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Glückliche Fügung: Hans Delling lebte eine Zeit in Nigeria und fühlt sich mit Happy und Sylvester Okhiria verbunden. Baby Meraco ist sein Patenkind, der Kleine wurde vor einem Jahr in Inning getauft.

Asyl

Ein Pate der Herzen

Hans Dellinger aus Inning ist Pate und Taufpate zugleich.

Inning– „Kadang-Kadang bedeutet langsam-langsam“, übersetzt Sylvester Okhiria und lacht. Dabei wirft er Hans Dellinger einen verschmitzten Blick zu. Dellinger ist Pate, also persönlicher Begleiter, der nigerianischen Familie, lebte mit seiner Frau selbst vier Jahre in Nigeria und spricht ein paar Brocken der Landessprache. Er ist auch Taufpate des kleinen Meraco, der strahlend auf dem Schoß seiner Mutter Happy Abude sitzt. Happy, das bedeutet „glücklich“. Das Glück jedoch ließ erstmal auf sich warten.

Verstärkt durch die Schrecken der Flucht, fiel die 38-jährige Mutter nach der Geburt in eine Wochenbettdepression. Es sind Erinnerungen an die Überfahrt in einem hoffnungslos überfüllten Holzkahn, in dem das Paar Tage lang, den Launen der Natur ausgesetzt, über das Mittelmeer trieb. Rechts und links stürzten Menschen über die Reling, erzählt Sylvester. Sie überlebten, das Trauma ist geblieben. Es holte Happy nach der Geburt ein. Danach begann eine Odyssee von Krankenhaus zu Krankenhaus. Dellinger kutschierte Vater und Sohn zur Mutter. Die Taufpatenschaft hatte er sich vermutlich anders vorgestellt, als er am Karsamstag vor einem Jahr in Innings katholischer Kirche das kleine Bündel Glück im Arm hielt, dem der Pfarrer mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn malte. Statt Ausflüge in den Zoo oder an den See waren es Fahrten ins Krankenhaus, die das Zusammensein bestimmten.

Vater und Pate sprangen ein, als Mutter im Krankenhaus war

Er ist „our father in Germany“, beschreibt der Nigerianer die Rolle des 64-Jährigen und wirkt dabei ehrlich dankbar – und nachdenklich. „Ich weiß gar nicht, wie ich ihm dafür danken kann, was er alles für uns getan hat.“ Für Dellinger ist das Engagement selbstverständlich: „Die Verantwortung für den Kleinen ist gekoppelt mit der Familie.“ Rührend habe sich Sylvester um den Kleinen gekümmert, während die Mutter krank war. Allerdings musste der Mann, der in seiner Heimat den Lebensunterhalt als Künstler verdiente, seine Arbeit aufgeben. Auch Deutschkurse seien in der Zeit nicht möglich gewesen. Zur ersten Geburtsfeier kam Happy vorübergehend heim.

Als in Inning ein Zirkus gastierte, hatte Dellinger Gelegenheit mit seinem Patenkind an der einen und der Enkelin an der anderen Hand eine Vorstellung zu besuchen. Und Weihnachten kaufte er der Familie eine Ziege. Es sind unbeschwerte Augenblicke wie diese, die die schönen Erinnerungen an seine Zeit in Nigeria zurückbringen. Die Rückkehr nach Deutschland war damals vernunftgesteuert, kam nicht aus dem Herzen. „Wenn man zu lange bleibt, kehrt man nicht zurück.“ Ginge es nach ihrem Herzen, würden Sylvester und Happy in Inning bleiben. Die Aussichten seien aber gering, bedauert Dellinger. „Sie hatten noch nicht einmal eine Anhörung.“ Was, wenn sie wegmüssen? Daran denkt er noch nicht – aber wenn der Bayer etwas in Nigeria gelernt hat, dann ist es Geduld. Kadang-Kadang.

Alles wird gut: „Kadang-Kadang“

Unterdessen ist Happy wieder ganz zu Hause und Sylvester arbeitet auf dem Bauhof, während sich der Kleine in der Krabbelgruppe sichtlich wohlfühlt. Und am Marktsonntag plant Sylvester bei den Live-Kickern ein Match. Die Familie strahlt übers ganze Gesicht. Ansteckende Lebensfreude, allen Widrigkeiten zum Trotz, ist das – ganz nach dem Motto „Kadang-Kadang“.

Von Michèle Kirner

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