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Offenes Haus für Ukrainer

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Von: Andrea Gräpel

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Bietet das leer stehende Haus ihrer Familie Kriegsflüchtlingen an: die Politikwissenschaftlerin May-Britt Stumbaum aus Herrsching. Sie hat eigentlich jeden Tag mit Krieg und Frieden zu tun.
Bietet das leer stehende Haus ihrer Familie Kriegsflüchtlingen an: die Politikwissenschaftlerin May-Britt Stumbaum aus Herrsching. Sie hat eigentlich jeden Tag mit Krieg und Frieden zu tun. © Andrea Jaksch

Eine bemerkenswerte Begegnung und ein kurzer Post in den sozialen Medien gaben die Initialzündung. Seit Sonntag steht bei May-Britt Stumbaum das Handy nicht mehr still. Die Herrschingerin hat die ersten Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine bei sich aufgenommen.

Herrsching – Ihr Handy läutet in einer Tour. Dass der Post, den Dr. habil. May-Britt Stumbaum am Sonntag absetzte, derart viral geht, hatte sie nicht erwartet. Der Inhalt: „Unser derzeit leer stehendes Haus in Herrsching soll für ukrainische Flüchtlinge zur Verfügung gestellt werden.“ Für Menschen, die Einrichtungsgegenstände spenden möchten, gab sie ihre private Handynummer an. „Ich hab mir jetzt zwei Tage freigenommen. Eigentlich hab ich gar keine Zeit“, sagt die Mutter von dreijährigen Zwillingen und in Vollzeit arbeitende Politikwissenschaftlerin. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben sich aber auch in ihrem Leben Prioritäten verschoben. Es begann am Donnerstag, als Putin sein Heer einmarschieren ließ.

Stumbaum, die mit ihrem Mann Thomas Bleeker (53) erst seit einem halben Jahr zurück in Herrsching ist, wollte gerade das alte leer stehende Haus an der Kohlstatt vermieten, dort, wo die Fischerfamilie Stumbaum einst ihre Fischteiche hatte. Die 47-Jährige übernahm 2005, nach dem Tod ihres kinderlosen Großonkels Anton, das Familienerbe. Damals lebte sie noch in Berlin und in der Welt. Ihr Vater Ulrich (78) verwaltete Fischerei und Eigentum in Herrsching. „Ich bin die letzte Stumbaum“, sagt die Politikwissenschaftlerin stolz. „Uns gibt es seit 1648. Mir ist diese Geschichte wichtig.“ Sie ist fest entschlossen, das Erbe lebendig zu halten. Dazu gehört auch, dass die Familie Stumbaum schon immer geholfen habe. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg waren an der Kohlstatt und auch im Stammhaus Flüchtlinge untergebracht. „Meine Eltern hatten immer ein offenes Haus.“ Das wollen sie und ihr Mann weiterführen.

An diesem Donnerstag, dem Tag eins des Überfalls auf die Ukraine, hatte May-Britt Stumbaum eine Hausbesichtigung. Eine alleinstehende Frau mit Hund wollte das große Haus mit dem idyllischen Garten für sich und ihren Hund mieten, machte sich aufgrund eines fehlenden Zaunes aber Sorgen um die Sicherheit ihres Hundes. Für Stumbaum war dies die Initialzündung. „Das fühlte sich einfach falsch an“, sagt die Politikwissenschaftlerin, die jeden Tag mit Krieg und Frieden zu tun hat. Sie befasst sich seit drei Jahren für die Europäische Union wissenschaftlich mit Einflussoperationen durch China und auch Russland, steht als Oberstleutnant der Luftwaffen-Reserve einmal im Jahr dem Verteidigungsministerium zur Verfügung und arbeitet an der Bundeswehruniversität. „Ich bin weltweit vernetzt“, sagt die Herrschingerin, die in Berlin, London und Harvard studiert hat. Ihre Freunde sind bei der OSZE, der UN, sind in Somalia und Mali. Einige seien im Krieg gefallen. „Und dann macht sich jemand hier Sorgen um seinen Hund?“, fragt sie sich.

Das war der Moment, in dem sie und ihr Mann sich entschieden, das Haus für Flüchtlinge zur Verfügung zu stellen, bevor es weiter vermietet wird. Zugleich kontaktierte sie einen ukrainischen Freund und lud ihn ein, mit seinem Sohn zu ihnen zu kommen. Ivan (45) und sein Sohn Alex (12) sind inzwischen in Herrsching. Stumbaum freut sich: „Hier können wir ihm helfen.“ Der Mann aus Kiew und sein Sohn sind die ersten Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine in Herrsching. Gleich am Montag waren sie im Rathaus, wurden von Bürgermeister Christian Schiller herzlich empfangen. Die beiden wohnen unten am Seeufer bei den Stumbaums in der Fischerei. Der Zwölfjährige soll vorläufig die Realschule in Herrsching besuchen. Dem Vater ist es wichtig, das er zur Schule geht. Ein bisschen Deutsch hat er in der Ukraine in der Schule gelernt.

May-Britt Stumbaum versucht unterdessen, Ordnung ins Chaos der Spendenangebote zu bringen, denn die Bereitschaft ist groß: „Jeder fühlt diese Ohnmacht.“ Für das Haus braucht sie Möbel, Matratzen und dergleichen mehr. Die Belegung werde zentral gesteuert. Währenddessen sitzt die 47-Jährige, ganz bewusst dieser Tage in den Farben der Ukraine gekleidet, am großen Familientisch und versucht, die Spendenflut und auch einen Transporter zu organisieren. Eigentlich ist sie in ihrem Element – Weltpolitik und Hilfsbereitschaft prallten in ihrem Leben schon immer aufeinander. Beide Eltern, Ulrich und Martha, waren aktiv in der Friedensbewegung in Berlin. Der Name Martha Stumbaum steht in Herrsching auch für Flüchtlingshilfe. Nun holt May-Britt Stumbaum die Welt an den Ammersee.

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