Ein imposantes Exemplar: Der alte Maulbeerbaum von Birgitta Hannover Moser steht direkt an der Ortsdurchfahrt und ist ein Naturdenkmal.
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Ein imposantes Exemplar: Der alte Maulbeerbaum von Birgitta Hannover Moser steht direkt an der Ortsdurchfahrt und ist ein Naturdenkmal.

Naturdenkmal Maulbeerbaum

Der Baum und das Seidenprojekt

  • VonAndrea Gräpel
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Mehr als 20 Bäume oder Baumgruppen im Land-kreis sind Naturdenkmäler. Was sie so besonders macht, erklären wir in einer Serie mit loser Folge. Heute: ein alter Maulbeerbaum an der Ortsdurchfahrt in Inning.

Inning – An der viel befahrenen Ortsdurchfahrt in Inning gibt es kaum Fußgänger, und diejenigen, die die Straße entlang gehen, achten mehr auf den Verkehr, so dass man an dem kleinen Schatz an der Herrschinger Straße 13 achtlos vorbeilaufen könnte. Dort steht ein wenig zurückversetzt nicht nur ein liebevoll restauriertes denkmalgeschütztes Haus, sondern auch ein Baum, der in der Liste der Naturdenkmäler im Landkreis Starnberg steht – ein Maulbeerbaum. Die rechte Haushälfte gehört der 71-jährigen Birgitta Hannover Moser.

Die freiberufliche Kunsthistorikerin und Archäologin hat sich 1998 in das sogenannte Ärzte- beziehungsweise Baderhaus eingekauft. Damals konnte sie zur Straßen-abgewandten Seite auf einen großen Garten mit altem Baumbestand und einen plätschernden Zweig des Inninger Bachs schauen. In einer Nacht- und Nebelaktion seien die alten Bäume zu Beginn des Jahrtausends gefällt worden. Heute blickt sie von ihrem Balkon auf weiße Betonwände von Mehrfamilienanlagen. „Der Maulbeerbaum ist der letzte alte Baum“, sagt sie. Er steht auf ihrem Grund. Und „nur über meine Leiche wird der gefällt“.

Diese Sorge muss sie sich nicht mehr machen, denn die Kreisbehörde ist 2013 auf den Baum aufmerksam geworden. Er wurde als „sehr seltene Baumart mit hohem Alter (wohl 19. Jahrhundert)“ in die Liste für Naturdenkmäler aufgenommen. Seit 2013 übernimmt der Landkreis auch die Kosten für die Pflege. Birgitta Hannover Moser, mag nicht einmal mehr einzelne Zweige wegschneiden, weil sie das letzte Mal als sie dies tat, einen Rüffel erhalten habe. Es amüsiert sie, dass sie von der Gemeinde trotzdem immer wieder darauf hingewiesen werde, den Verkehrsraum freizuschneiden. „Ich hab’ denen schon geschrieben, dass sie sich an den Landkreis wenden sollen.“

Die Kunsthistorikerin ist froh, dass der Landkreis ihr mit dem Prädikat Naturdenkmal bei der Maulbeere zur Seite gesprungen ist. Denn durch ein „Geh-Recht“, dass die Nachbarn aus der Mehrfamilienanlage im hinteren Bereich ihres Hauses haben, quetschten sich vor allem Paketdienste gern an dem Baum vorbei auf ihren Garagenvorplatz und drohen die Pflanze zu verletzten. Ihr tue dies in der Seele weh: „Ich werde auf eigene Kosten einen kleinen Zaun aufstellen. Das hab ich schon abgesprochen.“ Auch das letzte bisschen Garten hütet sie wie ihren Augapfel, gerade erst hat sie einen Walnussbaum setzen lassen, weil sie sich nicht darauf verlässt, dass die Gemeinde die auf öffentlichem Grund stehende Kastanie an der Grundstücksgrenze sowie eine Linde stehen lässt.

Tatsächlich würde das denkmalgeschützte Haus ohne dieses Grün in der Betonwüste verloren wirken. Dabei ist es nicht nur sehenswert, sondern hat auch eine bewegte Geschichte. Der Verein Heimatgeschichte nennt als Bauherrn 1805 den Chirurgen Joseph Bals. Ihm folgte 1814 der Bader Joseph Bals. Ein Bader war im Unterschied zum Arztberuf über Jahrhunderte ein Handwerksberuf. Um diese Zeit herum wurde nach Ansicht von Jutta Göbber vom Verein Heimatgeschichte auch der Maulbeerbaum gepflanzt, in der Absicht Seidenspinnerraupen zu züchten. Das aufwendige Projekt sei aber ebenso schnell fallen gelassen worden, der Baum blieb. 1841 übernahm der Arzt Joseph Bals das Haus, 1912 dessen Sohn gleichen Namens – auch ein Arzt. 1934 kaufte der Filmproduzent Hubert Schonger das Haus, das ab 1945 auch als Filmatelier genutzt wurde. Heute ist die Wohnhaushälfte restauriert und bewohnt, und in der rechten Stallhälfte, die Birgitta Hannover Moser gehört, befinden sich sechs Wohnungen.

Weshalb neben dem Haus nun auch der Maulbeerbaum geschützt ist, erklärt Jürgen Erhardt, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege. Maulbeeren wurden schon früh in allen wärmeren Regionen Europas verbreitet. Bekannt sind die Weiße, Schwarze und Rote Maulbeere. „Dies in Inning dürfte der Morus alba, also der Weiße Maulbeerbaum sein“, meint Erhardt, der von einer botanischen Rarität spricht. In Kottgeisering stehe ein ähnliches Exemplar, ebenfalls ein Naturdenkmal. Birgitta Hannover Moser hat die weißen Früchte dieses Jahr bereits geerntet und getrocknet.

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