mensch“. Still, aber mit einer übersprudelnden Fantasie bestückt, die sie bis heute begleitet und die einst ihre Eltern herausforderte. Heimlich nahm sie am Ballettunterricht teil oder verkaufte in Lumpen gehüllt die Seifen ihrer Mutter. Das wilde Mädchen kletterte auf Bäume und streifte durch die Natur. In Lederhosen, denn die waren strapazierfähiger als die hübschen Röckchen, wie ihre Mutter fand. Alles Szenen, die ihren Freiheitsdrang zeigen, den sie beispielsweise in dem Text „Möchte“ zu Papier gebracht hat: „Mit Wildgänsen ziehen, endlos vom Wind getragen, weiten Flügeln, auf ihren Stimmen, bewegt von Freiheit über grenzenlos offene Zukunft reisen“.

Ähnliche Stimmungsbilder spiegeln sich in „Weißt Du noch“. Sie gelten ihrem vor 28 Jahren verstorbenen Mann, der Liebe ihres Lebens. „Gehe heute über Wege, schleiche, brauche Stille, darin ich deine Nähe spüre, um sie als Geschenk anzunehmen. Ich schreibe dir, denn der Wind hat meine Worte mitgenommen.“ Die Trauer über sein Dahinscheiden habe sie nie verlassen, sagt Renate Schön. Nach seinem Tod hätten sie ihre zwei Töchter und der Sohn sowie ihre Enkel gestärkt. Und das Schreiben habe geholfen, das ihrem Innersten eine Sprache gibt. Nichtsdestotrotz konnte sie sich das Kind in sich all die Jahre bewahren, sagt die 89-Jährige – und während sie spricht, blitzt der Schalk des Mädchens in Lederhosen in ihren Augen. Ein Schalk, der „der Dichterin, die ihr Handwerk versteht“ (Herausgeber Anton G. Leitner) eine sprühende Lebendigkeit verleiht. Und die trotz ihres baldigen 90. Geburtstag am 30. März mitten im Leben steht und definitiv noch nicht am Ende angekommen ist. Michèle Kirner

„Noch bin ich nicht angekommen“

ist im Verlag Steinmeier erschienen und kostet 12,80 Euro.

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