Besucher mit Schutzanzug: In der Pöckinger Gemeinschaftsunterkunft wurden die Bewohner gestern auf das neuartige Coronavirus getestet. 85 Menschen leben allein in dieser Containersiedlung. Foto: Andrea Jaksch

Mehr als 450 Menschen in Isolation

Quarantäne in Asyl-Unterkünften: So wird der neue Alltag der Bewohner

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Die Quarantäne in fünf Asyl-Unterkünften wird zur organisatorischen Herausforderung – und wohl zum nervlichen Belastungstest für viele Bewohner auf engem Raum. Sorgen machen sich vor allem jene, die demnächst Prüfungen absolvieren oder wichtige Behördentermine wahrnehmen müssten.

Landkreis – Mehr als 450 Menschen leben nun in fünf Asyl-Gemeinschaftsunterkünften im Landkreis in Quarantäne. Nach Hechendorf am vergangenen Donnerstag wurden auch die Einrichtungen in Herrsching, Seefeld-Oberalting, Pöcking und Weßling für jeden abgeriegelt, der nicht zum Corona-Test- oder Service-Personal gehört. Viele Bewohner auf engem Raum, die das Gelände ihrer Unterkunft nicht verlassen und keinen Besuch empfangen dürfen – noch dazu bei Sommerwetter und ohne Klimaanlagen: Die Quarantäne könnte zur nervlichen Belastungsprobe werden. Auf jeden Fall beschert sie den Bewohnern einen komplett neuen Alltag.

Für sie gelten nach den positiven Corona-Fällen (siehe Kasten rechts) strenge Regeln. „Zum Luftschnappen“ dürfen sie ihren Container verlassen, „müssen sich aber auf dem Unterkunftsgelände aufhalten und Kontaktverbote, Abstandsregelungen und persönliche Hygienemaßnahmen beachten“. Das teilt Verena Gros auf Nachfrage mit. Sie ist Sprecherin der Regierung von Oberbayern, die die Unterkünfte (abgesehen von der in Hechendorf) betreibt.

Mobiles Ärzteteam fährt Unterkünfte an

Die Grundversorgung ist laut Gros gewährleistet: Hygiene- und Infektionsschutzartikel werden geliefert, Essen per Catering zur Verfügung gestellt. „Für persönlichen Bedarf der Bewohner steht ein Einkaufsservice zur Verfügung“, schreibt Gros auf eine Anfrage des Starnberger Merkur. Zudem fahre ein mobiles Ärzteteam die Unterkünfte täglich an, um nach dem Gesundheitszustand der Bewohner zu schauen. Als Ansprechpartner bei Problemen und zur Überwachung der Corona-Regeln sei Sicherheitspersonal rund um die Uhr vor Ort. Extra eingezäunt wurden die Unterkünfte übrigens nicht – weil es schon Zäune gibt.

Mit der Quarantäne wachsen die organisatorischen Herausforderungen immens. Die Asylsozialberater der Inneren Mission München, die per Sondergenehmigung bisher noch in den Unterkünften waren, müssen nun raus. „Das ist ein Dilemma. Gerade jetzt hätten die Bewohner die Unterstützung am nötigsten“, sagt Asyl-Koordinatorin Andrea Betz. Sie spricht von einer „totalen Stresssituation“ für Menschen, die teilweise ohnehin traumatisiert seien. Es gelte nun, „alternative Kommunikationswege“ aufzubauen.

„Wir lassen die Bewohner nicht alleine.“

Das hat auch Hannelore Doch, Koordinatorin des Herrschinger Helferkreises Asyl, vor. Für sie steht fest: „Wir lassen die Bewohner nicht alleine.“ Sie und ihre Mitstreiter wollen nun per Telefon und E-Mail Kontakt halten. „Den persönlichen, direkten Austausch ersetzen diese Dinge natürlich nicht“, räumt Doch ein. „Aber in Zeiten der Isolation geht es eben nicht anders.“

Problematisch dürfte sich in den kommenden beiden Wochen die Hausaufgabenbetreuung der Schüler gestalten. Im Normalfall geben bis zu 30 ehrenamtliche Helfer den Mädchen und Buben Nachhilfe. Geht gemeinsam an einem Tisch natürlich deutlich einfacher als per Telefon oder gar E-Mail.

Sorgen dürften sich die Bewohner machen, die wegen der Quarantäne wichtige Termine beim Arzt oder in Behörden verpassen: Die Pöckinger Asylbeauftragte Dimitra Trottmann kennt einen Bewohner, der an diesem Freitag seine Gesellenprüfung hätte, und eine Frau, die ihren Ausweis in München verlängern lassen muss. „Es wäre fatal, wenn das nicht klappt“, sagt sie. Es gehe ja um die Zukunft der Menschen. Dass die Quarantäne „für niemanden zu Nachteilen führt“, hofft auch Hannelore Doch. Und dass die hauptamtlichen Sozialberater Ersatztermine organisieren können.

Trotz der Ausnahmesituation plädiert Doch für eine Portion Gelassenheit. „Wir sollten uns nicht verrückt machen lassen.“ Zwar werde die Isolation, gerade in den beengten Räumen der Herrschinger Unterkunft, nicht spurlos an den Bewohnern vorübergehen. Andererseits sei sie in der derzeitigen Lage zum einen „leider unumgänglich“ und zum anderen im Optimalfall auch schon bald wieder beendet. Sie setzt auch auf die Eigenverantwortung und Disziplin ihrer Schützlinge. „Ich hoffe, jeder bleibt brav zu Hause, und wir haben diese Sache möglichst schnell hinter uns.“

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