Die Maibaum-Tradition wurde erst zur 1200-Jahr-Feier wieder aufgegriffen. Er wurde gut bewacht. In der Nacht vom 26. auf den 27. April rückten die Erlinger Burschen zwar an, wurden aber„blutig abgeschlagen“, heißt es.
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Die Maibaum-Tradition wurde erst zur 1200-Jahr-Feier wieder aufgegriffen. Er wurde gut bewacht. In der Nacht vom 26. auf den 27. April rückten die Erlinger Burschen zwar an, wurden aber„blutig abgeschlagen“, heißt es.

1250 Jahre Herrsching

Vorfreude auf ein großes Jubiläum

  • vonAndrea Gräpel
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Die Messlatte hängt hoch, wenn Herrsching in fünf Jahren 1250 Jahre seit der ersten Erwähnung feiern kann. Denn schon die 1200-Jahr-Feier war ein Riesenspektakel übers ganze Jahr 1976 verteilt. Ganze Kisten voll mit Bildern dieser Feste stehen im Gemeindearchiv. Archivarin Dr. Friedrike Hellerer hat einen Eindruck davon, wie viel Vorbereitungsaufwand so ein Ortsjubiläum bedarf. Rechtzeitig wollte sie Bürgermeister Christian Schiller deshalb darauf hinweisen, und der gab es auch sogleich im Gemeinderat bekannt. Schon bald soll nun ein Festkomitee gegründet werden.

Herrsching - Dass Herrsching viel älter als aktuell 1245 Jahre sein muss, beweisen nicht zuletzt die Funde im Archäologischen Park oder auch ein Grabstein, der in einer Nische in der Außenmauer von St. Michael in Widdersberg eingearbeitet ist. Dieser Stein wird auf die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts nach Christi datiert. Urkundlich erstmals erwähnt wurde Horscaninga allerdings gemeinsam mit dem Nachbardorf Erling (Erlingigun) in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 776. Friedrike Hellerer erklärt sie Veränderung von Horscaninga zu Herrsching durch Lautverschiebung im Alt- und Mittelhochdeutsch bis heute. Es ist vor allem aber eine beeindruckende Geschichte vom 400-Seelen-Fischer- und Bauerndorf um 1900 zur Ammerseegemeinde mit aktuell mehr als 11 000 Einwohnern.

Spätestens seit dem Bau der Bahnverbindung im Jahr 1903 hat sich Herrsching zu einem begehrten Touristenziel entwickelt. Bauernhöfe gibt es im Ort nicht mehr, seit Herrschings letzter Landwirt, Hermann Jäger, seinen Hof vom Zentrum raus nach Lochschwab verlegt hat. Das ehemals an Bewohnern und Infrastruktur kleinste Dorf am Ammersee hat seine Einwohnerzahl durch Zuzug innerhalb kurzer Zeit vervielfacht. 1900 zählte Herrsching ohne seine heutigen Ortsteile Breitbrunn und Widdersberg 448 Einwohner, 1939 waren es 2663, 1980 mit den beiden Ortsteilen waren es bereits etwa 8500.

Als Herrsching 1976 auf seine Bewohner blickte, rückten auch jene in den Mittel-punkt, die es nach dem Bau der Bahn an den Ammersee verschlug, der bis dahin despektierlich Bauernsee genannt wurde. Es war eine bunte Mischung aus Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern und Philantropen, der spätere Landtagspräsident Rudolf Hanauer zum Beispiel, der die 1200-Jahr-Feier in der Realschule mit eröffnete, aber auch der Erbforscher Alfred Ploetz, Architekt Roderich Fick oder die Künstler Rudolf Treumann, Wilhelm Krieger oder Dirigent Albert Gorter. Die auffälligste Spur hinterließ der Maler Ludwig Scheuermann, dessen Villa als Kurparkschlösschen geläufig ist und in fünf Jahren ebenfalls ein Jubiläum feiern kann, das 150.

Der Auftakt zum Jubiläum 1976 wurde mit einem Bürgerball gefeiert, der Festakt in Anwesenheit von Rudolf Hanauer und Bürgermeister Jürgen Schulz in der Realschule. Und auch beim Fasching stand die 1200-Jahr-Feier im Mittelpunkt. Nach zehn Jahren Pause wurde aus Anlass des Jubiläumsjahres darüber hinaus erstmals wieder ein neuer Maibaum auf-gestellt.

Ausgelacht hatten die Erlinger die Herrschinger damals, weil sich in Herrsching niemand gefunden hatte, den Maibaum per Hand und mit Zangen aufzustellen. Kurzerhand wurde damals ein Kran eingesetzt – allen Traditionen zum Trotz. Hohn und Spot der Nachbarn war den Herrschingern gewiss. Aber Schadenfreude währt selten lange. Als die Erlinger nämlich den Herrschingern vormachen wollten, wie es geht, gab es prompt einen Unfall. Der Erlinger Baum fiel einem Burschen auf den Fuß. Der ein oder andere Herrschinger mag sich daran noch erinnern. Hohn und Spott müssen die Herrschinger heute nicht mehr fürchten. Der Vorsitzende der Herrschinger Gemeinschaft der Vereine, Ludwig Darchinger, ist ein Profi, der sogar den Freunden in der italienischen Partnerstadt Ravina beibrachte, wie’s geht.

Premiere feierte damals das Schlossgartenfest, das als Nachfolger der legendären Waldfeste in Mühlfeld eine lieb gewonnene Tradition für alle geworden ist. Coronabedingt musste es im vergangenen Jahr ausfallen, wie es in diesem Jahr mit Veranstaltungen wie diesen aussieht, bleibt abzuwarten. Fest steht aber, dass auch das Schlossgartenfest 2026 Jubiläum feiert, nämlich dann das 50.

„Damals wurde alles, was es gab, ins Jubiläum eingebunden“, weiß Herrschings Gemeindearchivarin. Selbst die Legende um die „Weiße Frau“ (Kuttamirl), die Einsiedlerin, die im Kiental in einer Höhle gelebt und Pilger schreckt haben soll, wurde in einem Nachtumzug wieder lebendig. „Es war alles ein bisschen improvisiert, aber dafür mit einem irren Drive“, sagt Friedrike Hellerer, beeindruckt von den Fotografien aus dieser Zeit – vor allem von denen des großen Festumzuges im Sommer. 48 Vereine zählte Herrsching 1976 und jeder hatte einen Festwagen gebaut. Sogar die Schulentlassfeier der Volksschule war 1976 zu einem Fest geworden. Erst im Dezember hörte das Feiern auf. Den Abschluss im großen Festprogramm bildete erst eine winterlicher Wandertag.

Ausstellungen, Konzerte, Feste, Jubiläen von Kurparkschlösschen und Schlossgartenfest – in fünf Jahren gäbe es neben dem großen Ortsjubiläum in Herrsching einiges zu feiern. Herrschings Gemeindearchivarin tat sicher gut daran, rechtzeitig zu erinnern. Damals war für ein großes Festzelt im Gewerbegebiet Platz. Es ist ein sehnsuchtsvoller Gedanke zurück angesichts der Pandemie und all der damit verbundenen Beschränkungen heute.

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