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Der kleine Sinar (7) aus dem Irak, Ex-Bundesligaprofi Jimmy Hartwig und die anderen Flüchtlings-Kicker in der Turnhalle von Inning.

Fußball-Training mit Asylbewerbern

Jimmy Hartwigs Flüchtlings-Kicker

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Inning - Sport hilft. Gegen Langeweile. Und gegen Streitereien. In Inning am Ammersee treffen sich  junge Asylbewerber jede Woche zum Fußball-Training. Mit dabei: Ex-Bundesligaprofi Jimmy Hartwig.

Jimmy Hartwig steht unter dem schmalen Vordach der Inninger Turnhalle und schaut ungläubig zum Himmel. „Kuck Dir die Scheiße an hier.“ Wolkenbruch. Der Wind peitscht den Regen über den Parkplatz bis unters Vordach. Jimmy Hartwig, 61, Ex-Bundesligaprofi, Ex-Nationalspieler, wippt von einem Bein aufs andere, er will endlich kicken. Genau wie die jungen Flüchtlinge, die nach und nach angelaufen kommen. Die meisten klatschnass und nur im T-Shirt. Der 21-jährige Saboor schüttelt einigermaßen fassungslos den Kopf und sagt: „Afghanistan regnet nicht.“ Inning regnet. Und wie. Die Erlösung kommt nach einer Viertelstunde und heißt Hans Dellinger. Der Mann mit dem Schlüssel. Endlich Fußball.

Inning am Ammersee (Kreis Starnberg) geht schon fast als Modellgemeinde durch, wenn es um die Integration von Flüchtlingen geht. Etwa 120 Asylbewerber leben hier, rund 90 davon in der Containersiedlung wenige Meter von der Turnhalle entfernt. Der Verein „Hilfe von Mensch zu Mensch“ übernimmt die Asylsozialberatung, fast 50 Inninger Paten kümmern sich darum, dass die Flüchtlinge Anschluss finden. Es gibt eine Nähgruppe, Kinderbetreuung, einen Second-Hand-Markt. Und zweimal die Woche wird gekickt, jeden Mittwoch davon mit einem der bekanntesten Bewohner von Inning. Mit Jimmy Hartwig.

Jimmy Hartwig gibt ihnen das Gefühl, dass sie nicht alleine sind

Mannschaftswahl. Trainer Hans Dellinger wird als erstes gewählt, Jimmy Hartwig, Deutschlandtrikot, Nummer 6, Aufdruck Jimmy, wenig später. Lauter Jubel, als er sich das gelbe Leibchen überstülpt. Er selbst jubelt am lautesten, bevor er den 15-jährigen Alireza aus Afghanistan scherzhaft in den Schwitzkasten nimmt und gleichzeitig einem anderen Mitspieler einen leichten Tritt in den Hintern verpasst. Jimmy Hartwigs jugendliche Unbekümmertheit ist ansteckend. Seit Januar sind die Flüchtlinge in Inning. Von dem, was Jimmy Hartwig ihnen zuruft, verstehen sie maximal die Hälfte. Trotzdem gibt er ihnen das Gefühl, dass sie nicht alleine sind.

Das Trainerteam: Hans Dellinger, Josef Freymann und Jimmy Hartwig.

Jimmy Hartwig kennt die Einsamkeit. „Ich habe mich selbst oft fremd gefühlt.“ Wegen seiner Hautfarbe. Der Sohn eines afroamerikanischen GIs und einer deutschen Mutter machte als Fußballer Karriere, spielte bei Sechzig, danach beim Hamburger SV, wurde dreimal Meister, spielte zweimal für die Nationalmannschaft – zu einer Zeit, in der Spieler mit dunkler Hautfarbe auf dem Platz noch als „Neger-Schwein“ beleidigt wurden. Nach seiner aktiven Karriere überlebte er zwei Suizidversuche, den Krebs, das Dschungelcamp. Heute spielt er Theater. Und engagiert sich als DFB-Integrationsbotschafter. Im Juli will er ein Benefizturnier auf die Beine stellen, den Münchner Nationen Cup. Alle teilnehmenden Mannschaften dort sollen zur Hälfte aus Asylbewerbern bestehen. „Ich suche noch nach Sponsoren.“

"Wenn’s pressiert, telefoniert auch mal einer während des Spiels"

In Inning macht Jimmy Hartwig den Libero, da muss man nicht so viel laufen. Jenseits der Mittellinie beobachtet er, wie Dlwat, Fthawe und Puria – Irak, Eritrea, Afghanistan – dem gelben Filz hinterherjagen. „Kopf nach oben“, brüllt Hartwig und lacht, „nicht immer nur nach unten schauen. Look. Look.“ Als er den Ball hat, lässt er ihn sich vom kleinsten Mitspieler, dem siebenjährigen Sinar im Ronaldinho-Trikot, abnehmen. Hartwig nennt ihn nur Mickey Mouse. Spielstand? Unwichtig.

Hans Dellinger, 63, hat die Fußball-Gruppe ins Leben gerufen. Früher hat er für Dornier in Nigeria Flugzeuge gebaut. Jetzt sperrt er gemeinsam mit Josef Freymann zweimal die Woche die Halle auf und spielt mit 20 bis 30 Flüchtlingen einfach nur Fußball. Es ist anders als bei den Jugendmannschaften des SV Inning, die er früher trainiert hat. „Die Burschen hier sind viel verspielter. Und wenn’s pressiert, telefoniert auch mal einer während des Spiels.“ Egal, es macht Spaß. Und es ist gut für die Stimmung. „Wir mischen Araber und Afrikaner“, sagt Dellinger. „Das nimmt Spannungen raus.“

"Jetzt zeige ich dir mal den echten Jimmy"

Brigitte Gürlich bringt den Buben Deutsch bei.

Brigitte Gürlich steht am Geländer und blickt hinab aufs Spielfeld. Der 21-jährige Hamza schlenzt gerade den Ball gegen die aufgestellte Weichbodenmatte, den Torersatz. Er hat in Somalia Journalismus studiert. Jetzt dribbelt er in Inning. In ihrer Freizeit bringt Brigitte Gürlich den Flüchtlingen vor dem Fußball Deutsch bei. „Wenn das Training näher rückt, werden sie immer schon ganz hibbelig.“ Sie war es, die Jimmy Hartwig angerufen und gefragt hat, ob er sich vorstellen könnte, mitzumachen. „Wann soll ich da sein?“, habe er nur gefragt.

Nach dem Training sitzt Jimmy Hartwig mit Brigitte Gürlich in er Containerwohnung des 16-jährigen Puria und seiner afghanischen Familie. Der Boden ist mit Teppichen ausgelegt, an der Wand hängt das deutsche Alphabet, an der Decke drei aufgeblasene Luftballons. Es gibt Tee und Kuchen. „Alle hier hatten den Wikipedia-Artikel von Jimmy an der Wand hängen“, sagt Brigitte Gürlich, „da wusste jeder, wie erfolgreich er war“. „Ach“, sagt Hartwig, „was ich gewesen bin, zählt alles gar nichts mehr.“ Er winkt Puria zu sich. „Jetzt zeige ich dir mal den echten Jimmy.“ Er zieht sein Handy aus der Hosentasche und hält es dem Bub vor die Nase. „Mama Calypso“, tönt aus den Smartphone-Boxen, der Popschlager, den Hartwig 1980 veröffentlicht hat. Beim Refrain singt er laut mit. Puria blickt vom Handybildschirm zu Hartwig und kichert leise. Vielleicht ist es ganz gut, dass er noch nicht alles versteht.

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