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Frederik Mair vor einem Bild seines Vaters.

Studium

6322 – Eine Bestandsaufnahme

Gauting- Wer weiß schon, was ihm gehört, was er besitzt. Frederik Mair weiß es. Es sind 6322 Dinge. Ein Hochschulsemester lang benötigte der Gautinger für die Recherche und die Aufbereitung. 

Frederik Mair ist 24 Jahre jung, ein sympathischer, in sich ruhender Mensch – so der erste Eindruck, der sich im Verlaufe des Gesprächs bestätigt. Der gebürtige Münchner siedelt mit seiner Familie noch als Kind in den Landkreis Starnberg um, lebt zunächst in Perchting (Stadt Starnberg), später in Stockdorf und seit 2005 im Hauptort Gauting der Würmtalgemeinde. Seine künstlerische Ader hat Frederik vom Vater geerbt, der als Grafiker sein Geld verdient hat. Nach der Schule besucht der junge Mann das IMAL (International Munich ArtLab) in München. Dort festigt sich sein Wunsch, Design zu studieren. Er wechselt an die Hochschule München, wo er sich für die Richtung Kommunikationsdesign entscheidet. Acht Semester dauert das Studium, die spannendste und nachhaltigste Zeit ist für den Gautinger das letzte, das Bachelorsemester.

Bei der Wahl seiner Abschlussarbeit will sich Mair nicht mit dem zufrieden geben, was Designer üblicherweise abliefern: die Oberfläche eines Produkts. Er möchte tiefer gehen, möchte seine Arbeit mit Inhalt füllen, sich mit Besitz auseinandersetzen. Denn eher zufällig ist er auf die Arbeit eines anderen Studenten gestoßen. Der hat gezählt, was er besitzt. Am Ende steht eine Zahl. Punkt. Das ist Frederik Mair zu wenig. „Ich wollte mehr. Ich habe mich im theoretischen Teil meiner Arbeit über die Maßlosigkeit der Gesellschaft ausgelassen“, sagt der Gautinger. Er will darüber hinaus wissen, was der Besitz über den Menschen, das Individuum verrät. Sein Versuchsobjekt: er selbst.

Frederik lebt noch in der elterlichen Wohnung, sein Hab und Gut ist in seinem Zimmer verstaut – zum Teil auch auf dem Speicher. Und dann ist da noch sein Auto, das gehörte – man muss an dieser Stelle kurz in die Vergangenheitsform wechseln – damals noch zu seinem Besitz. Mittlerweile existiert es nicht mehr. Zwei Monate recherchiert Frederik Mair, wie er die Arbeit angehen und umsetzen soll. Sein Professor schlägt vor, die Recherche und die Ergebnisse auf eine Website zu stellen. Das ist dem Gautinger zu öffentlich, er möchte es lieber „privater“ halten. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich Mair für die Buchform entscheidet.

Dann wird es praktisch: Vier Wochen lang nimmt sich der junge Mann Regal für Regal, Schrank für Schrank seiner Sachen vor, fotografiert jedes Teil, jede Socke, jede Rechnung, jedes Bankdokument, die Zahnbürste, das Radiergummi, die Flasche Gin, die Pralinenschachtel, das Lautsprecherkabel, die noch eingeschweißte Schallplatte... Alles wird akribisch abgelichtet und auf unzähligen Zetteln aufgelistet. Auch die finden letztlich den Weg als Fotos in die Bachelorarbeit.

Die Arbeit jedes Tages speichert Frederik Mair in Ordnern auf seinem Computer, versehen mit dem jeweiligen Datum. Sein Zimmer hat er in ein Fotostudio verwandelt. Um für alle Aufnahmen identische Lichtverhältnisse zu sichern, klebt der Designstudent Fenster und Türen mit Molton ab. 13 bis 14 Stunden arbeitet er täglich an der Inventur. „Irgendwann wusste ich gar nicht mehr, ob ich noch am Tag arbeite oder ob es schon Nacht ist“, erinnert sich Mair. In dem Arbeitsraum fehlt nicht nur natürliches Licht, auch die Belüftung lässt zu wünschen übrig. „In dem Klima ging eigentlich nichts mehr mit Schlafen“, erzählt er. Er hielt dennoch durch und bezahlte mit schlechtem Schlaf.

Aber die aufreibendste Arbeit steht dem Studenten noch bevor. Wie soll er seine Aufzeichnungen kategorisieren, katalogisieren und das Ganze layouten? Das Gerüst hat er bald gefunden: Frederik wählt 13 Kategorien und ordnet sie von der kleinsten (Lebensmittel) bis zur inhaltsreichsten (Freizeit). Den Abschluss macht die Rubrik „Diverses“ – dort lagert er alle Dinge seines Besitzes ab, die er keiner anderen Kategorie zuordnen kann. Jeden Abschnitt garniert der Student mit passenden Texten – Philosophisches, Psychologisches, Alltägliches oder mit Zitaten aus Fabeln, die er in Büchern und im Internet recherchiert hat.

Dann müssen die 6322 Fotos in das Layout eingepasst werden. „Wichtig war mir, dass die fotografierten Dinge im Größenverhältnis 1:1 zueinander abgebildet werden“, erklärt Mair. Vielen Fotos verpasst er einen farblichen Punkt. Von Rot (nach dem Erfassen weggeworfen) über Weiß (im alltäglichen Gebrauch) bis Schwarz (noch nie genutzt).

Im letzten Kapitel, dem Resumee, stellt der Gautinger Vergleiche an. Da erfährt der Leser, dass von den 6322 Dingen nur 154 zum „alltäglichen Bedarf zählen, also mehrmals in der Woche benutzt werden“, so Mair. Der Leser erfährt aber auch, dass der Student 261 Dinge aus einem Besitz überhaupt noch nicht angetastet hat (Hemden, Bücher, Schallplatten). Und: Von den 6322 Dingen verschwinden letztendlich mehr als 1000 aus Mairs Besitz. 551 wirft er weg, andere verschenkt er oder entsorgt sie, weil sie unbrauchbar sind. Und er stellt den analogen Besitz seinem digitalen gegenüber – das sind 223 583 auf seinem Computer gespeicherte Dateien. Die hat er aber erst seit seinem elften Lebensjahr entwickelt, die analogen schon seit frühester Kinderzeit an angesammelt. Das letzte Kapitel widmet er 10 mal 10 Dingen die für ihn zum Beispiel die wichtigsten, meist benutzten, außergewöhnlichsten, schönsten, die größten oder teuersten sowie ausländische sind. So zählen zu den wichtigsten sein Auto, ein vom Vater gemaltes Bild und sein Laptop.

Zum Abschluss muss Frederik Mair Gas geben: „Die letzten 30 Stunden habe ich durchgearbeitet. Sozusagen in letzter Sekunde konnte ich dann meine Arbeit in digitaler Form an die Hochschule München senden.“ Er gesteht: „Ich war platt, bin an meine Grenzen gegangen. Vielleicht auch darüber hinaus.“ Dann nimmt er sich die Zeit, den Druck der Arbeit vorzubereiten. Viermal wird die Arbeit gebunden im Format 40 mal 30 Zentimeter, insgesamt sind es 410 Seiten. Titel: 6322 – Eine Bestandsaufnahme. Ein Exemplar bekommt sein Professor, eines liegt in der Ausstellung der Bachelor-Arbeiten („ist mittlerweile schon ganz schön abgegriffen“) und zwei hat Mair behalten.

Was hat den Studenten bei seiner Säuberungsaktion am meisten überrascht? „Als Kind und Jugendlicher habe ich viel gemalt und gezeichnet – beinahe jeden Tag zu Hause. Beim Aufräumen fand ich mehrere Mappen, in denen meine Mutter meine Werke abgelegt hat. Es waren insgesamt um die 900 Blätter. Ich wollte für die Bachelorarbeit nur die Mappen ablichten. Mein Professor bestand darauf, jedes einzelne Werk zu dokumentieren. Deshalb ist die Kategorie Kindheit die drittstärkste nach Ausbildung und Freizeit.“ Und: „Eigentlich bin ich kein Sammler. Als Jugendlicher hatte ich mir vorgestellt, aus Zigarettenschachteln ein Kunstobjekt zu gestalten. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. So war ich verwundert, als ich noch 206 Schachteln auf dem Speicher entdeckte.“ Ob das Kunstobjekt noch Wirklichkeit wird? Frederik Mair lässt diese Frage unbeantwortet.

Sein größter Stolz? Natürlich die Bestnote „1“ für seine Sisyphus-Arbeit. Und die Tatsache, dass sein Professor sich die Arbeit immer mal zur Hand nimmt und rückmeldet, wenn er wieder einen spannenden Aspekt entdeckt hat.

Das Fazit des Bachelors. Grundsätzlich: Der Betrachter soll selbst beurteilen, welche Schlüsse er über den Autor zieht. Frederik Mair meint: Am Besitz eines Menschen ist leicht abzulesen, welchen Interessen und Hobbys er frönt und in welchem beruflichen Umfeld er zu Hause ist. Persönliche Beziehungen sind seiner Meinung nach nur schwer aus dem Besitz zu ergründen.

Frederik Mair sieht das Ziel seiner Anstrengungen erfüllt. Die Reaktionen seien gut gewesen. Die Arbeit habe bei der Ausstellung für Spannung gesorgt. Die Besucher hätten das Gesehene gleich mit ihrem eigenen Besitz verglichen und reflektiert, hat er in Gesprächen erfahren. „Damit habe ich mein Ziel erreicht“, sagt Frederik Mair und lehnt sich entspannt zurück.

Nachtrag

Frederik Mair hat vor dem Studium an der Hochschule München ein Praktikum in Dortmund absolviert. Das Praktikumsemester während des Studiums fand zweigeteilt beim Design-Büro KMS-Team in München statt, die anderen drei Monate in einer Agentur in Porto (Portugal). Derzeit ist er als Interactive-Designer beim KMS-Team in München angestellt.

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