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Im Ruhestand hat sich Klaus Schmitt (76) vom Ingenieur zum Mathe-Lehrer gemausert. Und von Ruhestand kann bei einer 35-Stunden-Woche auch nicht wirklich die Rede sein.

Asyl

Vom Huhn, dem Ei und dem Vergnügen

Wer arbeiten will, muss nicht nur schreiben, sondern auch rechnen können. Klaus Schmitt hilft deshalb Inninger Flüchtlingen beim Einmaleins  - und mehr.

Inning – Klaus Schmitt setzt einen Fuß vor den anderen und zählt „7, 8, 9...“. Vor der jungen Afghanin liegt ein aufgeschlagenes Heft, in der Hand hält sie einen Stift. Aufmerksam verfolgt die 19-Jährige die Bemühungen ihres Lehrers, ihr das Zahlensystem zu veranschaulichen. Vor einem Jahr meldete sich der Vermessungsingenieur beim Helferkreis Asyl in Inning, um die Flüchtlinge zu unterstützen. „Wer nichts kann, bekommt keine Arbeit – und wer nicht arbeitet, kann nicht für sich sorgen“, sagt der Inninger und ist unterdessen sechs Tage mit einer 35-Stunden-Woche als Mathematiklehrer im Einsatz.

Besonders die Vorbereitung kostete den 76-Jährigen viel Zeit. „Ich bin ja kein Pädagoge, sondern Ingenieur.“ Ein anderes Problem sind die meist dürftigen Deutschkenntnisse. Also kreierte er Bilder, mit denen er den Syrern, Eritreern und Afghanen die Grundrechenarten beibringt. So erklärt er das Prozentrechnen mit 100 Hühnern, die je ein Ei legen – und hockt sich zum Vergnügen der Schüler auf den Boden, als sei er das Huhn und lege gerade ein Ei. Ein „Kikeriki“, ein Prozent. Zwei Kikerikis sind zwei und so weiter.

Einige seiner Schützlinge haben nie die Schulbank gedrückt, andere zwölf Jahre lang. Im Einzelunterricht geht er auf die jeweilige Könnensstufe ein. Aber so unterschiedlich wie das Bildungsniveau, so unterschiedlich ist das Engagement. „Leider warte ich oft vergebens zur vereinbarten Zeit auf meine Schüler.“ Er schlussfolgert, dass die deutsche Pünktlichkeit für einige wohl noch gewöhnungsbedürftig sei. Aber immerhin: Zwei Drittel seiner Schüler sind gewissenhaft im Unterricht dabei, das verbleibende Drittel mal mehr, mal weniger.

Unterdessen zog er beim einen oder anderen die Notbremse: „Ich habe gesagt, ich setze den Unterricht aus. Jetzt müssen sie zu mir kommen, damit ich wieder mit ihnen arbeite.“ Der Leidenschaft für den Unterricht tut das keinen Abbruch. „Ich mache es gerne“, betont Schmitt und einige seiner Schüler seien auf einem guten Weg.

Wie der junge Eritreer, der unterdessen eine Ausbildung zum Bauhelfer macht. Schmitt: „Ich werde auf keinen Fall aufgeben und mit denen, die sich engagieren, mache ich weiter.“ Nicht aus reiner Selbstlosigkeit, gesteht der ehrenamtliche Lehrer. „Der Umgang mit den Menschen aus anderen Kulturen ist für mich eine Bereicherung. Sie sind nicht ,verbildet‘, mit wenig zufrieden und freuen sich über Kleinigkeiten.“

Im Unterricht wird viel gelacht. Zum Beispiel, wenn er die Schwätzer ruhigstellt, indem er sie das 1x1 aufsagen lässt. Unterdessen ein „running gag“, denn trifft er einen seiner Schützlinge auf der Straße, dann ruft dieser schon mal: „Herr Schmitt! Sieben mal acht?“ Bei aller Freude, den Staat kritisiert er: „Nach meinem Gefühl benützt der Staat die ehrenamtlichen Helfer, um sich den Anschein zu geben, dass er sich um die Integration kümmert.“

Auf der Tafel hat er für die Afghanin unterdessen eine Tabelle aufgezeichnet, die sie ins Heft überträgt. Auch sie kommt dank Schmitt mit jeder Stunde den Grundrechenarten ein Stück näher, die man im Alltag braucht – und nähert sich damit Selbstständigkeit und Integration.

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