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Es wird viel gelacht bei den Momentensammlern: Horst Köck, Katharina Schneider, Susanne Herrmann, Norbert, Christine Grundei und Gerhard. 

Menschen mit Demenz

Herzliche Ablenkung für die Seele

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In Inning gibt es den Stammtisch Momentensammler, ein besonderer Stammtisch für Männer mit Demenz und herzlichen Betreuern.

Inning Wenn Horst Köck zum Stammtisch der Momentensammler geht, hat er in seinem Beutel immer ein Buch von Ludwig Thoma dabei. Um darauf vorzulesen, wenn der Gesprächsstoff mal ausgehen sollte. Gebraucht hat er es bis heute erst viermal. Köck betreut den Stammtisch seit zwei Jahren mit. Ins Leben gerufen wurde er im Juni vor drei Jahren von Katharina Schneider. Der Stammtisch für Männer mit Demenz soll vor allem Angehörige wenn auch nur für wenige Stunden entlasten.

Die gebürtige Münchnerin Katharina Schneider lebt seit acht Jahren in Inning. Seitdem ist sie bei der Nachbarschaftshilfe Inning aktiv. „Ich hatte die Montagsgruppe für Menschen mit Demenz betreut, bei der auch Frauen dabei sind“, erzählt sie. „So habe ich die Herren kennen gelernt.“ Als die Männer irgendwann fanden, „die Damen“ sprächen zu viel über die Zeiten im Krieg und der Wunsch nach einer eigenen Runde laut wurde, kam die Idee mit dem Stammtisch. „Um auch mal über etwas anderes zu sprechen“, erzählt die 64-Jährige. „Über Borussia Dortmund zum Beispiel“, sagt sie und lächelt zu Norbert – aus Rücksichtnahme bleiben die Nachnamen der Betroffenen unerwähnt – rüber. Sein Gesicht hellt sich bei diesem Satz auf. „Natürlich“, sagt er mit kraftvoller Stimme und voller Überzeugung. Sie lacht. Der 77-Jährige ist Tenor und stand bis Ende der 90er Jahre auf den Opernbühnen der Welt. Zuhause ist der gebürtige Dortmunder seit fast drei Jahrzehnten in Inning.

Vor drei Jahren schlich sich Demenz in das Leben des Opernsängers, seitdem wird der Witwer von der Nachbarschaftshilfe betreut. Den Stammtisch besucht er regelmäßig – immer mittwochs. Und dann pflegt er zu sagen: „Wenn man so sitzt, dann geht’s.“ Das freut Katharina Schneider.

Die Herrenrunde ist eine offene Runde, es wird viel gelacht. Es sind auch nicht nur lauter an Demenz erkrankte „Herren“, wie Katharina Schneider ihre Männer nennt, sondern auch Männer mit anderen Krankheiten. Zum Beispiel Bernhard. Der 61-Jährige ist erst seit wenigen Wochen regelmäßiger Stammtischbesucher. Er hatte mit 58 einen Schlaganfall, vor einem Jahr den nächsten. Bernhard spricht sehr langsam und bedacht, als er davon erzählt und davon, dass er einen Teil seines Gedächtnisses verloren hat. Eine Offenheit, die berührt und die ausdrückt, dass er sich wohlfühlt. Walter war ebenso regelmäßiger Besucher des Stammtischs, bis er vor einem Jahr verstarb. Auch er war nicht an Demenz erkrankt, er saß im Rollstuhl. „Er hatte sich immer gefreut, wenn noch jemand vom Schach-Stammtisch da war, die dienstags bis freitags immer mittags zusammentrifft. „Manchmal hat er jemanden gefunden, der mit ihm spielte. Dann hat er sich narrisch gefreut“, weiß Katharina Schneider. Sie erinnert sich gerne an diese Momente zurück.

Katharina Schneider und Christine Grundei sind in der Regel die Ausnahme in der Herrenrunde. Die beiden Frauen und Köck wechseln sich mit der Betreuung ab, hören achtsam und geduldig zu. Susanne Herrmann ist die verantwortliche Fachkraft bei der Nachbarschaftshilfe Inning. Auch sie ist hin und wieder dabei, an diesem Mittwoch zum Beispiel. Wichtig sei, so Katharina Schneider, dass es nicht zu viele Wechsel bei den Betreuern gebe. Menschen mit Demenz fühlen sich im Beisein vertrauter Personen sicher.

Auch Willi aus Wörthsee, der im Landkreis als Liedermacher bekannt war, ist ein Gast der ersten Stunde. „Als seine Frau ihn beim ersten Mal vom Stammtisch abholte und sie fragte, wie’s war, antwortete er: „Wenn’s schee is, dann ist’s guat, wenn’s guat is, dann is schee“, erinnert sich Katharina Schneider lachend. Gerne hat sie ihm zugehört, anfangs hat er noch Gitarre gespielt. So wie Norbert manchmal unvermutet aufsteht und singt.

Der Stammtisch macht der Wahl-Inningerin große Freude. Sie nannte ihn nach einem Liedtitel von Werner Schmidbauer, weil das Wort Momentensammler so viel mehr aussage als ein Demenzcafé sein kann. „Kein tristes Grau, sondern Farbe in allen Zwischentönen“, schrieb sie zur Feier des einjährigen Bestehens. Manchmal werden sogar Ausflüge unternommen – nach Stegen in den Biergarten oder auch mal ins Museum.

„In meiner Arbeit steht nicht die Krankheit im Vordergrund, sondern die Personen, die bis zum letzten Atemzug Persönlichkeiten bleiben.“ Damals betreute sie die Runde noch allein. Die meisten der Betroffenen, die zu dem Stammtisch kommen, könnten sehr offen mit der Situation umgehen, sagt Katharina Schneider. Alle freuen sich, wenn sie sich wieder sehen. Alle werden mit einem Bussi begrüßt. Auch wenn einige morgen vergessen, dass sie heute beim Stammtisch waren. Es sind die glücklichen Momente, die das Treffen ausmachen, findet Katharina Schneider. Deshalb fand sie den Namen Momentensammler passend.

Informationen

zu dem Momentensammler-Stammtisch bei der Nachbarschaftshilfe Inning, z (0 81 43) 73 35.

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