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Die Spitze des Hundertwasser-Turms zu Abensberg.

Hundertwasser: Streit um Turmbau in Andechs

Andechs - Streit um einen toten Künstler: In Andechs soll ein 28-Meter-Turm entstehen, im Stil von Hundertwasser. Der Kreisheimatpfleger ist entsetzt. In Abensberg haben sie so einen Turm schon – und streiten noch immer.

Wer zum Turm von Hundertwasser in Abensberg will, muss einen Umweg machen: Er muss am „Weißbierhimmel“ vorbei und an der „Bierpantscherhölle“. Das sind zwei kleine Erker im Keller der Kuchlbauer-Brauerei, dort muss man durch. In einem Erker sitzt der Engel Aloisius, im anderen wird Bier mit Cola verdorben. Ein paar Stufen höher, im Innenhof der Brauerei, wächst der Turm aus der Erde, gleich neben dem Sudhaus. 35 Meter ist er hoch, bunt und verspielt. Als ob er lebendig wäre, streckt er sich gen Himmel. Wie ein Spargel-Turm in der Spargel-Stadt, mit Säulen statt Wurzeln. Dieser Turm hat Abensberg verändert.

Spargel, Judo, Hopfen – dafür kennt man die kleine Stadt in der Hallertau. Wenn überhaupt. Bis jetzt. Denn Leonhard Salleck, 65, der Chef der Kuchlbauer-Brauerei, hat eine Vision: Er will hier etwas Einmaliges schaffen, etwas Großes, kurz: den zentralen Bier-Kunst-Ort Bayerns. Der Turm soll ihm dabei helfen.

Hundertwasser in Andechs unbeliebt

Bier gibt es auch 130 Kilometer weiter südlich, in Andechs. Auch hier soll ein Turm helfen, ein Turm im Stile Hundertwassers – gewidmet, das ist ein wichtiger Unterschied, der Milch und dem Käse, nicht dem Bier. Gerade zanken sie sich in der Gemeinde am Fuße des Heiligen Bergs über die ausgefallene Architektur. Diesen Streit, auch das unterscheidet die Orte, hat Abensberg bereits hinter sich.

Für Brauerei-Chef Salleck ist Andechs ohnehin „keine Konkurrenz“. Friedensreich Hundertwasser, der Wiener Künstler, hat an den Plänen in Andechs nicht selbst mitgewirkt – anders als beim Bier-Turm. Salleck sitzt im Janker am Schreibtisch, mit stechendem Blick hinter tief sitzender Brille. „Der Name Hundertwasser wird in Andechs abgewertet“, sagt er. Ihm geht es um die Kunst, die liebt er. Er hat ein Buch über da Vincis Abendmahl geschrieben und sich das Bild in seinen Keller malen lassen, in Originalgröße.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten

Aber Salleck ist auch Geschäftsmann. Der Turm in Abensberg soll Touristen in seine Brauerei locken. Wer das Kunstwerk erklimmen will, muss eine Vorab-Führung durch den Betrieb buchen, vorbei am „Weißbierhimmel“. Mit Liebe zum Detail verbindet Salleck Hundertwassers Architektur mit dem Geschäfte-Machen. Er zeigt sprechende Marionetten, kurze Filme und sogar Lichtshows. „Hach, schön“, seufzt eine Besucherin. Erst eine knappe Stunde später darf sie auch in den Turm.

Der Weg nach oben führt über eine Wendeltreppe – wie es der Meister liebte. „Die gerade Linie ist gottlos und unmoralisch“, lautete das Credo des 2000 verstorbenen Künstlers. Alles Kitsch, warfen ihm Architekten immer wieder vor und fuchtelten mit ihren Linealen herum. Ob es das Hundertwasserhaus in Wien ist oder die Waldspirale von Darmstadt – die Kunstkritiker lästern, die Besucher sind verzaubert. Über Geschmack lässt sich nicht streiten – doch genau das passiert in Andechs wie in Abensberg.

Touristenmagnet Hundertwasser-Turm

Streit hin oder her, Sallecks Kalkül scheint aufzugehen. Schon jetzt, lange vor der offiziellen Eröffnung des Bier-Turms im März, kommen drei Mal so viele zahlende Kunden als in der Zeit vor dem Turm. 70 000 Besucher – so viele könnten es pro Jahr werden, glaubt Salleck.

Rund 1000 Touristen haben den Turm schon bestiegen, Marlene Mangold ist eine von ihnen. Die 64-Jährige ist aus München angereist, „wegen dem Turm“, wie sie sagt. Brauereiführungen habe sie schon viele gemacht. Sie ist zusammen mit ihrer Freundin Sabine Czech hergekommen. Den beiden gefällt der eigenwillige Turm. „Wir dürfen nicht immer in Schubladen denken“, mahnt Czech. Den Kritikern des Turms wirft sie „einen engen Weltgeist“ vor. Sie fände es „toll“, wenn auch in Andechs ein solches Kunstwerk entstehen würde.

Bürgermeisterin Neppel ist erleichtert

Bei dem Gedanken platzt dem dortigen Kreisheimatpfleger Gerhardt Schober der Kragen. Ein Hundertwasser-Turm in seiner Gemeinde? „Eine Katastrophe“, schimpft er. Für ihn sind das Kloster und die Kirche St. Vitus im Ortsteil Erling „ein Kernstück bayerischer Kulturlandschaft“. Der Künstler-Turm aber wäre am Ende so hoch wie das Gotteshaus – und dann von überall zu sehen! Auch Pfarrer Valentin Ziegler berichtet schon von „handfesten Schreiereien“ in der Gemeinde. Die Männer sind sich einig: So ein „Werbe-Gag“ hat bei ihnen nichts verloren.

Noch ist ungewiss, ob die „Katastrophe“ zusammengemauert wird. Die Molkerei Scheitz will auf ihrem Betriebsgelände einen 28 Meter hohen Turm im Hundertwasser-Stil bauen. Damit nicht genug: Daneben soll noch ein zwölf Meter hohes Hügelhaus entstehen. Um den Tourismus im Ort zu stabilisieren. Doch schon jetzt beschert das Kloster der Gemeinde viele Gäste – rund 1,2 Millionen im Jahr. Wenn die Molkerei losbaut, könnten es bald deutlich mehr werden. Aber: Mehr Touristen bedeuten mehr Verkehr. Das schreckt die Andechser Bürgermeisterin Anna Neppel. Sie ist erleichtert, dass der Heimatpfleger schimpft. „Ich bin froh, dass es so gekommen ist.“ Auch sie fürchtet offenbar um die Idylle des Ortes.

Die Qual der Wahl

Eine Angst, wie sie auch in Abensberg herrscht. „Wenn man jetzt in der Innenstadt einen Kaffee trinken will, findet man immer einen Platz“, erzählt Manfred Schmid, 41. Das ist ihm wichtig. In seiner Stimme schwingt Zweifel mit. Ob das so bleibt? Jetzt, wo der Bier-Turm da ist?

Vor sieben Jahren ist Schmid nach Abensberg gezogen – „wegen der Idylle“, wie er sagt. Jetzt wohnt der schlanke Mann keine 500 Meter vom Turm entfernt – und hat gerade elf Euro bezahlt, um ihn von innen zu sehen. Er erklimmt die letzten Stufen, tritt ein in die goldene Kugel, die die Turmspitze bildet. „Bierparadies“ nennt sie Salleck, der Brauerei-Chef. Doch Bier gibt es hier oben keins. Dafür kleine Fenster. Durch eines davon blickt Schmid hinunter auf den Ort. Ein Lächeln wischt die Sorgenfalten aus seinem Gesicht. „Gigantisch“, sagt er. Der Genuss währt nur kurz. Zehn Minuten später steht er wieder am Fuß des Turms, blickt noch einmal hinauf und macht sich Gedanken über den Verkehr und all die vielen Touristen. Er überlegt kurz. „Man kann eben nicht beides haben“, sagt er dann. Eine Attraktion – und zugleich seine Ruhe.

Thomas Schmidt

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