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Der junge Keeper Dieter Obermeier (2.v.l.) und Helmut Pestinger (Rückennummer 4) im Kreis der Herrschinger „Gipfelstürmer“ bei der Ansprache von Trainer Ernst Herrmann.

Starnberger Sportgeschichte(n)

Frotzeln und loben am Heiligen Berg

In unregelmäßigen Abständen treffen sich die ehemaligen Herrschinger Fußballer auf dem Heiligen Berg in Andechs, um von erfolgreicheren Tagen zu schwärmen. Dabei erzählen sie die schönsten Anekdoten.

Herrsching – Alle paar Monate, wie jetzt gerade wieder, treffen sich auf dem Heiligen Berg in Andechs ein paar ältere, aber jung gebliebene Herren zu einer ausgiebigen Mittags-Brotzeit. Ihr Gesprächsthema ist fast ausschließlich der Fußball. Klar: Die älteren Herren haben einst selbst – und das recht erfolgreich – gegen den Ball getreten. Die meisten für den TSV Herrsching, vor bald 50 Jahren.

Das war zu einer Zeit, als die mittlerweile in die kreisklassige Bedeutungslosigkeit abgestürzten Ammersee-Kicker noch die Nummer eins im Fünfseenland waren, den Durchmarsch von der C-Klasse in die Landesliga geschafft hatten. „Das war damals die vierthöchste, deutsche Spielklasse“, betont Helmut Pestinger, der Organisator des Andechs-Stammtischs.

Beim Treffen blüht natürlich der Flachs: „Und was hast du dazu beigetragen, Helmut? Du bist doch nur im Mittelkreis rumgestanden?“, fragt Franz Polz, der ehemalige Mittelfeldspieler des SV Inning, der es mal wieder als Letzter den Weg hinauf ins Bräustüberl geschafft hat. Die freundliche Antwort des einstigen „Laufwunders“ sei vorsichtshalber mal verschwiegen.

Treffen im Bräustüberl: Dieter Obermeier (l.) und Helmut Pestinger.

Es wird kräftig gefrotzelt bei diesen Treffen, es werden Anekdoten erzählt wie vom legendären Trainingslager in Hamburg-Ochsenzoll. Und es wird auch respektvoll gelobt. „Weißt es noch, du hast uns 1972 den Aufstieg in die Landesliga festgehalten. Mit deiner Traumparade in der letzten Minute“, erinnert Pestinger den ehemaligen Torwart Dieter Obermeier an den 3:2-Sieg im zweiten und entscheidenden Aufstiegsspiel gegen Untermenzing. Obermeier kam in der B-Klasse vom TSV Erling-Andechs nach Herrsching. Als Abwehrspieler. Nach einem Innenbandriss, OP und vier Wochen Gipsschale machte das Knie nicht mehr so richtig mit: „Es ist mir in fast jedem Spiel rausgeschnackelt“, erinnert er sich. Und er verrät: „Ich wollte aber weiter Fußball spielen.“ Seine neue Karriere: „Dann bin ich halt ins Tor gegangen.“

Das klappte so gut, dass Herrsching den Durchmarsch packte. Das Problem damals: Es klappte nach einem 4:4 in Partie eins erst im zweiten Anlauf. Dummerweise war da längst eine einwöchige Mallorca-Reise für die Mannschaft geplant. So musste Willi Welte 50 Herrschinger suchen, die anstelle der Fußballer die Reise antraten. Welte schaffte es – und die Aufstiegshelden flogen mit einer Woche Verspätung auf die Sonneninsel. „Ich bekam dafür beim Bund sogar sieben Tage Sonderurlaub“, erzählt Pestinger seinem ehemaligen Mitspieler Hacky Köhler, einst ein kopfballstarker Mittelstürmer.

Immer ein Top-Thema beim Stammtisch der Fußball-Oldies: Der TSV 1860 München. Aber da weniger die aktuelle Situation, sondern vielmehr die großen Zeiten Mitte der 60er-Jahre, als sich die Löwen regelmäßig am Ammersee auf ihre Bundesliga-Spiele vorbereiteten. Sie wohnten in der Sportschule in Wartaweil, trainierten in Dießen und Erling und festigten den Zusammenhalt bis spät nachts in diversen Kneipen. Besonders hoch im Kurs standen dabei die legendäre „Charly-Bar“ und das „Cafe Flora“. Beide gehörten Charly Gumpfer, einer Herrschinger Legende. Kartenspielen als „Spielvorbereitung“ stand da ganz hoch im Kurs. Besonders: Schafkopfen mit Karl Nandlinger, dem Schwiegervater von Hans-Peter Haberkorn, dem wieselflinken Linksaußen der Herrschinger „Gipfelstürmer“. Er kannte die meisten Löwen, da er auch 1965 beim Europacup-Finale gegen West Ham in London dabei war. Spitzname daher: „Wembley-Karl“.

„Die Trainingslager der Löwen waren für uns Herrschinger Buben absolute Highlights“

1860 am Ammersee – klar, da kommen bei den damals jungen Fußballern Erinnerungen hoch. Pestinger zum Beispiel verrät, warum Trainer-Legende Max Merkel, der Meistermacher aus Wien, bei ihm in Ungnade fiel: „Die Trainingslager der Löwen waren für uns Herrschinger Buben absolute Highlights. Wir schauten immer zu, so kannten uns schon einige Spieler. Wie Zeljko Perusic. Der kam zu mir und meinte, ich soll ihm alle Zeitungen besorgen. Dafür bekam ich zehn Mark von ihm. Das bekam Merkel mit. Als ich dann ein Autogramm von ihm wollte, meinte er, das bekomme ich nur, wenn ich ihm die zehn Mark von Perusic gebe. Ich dachte erst, er macht einen Scherz, aber er meinte es ernst. Ab da hatte Merkel bei mir für immer verschissen.“

Und noch eine Anekdote wird den Stammtisch-Kollegen erstmals verraten. Dieter Obermeier erzählt von einer ganz besonderen Autofahrt mit Rudi Brunnenmeier, dem Torjäger der Löwen. Der 2003 verstorbene Top-Star nahm den Herrschinger im Auto mit nach München, da er wegen seiner Knie-Probleme einen Termin beim 1860-Arzt hatte. „Er kam im roten Porsche“, erinnert sich Obermeier. Der fünffache Nationalspieler nahm es weder mit den Verkehrsregeln noch mit der Straßenführung so richtig ernst: „In Perchting fuhr er auf der kurvigen Straße einfach geradeaus durch die Kuhherde. Eine Kuh hat ihm dabei eine Delle reingetreten. Aber das war ihm wurscht.“

Mittlerweile ist die riesige Wurstplatte aufgegessen, das letzte Bier (natürlich alkoholfrei) ausgetrunken. Bevor’s runter zum Parkpatz geht, kommen die Alten doch noch mal auf die aktuelle Situation beim TSV Herrsching (abgeschlagen Tabellenletzter in der Kreisklasse 4) zu sprechen. Pestinger sagt’s im Namen aller Ehemaligen: „Das ist einfach nur deprimierend.“

Thomas Ernstberger

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