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Realschule im Hilfsmodus

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Von: Andrea Gräpel

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Kostbarer Moment der Unbeschwertheit: Lehrer und Schüler der Realschule haben am Donnerstag, Fahrräder und Computer für die ukrainischen Kinder in der Fischerstatt abgeliefert.
Kostbarer Moment der Unbeschwertheit: Lehrer und Schüler der Realschule haben am Donnerstag, Fahrräder und Computer für die ukrainischen Kinder in der Fischerstatt abgeliefert. © Andrea Jaksch

Die „Fischerstatt“ in Herrsching und die gleichnamige Initiative der Familie Stumbaum entwickelt sich zum Drehkreuz für ukrainische Flüchtlinge und Helfer. Auch Lehrer und Schüler der Realschule sorgten in der Fischerstatt dafür, die Sorgen für einen Moment vergessen zu machen.

Herrsching – So viele Kinder hatte der Garten der Stumbaums in der Kohlstatt 1 wohl noch nicht gesehen. Die Verbindungslehrer Melanie Wederhake und Marius Längenfelder hatten in den Faschingsferien Ideen entwickelt, in die Flüchtlingshilfe einzusteigen, und dies Eltern und Schülern mitgeteilt. Schon kurz nachdem die erste E-Mail verschickt war, prasselten die Antworten bei Melanie Wederhake ein, erzählt sie begeistert. Zahlreiche Eltern und Schüler boten zudem an, Deutsch- oder Nachhilfekurse zu geben. „Es sind unzählige Mails, die mich erreicht haben.“

Die große Hilfsbereitschaft hat die Lehrerin überwältigt. Um gezielt helfen zu können, schloss sie sich mit Dr. May-Britt Stumbaum kurz, die mit ihrem Mann Dr. Thomas Bleeker, das leer stehende Haus an der Kohlstatt zur Unterbringung von ukrainischen Flüchtlingen zur Verfügung stellte und seitdem in Anlehnung an die Fischerei-Tradition ihrer Familie und des Straßennamens Fischerstatt nennt. Melanie Wederhake wusste daher, dass viele Kinder in Herrsching sind, die sich am meisten über Fahrräder, Helme, Schlösser und auch über Computer freuen würden.

Die gesamte Schulfamilie brachte sich ein. Innerhalb kürzester Zeit kamen rund 30 Fahrräder und Anhänger zusammen, 40 Helme, Fahrradschlösser, Laptops und Tablets. Mit sämtlichen Spenden im Gepäck hatten sich die beiden Verbindungslehrer samt 38 Schülern und den Lehrerkollegen Eugen Polster sowie dem Ukrainisch sprechen Sascha Gladun und dem Russische sprechenden Erich Mick am Donnerstag auf den Weg an die Kohlstatt gemacht und zauberten dort nicht nur einem Flüchtlingskind in dieser schweren Zeit ein Lächeln ins Gesicht.

Die Aktion hatte sich im Vorfeld schnell rumgesprochen, sodass nicht nur die Kinder, die mit ihren Müttern in der Fischerstatt leben dabei waren, sondern auch weitere Kinder, die in Herrsching untergebracht sind. Rund 100 vorwiegend Frauen und Kinder sind aktuell in Herrsching untergebracht.

Ein Schüler hatte vorübergehend in der Realschule am Unterricht, ist allerdings mittlerweile mit seiner Familie Richtung Berlin gezogen. Für die Schüler, die mit dem Zwölfjährigen auf Englisch kommuniziertem, sei das eine wichtige Erfahrung gewesen, sagt Melanie Wederhake. „Sie haben gemerkt, wie wichtig es ist, eine andere Sprache zu sprechen.“ Die Schüler, die mit ihr zur Fischerstatt gekommen waren – quer durch alle Jahrgänge – behalfen sich derweil mit ihren smarten Mobiltelefonen. Denn von den ukrainischen Kindern sprechen nicht alle Englisch, Google allerdings übersetzt auch Deutsch schnell in Ukrainisch und umgekehrt. So war es problemlos möglich, Kontakte zu knüpfen. Denn Ziel der Aktion war es, Patenschaften zu übernehmen. Amika und Beren (beide 14 Jahre alt) zum Beispiel zogen am Ende strahlend von dannen – eine Telefonnummer im Handy gespeichert. Wie sich die Patenschaften entwickeln, muss sich erst noch zeigen.

Julia Voigtländer, die in ihren Ferienwohnungen ebenfalls Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht hat, hat gute Erfahrungen gemacht. „David zum Beispiel ist schon angekommen“, erzählt sie. Der Zwölfjährige sei sofort in die Fußballmannschaft beim TSV Herrsching integriert worden. „Die sind super nett, sie haben ihm gleich einen Pass ausgestellt, damit er mitspielen darf.“ Aktuell bemüht sich die Ärztin darum, Schulplätze für die Kinder zu suchen. „Fünf hab’ ich schon“, erzählte sie begeistert – für drei Grundschüler und einen Realschüler. Für einen 17-Jährigen habe sie sogar einen Platz am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching sichern können. Auch Julia Voigtländer hat sich der Initiative Fischerstatt angeschlossen, über die sich Helfer vor allem aus Herrsching aktuell vernetzen. So wie Oliver Meinhard aus Dießen, der sich ebenfalls mit May-Britt Stumbaum kurzschloss. Der Mitinhaber von „Marie Sharp“-Soßen ist auch international als Werbefilmer unterwegs, war vor dem Krieg unter anderem in der Ukraine und hat noch viele Kontakte dorthin. Diese wählten seine Nummer, als die Russen vor vier Wochen ins Land einfielen. Meinhard zögerte nicht lange und fuhr los, um die Menschen von der polnischen Grenze abzuholen. Er konnte sie in der Fischerstatt unterbringen und springt weiterhin ein, wenn Hilfe gebraucht wird.

Unter dem Namen „Fischerstatt Herrsching“, dessen fröhliches Logo Julia Magenau zu verdanken ist, werden momentan alle Informationen in den sozialen Medien kommuniziert – auf Instagram. Demnächst aber auch auf Facebook, verspricht May-Britt Stumbaum. Ihr Mann Thomas Bleeker arbeitet an der Gestaltung einer eigenen Internetseite. Und weil viele Menschen Geld spenden wollen, das für den Unterhalt der Fischerstatt – mit Strom, Heizung, Wasser und seit Freitag auch WLAN notwendig ist, ist die Gründung eines gemeinnützigen Vereins im Gespräch, damit sobald wie möglich auch Spendenquittungen ausgestellt werden können. Ungeachtet dessen, ist die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung weiterhin ungebrochen – durch alle Altersstufen.

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