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Mittlerweile können sie wieder lachen: Bianca Stroebel und Hans-Peter Hübsch.

So geht es betroffenen Firmen heute

Hagelunwetter 2019 in Inning: Reparaturen immer noch nicht beendet

  • vonAndrea Gräpel
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Am Pfingstmontag 2019 schlug der Hagel auf Inning nieder. Die Reparaturen dauern bis heute.

Inning – Es ist Pfingstmontag, als ein Orkan und Hagel in der Größe von Tennisbällen im vergangenen Jahr über den westlichen Landkreis ziehen. Monatelang sind durchlöcherte Hausdächer mit Planen bedeckt, weil die Dachdecker mit den Aufträgen nicht hinterherkommen. Auch ein Jahr danach bekommen die Handwerker noch immer Aufträge, Hagelschäden zu beseitigen. Den Bereich Inning traf es besonders hart. Auch von den 25 gemeindeeigenen Häusern wurden 24 beschädigt. Den größten Schaden hatte aber wohl die Gärtnerei Hübsch: Kaum dass nach der einen Krise ein Silberstreif am Horizont zu erkennen gewesen war, folgte mit dem Coronavirus die nächste.

Innings Bürgermeister Walter Bleimaier ahnte wenige Tage nach dem 10. Juni 2019 schon, dass die Reparaturen im Gemeindebereich bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen würden. Ein Jahr danach erweist sich dies als durchaus realistisch. „Fast alle Dächer sind hergerichtet, aber noch nicht alle“, weiß er. Das gilt auch für die gemeindlichen Immobilien. Auf dem Rathaus-Anbau wurde die Fotovoltaikanlage durch den Hagel zerstört, auch das Dach sei dabei beschädigt worden. „Das muss noch gemacht werden.“ Ebenso die „vertikalen Schäden“, also die an Fassaden und Jalousien von Rathaus und Grundschule.

Das Mehrzweckhallendach konnte mittlerweile repariert werden. Der Hagel hatte es undicht gemacht

Spengler und Maler hatten schon vor dem Hagelschlag volle Auftragsbücher. Nach dem 10. Juni „brach die Hölle über uns herein, und es reißt nicht ab“, sagt Michael Eigler, Malermeister aus Buch. Der 33-Jährige führt den Betrieb in vierter Generation und hat zwei Angestellte. Noch immer erhält er täglich Anrufe mit der Bitte, Wärme- und Dämmschäden an der Fassade zu richten und Putz auszubessern. „Wir versuchen, uns da durchzukämpfen“, erzählt er. Als kleiner Betrieb, dem es wie bei allen Kollegen an Fachkräften mangelt, hat sich Eigler mit drei weiteren Malerbetrieben aus der Umgebung zusammengeschlossen, damit die Aufträge erfüllt werden können. „Alles schaffen konnten wir aber nicht.“

Das ging auch Andreas Schoppe so. „Den Hagel hätte kein Mensch gebraucht“, sagt er. Seit sieben Jahren könne er über Arbeitsmangel nicht klagen, und dann auch noch das. Seine ehemals 16 Mann starke Spenglerei in Arzla, die auch auf Dachdeckerarbeiten spezialisiert ist, hat wegen des Fachkräftemangels nur noch zehn Mitarbeiter. „Der letzte Lehrling hat seinen Abschluss im Januar gemacht.“ 3000 Euro habe er auf der Suche nach neuem Nachwuchs für Anzeigen ausgegeben, „es kam ein einziger Anruf“. Dabei könnte der 56-Jährige – Bauboom und Hagelfolgen entsprechend – durchaus weitere Unterstützung gebrauchen.

Schoppe selbst war am Pfingstmontag vergangenes Jahr zufällig in seiner Werkstatt in Arzla auf der anderen Seite der Autobahn. „Da ist nur minimal was runtergekommen“, sagt er. Erst als sein Sohn angerufen habe und fragte, wo er denn bleibe, habe er mitbekommen, was in Inning los war. Und von der ersten Stunde an klingelte bei ihm sodann das Telefon. „Wir haben sogar sonntags gearbeitet.“ Nach acht Wochen habe er das erste Mal sonntags freigemacht. „Ich lag im Bett und habe gezittert, war völlig überdreht. Da habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss.“ Er hatte ja andere Baustellen liegenlassen. Wobei die Auftraggeber damals großes Verständnis gezeigt hätten, sagt Schoppe dankbar.

Nur provisorisch mit Planen waren Dächer monatelang geschützt.

„Ich hab so was noch nie händeln müssen. Andere haben einfach den Anrufbeantworter laufen lassen, wir sind immer ans Telefon. Das mach ich nie mehr, das schafft man nicht.“ Für die Inninger hat er am Ende ein dickes Lob übrig, „die haben alle zusammengehalten, hatten Verständnis. Es gab nie ein böses Wort.“

Zusammenhalt spürte auch die Gärtnerei Hübsch – sowohl vonseiten der Mitarbeiter, aber auch vonseiten der Kunden. Zum Unternehmen gehören große Gewächshäuser, die alle beschädigt wurden. Es war wohl der höchste Einzelschaden in Inning. 80 Prozent des Betriebs waren betroffen, vor allem die Gewächshäuser, aber auch ein altes Wohnhaus auf dem Gelände. Hans-Peter Hübsch (46) und seine Lebensgefährtin Bianca Stroebel (44) ließen sich nicht kleinkriegen. Schon wenige Tage nach dem Hagel bewiesen sie Humor und plakatierten sinngemäß: „Wir haben zwar ’nen Dachschaden, aber es ist geöffnet.“

Vor einem Jahr war die Juniorchefin den Tränen nahe, heute kann sie wieder lachen, auch wenn den Betrieb mit dem Coronavirus die nächste Krise ereilte. Die gelernte Kinderkrankenschwester, Industriebetriebswirtin und Informatikern, die nun die Gärtnerei gemeinsam mit Hübsch leitet, beweist nicht nur mit ihrem beruflichen Werdegang Flexibilität und Kreativität. „Wir hatten während des Shutdowns die dreifache Arbeit, weil wir in der Zeit alles geliefert haben. Wir hängen quasi gerade in Corona.“ Das habe den Fortschritt des Wiederaufbaus etwas zurückgeworfen. „Aber wir müssen auch an unsere 25 Mitarbeiter denken.“

Das sagte sie auch vor einem Jahr und verband es mit einem dicken Lob. Denn die Mitarbeiter waren nach dem Hagelschaden gleich zur Stelle, um bei den Aufräumarbeiten mitzuhelfen. „Ohne sie ginge es nicht“, sagt Bianca Stroebel auch heute und freut sich über den vollen Einsatz in Krisenzeiten. Dasselbe sagt sie aber auch über die Kunden. „Wir haben tolle Kunden. Das Gros lebt mit uns, die haben uns nicht hängenlassen.“

Heute ist von dem Scherbenhaufen vom vorigen Jahr nichts mehr zu sehen. Das große Gewächshaus hat ein neues Dach mit mehr Schatten und verbesserter Bruchsicherheit, „eine Stufe höher“. Obwohl, überlegt sie kurz und lacht, die ersten Platten seien beim jüngsten Sturm schon wieder gehoben worden. Das kleine alte Gewächshaus ist nur provisorisch gedeckt. Es muss eigentlich komplett neu aufgebaut werden, dafür sind aber einige Voraussetzungen notwendig. Es gab dafür zwar schon einen Bauantrag, der aber noch mal neu eingereicht werden müsse. Den Mut verliert die schwungvolle Chefin und Mutter einer kleinen Tochter deshalb noch lange nicht.

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