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Bei Familie Kaller wurde am Wochenende geschneidert. Während Gabriele Kaller (r.) mit Sohn Thomas den Stoff zuschnitt, nähte Schwiegertochter Diana die Schutzmasken.

Schutzmasken Marke Eigenbau

Mit Nadel und Faden durch die Krise

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Innerhalb von nur wenigen Stunden hat sich in Inning am Wochenende eine Welle der Hilfsbereitschaft aufgebaut, die begeistert. Eine Aktion der Nachbarschaftshilfe und ein Hilferuf.

Inning Dem ambulanten Pflegedienst der Nachbarschaftshilfe Inning gehen die Schutzmasken aus. Da die nächste Lieferung erst Ende April zu erwarten ist, greift ein ganzes Dorf nun selbst zu Nadel und Faden. Es ist nicht das erste Mal, dass die Vorstandschaft der Nachbarschaftshilfe Inning um die langjährige Vorsitzende Gabriele Kaller ungewöhnliche Wege beschreitet.

Der rührige Verein betreibt das Betreute Wohnen mit 31 Appartements, die ambulante Tagespflege, eine Tagespflegeeinrichtung und Essen auf Rädern. „Die Tagespflegeeinrichtung haben wir am Freitag zum vorerst letzten Mal geöffnet. Es ist trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu riskant geworden“, sagt Sabina Eisenmann, die sich mit Gabriele Kaller die Geschäfstleitung teilt. „Das war unsere Entscheidung. Denn das Gesundheitsamt hat dazu leider noch keine Aussagen getroffen“, erklärt Gabriele Kaller. Andere Tagespflegen wie in Starnberg sind noch geöffnet. „Aber bei uns sind alle trotzdem gut versorgt“, versichert die Vorsitzende. Insofern fiel die Entscheidung nicht so schwer. Trotzdem trieb die Krise den Vorstand weiter um.

Pflegedienst gehen die Schutzmasken: kreative Lösung

„Wir haben bestimmt bis 150-mal über Whatsapp hin- und hergeschrieben“, erzählt Sabina Eisenmann. Denn die ambulante Pflege gibt es weiter, und dem Pflegedienst gehen die Schutzmasken aus. Dann kam die zündende Idee: Alle Vorstandsmitglieder verschickten einen Hilferuf an die Kontakte in ihren jeweiligen Mobiltelefonen. Gabriele Kaller postete ihn zusätzlich in sozialen Medien: „Wir suchen für unseren ambulanten Pflegedienst dringend Schutzmasken mit Filter. Könnt ihr bitte bei euren Kontakten anfragen, ob uns jemand helfen kann. Jede Einzelne hilft uns. Danke.“ „Nach nicht einmal zwei Stunden hat mir Christian Ritzer aus seiner Zimmerei ein Paket Schutzmasken mit Filter nach Hause geliefert“, freut sich Sabina Eisenmann. Am Sonntag brachte auch Werner Huttner ein Paket mit Filtermasken vorbei, das er bei einem Bauunternehmen organisiert hatte. Von einer anderen Familie bekam sie eine halbe Packung der normalen Schutzmasken. „Die Inninger sind spitze, das muss man schon sagen“, freut sich Sabina Eisenmann. Leider reiche das bei weitem nicht, um Patienten und Mitarbeiter ausreichend zu schützen. „Bei vielen anderen Lieferanten stehen wir bereits auf der Warteliste. Wir müssen mittlerweile Wucherpreise akzeptieren“, sagt Sabina Eisenmann. Eine Filter-Maske koste 5,40 Euro ohne Mehrwertsteuer, normale Vliesmasken im 100er Pack 60 Euro plus Mehrwertsteuer. Da es im Internet bereits eine Reihe von Anleitungen gibt, wie man Masken selber herstellen kann, schlug Pflegedienstleiterin Sabine Stiller schließlich vor, alle ehrenamtlichen Helfer zu bitten, Schutzmasken aus Baumwollstoff selbst zu nähen.

Gemeinsames Anpacken mit Anleitung aus dem Internet

„Es sind zwar nicht die Filtermasken, aber mehr Schutz als gar nichts“, meint Sabina Eisenmann. Raphael Stefan Felber ist Apotheker im Stadtmarkt Starnberg und versteht die Aktion, rät aber dringend, bei der Benutzung strenge Maßnahmen einzuhalten. „Man sollte sich nicht in Sicherheit wähnen“, meint er. Das Robert Koch-Institut habe dazu unter dem Stichwort „ressourcenschonender Einsatz von Mund-Nasen-Schutz (MNS) und FFP-Masken“ auf seiner Internetseite einen hilfreichen Punktekatalog zusammengestellt. Die ehrenamtlichen Helfer, die mit der Nachbarschaftshilfe Inning zusammenarbeiten, zögerten jedenfalls nicht und suchten sich die Nähanleitungen im Internet raus. „Es dauerte nicht lange, bis Fotos von den ersten Nähergebnissen bei uns ankamen“, sagt Sabina Eisenmann begeistert.

„Ich finde das toll“, freut sich auch Gabriele Kaller. Die Vorsitzende hat selbst die komplette Familie eingespannt und sich ans Maskennähen gemacht. Dabei hatte sie Glück, dass ihre Schwiegertochter Diana gerne näht, und sie selbst hatte noch Leinentuch im Haus. Mithilfe von Sohn Thomas wurde zu dritt zugeschnitten und genäht. Die Nähanleitung steht auf der Internetseite www.nachbarschaftshilfe-inning.de.

„Wir sind so dankbar, dass Inning nicht nur zusammenhält, sondern mittlerweile auch zusammen näht“, freut sich Sabina Eisenmann. Die Aktion soll auf jeden Fall weiterlaufen, gerne unterstützen die Inninger auch andere Einrichtungen, wenn Masken übrig sind. „Wir brauchen aber auch Schutzanzüge, gerne Maleranzüge aus Vlies, und Schutzmasken mit Filter. Und natürlich die genähten Mundschutze.“

Die Reaktion auf den Hilferuf macht den engagierten Damen der Vorstandschaft Mut, „denn die nächsten Tage werden zeigen, wie es finanziell für uns weitergehen wird – aber dieses Problem haben ja alle“.

Im Moment überwiegt die Freude. „Danke an all unsere Helfer, unsere tollen Mitarbeiter und die vielen Menschen, auf die wir immer zählen können.“

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