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Claus Angerbauer aus Weßling: „Seit ich blind bin, seh ich klar“

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Von: Petra Straub

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Sein Leben verläuft nicht nach Plan, doch er lebt es intensiv. Das Bayerische Fernsehen gibt am 10. Oktober Einblick in das Leben des erblindeten Weßlingers Claus Angerbauer.
Sein Leben verläuft nicht nach Plan, doch er lebt es intensiv. Das Bayerische Fernsehen gibt am 10. Oktober Einblick in das Leben des erblindeten Weßlingers Claus Angerbauer. © Petra Straub

Weßling – Bei Skirennen räumt er regelmäßig ab, sorgt mit seiner rauen Bluesstimme und der Gitarre für Stimmung in jedem Konzertsaal und fährt mit der Harley Davidson durch die USA. Claus Angerbauer aus Weßling lebt ein Leben auf der Überholspur. Mit der Nachricht, dass er sein Augenlicht verlieren wird, ändert sich 1992 alles.

Die körperliche Einschränkung fordert ihren Zoll. Aber es endet auch die Zeit des Hoffens und Bangens. Heute ist es nicht das Sehen, was auf der persönlichen Wunschliste des 65-Jährigen an erster Stelle steht. Das Bayerische Fernsehen widmet Claus Angerbauer am Montag, 10. Oktober, 22 Uhr eine Sendung in der Reihe „Lebenslinien“ mit dem Titel „Seitdem ich blind bin, seh ich klar“. Dabei wird auch sein neues Buch „Wie schön, Sie nicht zu sehen“ vorgestellt. Am Feiertag, Montag, 3. Oktober, 17 Uhr, steht der ehemalige Berufsmusiker im Kurparkschlösschen in Herrsching auf der Bühne.

Claus Angerbauer: „Ich wollte nie in die Politik gehen“

Viele Menschen haben Anteil daran, dass Claus Angerbauer heute ein nicht weniger erfülltes Leben führen kann als vor seiner Erblindung. Demütig spricht er über die Unterstützung durch seine Freunde, seine Ehefrau Karin und seine Gemeinderatskollegen. „Ich wollte nie in die Politik gehen“, sagt er. Wie in anderen Bereichen seines Lebens sei auch dieser Schritt „nicht wirklich geplant“ gewesen. Ohne jegliche Ambitionen hat er sich 2008 für die SPD auf einen hinteren Platz der Gemeinderatsliste setzen lassen. Sein Wahlerfolg hat ihn geschockt. 2014 und 2020 wurde er wegen seines Engagements für die Kultur und die Jugend im Ort souverän wiedergewählt. Aktuell engagiert er sich in der 5600-Einwohner-Gemeinde um soziale Belange.

„Vieles ist noch nicht barrierefrei“, auch nicht bei der digitalen Arbeit am Mobiltelefon, merkt er an. Häufig gebe es ausschließlich Videomaterial. Doch auch in diesem Bereich ist er im Austausch mit den Anbietern. Seine Akzeptanz im Ort ist Ansporn für ihn, „110 Prozent zu geben“. Denn mit einem Scheitern würde er seiner Auffassung nach allen Menschen mit einer Behinderung, die sich kommunalpolitisch engagieren möchten, einen Bärendienst erweisen. Das Amt abzulehnen war für ihn nie eine Option.

Mit Legosteinen auf der Suche nach einer Lösung

Heute ist er mit allen zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln ausgestattet und nimmt vor einer anstehenden Gemeinderatsentscheidung schon einmal Legosteine zur Hand, um die Dimensionen zu begreifen. Durch seine Erfahrung mit der körperlichen Einschränkung kann er dazu beitragen, dass Detailplanungen so gestaltet werden, dass es weniger Ausgrenzung für Menschen mit Beeinträchtigungen gibt. Auch überregional. Denn Claus Angerbauer ist zudem Mitglied der Arbeitsgemeinschaft für Behindertenfragen im Landkreis Starnberg und wirkt mit, den 2016 erstellten 300 Seiten starken Aktionsplan peu à peu abzuarbeiten. 2020 hat er den Vorsitz des Gremiums übernommen. „Der gute Draht“ zur höheren Politik, zur SPD-Bundestagsabgeordneten Carmen Wegge, ist dabei oft hilfreich. Und nötig, wie Angerbauer erklärt. Denn schließlich kann es jeden treffen – bereits heute muss jeder zehnte Bundesbürger mit einer Beeinträchtigung leben.

Als er 13 Jahre alt ist, nimmt sich Claus Angerbauers Vater das Leben

Bedeutende Themen wie die Triage, die während der Pandemie diskutiert wurden, möchte er zu Gunsten von Betroffenen voranbringen. Die Kunst dabei sei „dosiert Gas zu geben“. Wohlwissend, dass nervige Wadelbeißer in der Regel nur eine geringe Chance haben, Mitstreiter für ihre Anliegen zu finden. Umso angenehmer für ihn, mit Landrat Stefan Frey einen „ernsthaften Mitstreiter in Sachen Inklusion“ zu haben.

13 Jahre alt war der Weßlinger, als sich sein Vater das Leben nahm, Mitte 20, als er einen kleinen Fleck auf seinem Auge entdeckte, dem er erst wenig Beachtung schenkte, der später jedoch sein Leben veränderte. Denn es stellte sich heraus, dass es sich um eine Netzhauterkrankung handelt, an der schon die Großmutter erkrankt war. „Die Jahre 1990 bis 1992 waren von Hoffen und Bangen geprägt“ und endeten mit der Diagnose „Erblindung“. „Das war für mich eine Erlösung“, geht Angerbauer gedanklich 30 Jahre zurück zu dem Zeitpunkt, als er sich selbst darüber wunderte, wie rasch er die Behinderung akzeptierte und welch unglaubliche Kräfte sein Körper freisetzte.

Das Sehen ist nicht Claus Angerbauers sehnlichster Wunsch

„Ich hatte eine Aussage und konnte daraus etwas machen oder nicht. Ich habe mir aus einem Besenstiel einen Blindenstock gebastelt und bin noch mit dem Hund rausgegangen“, lässt Angerbauer den Tag der Rückkehr aus dem Krankenhaus Revue passieren. „Ich konnte es kaum erwarten, einigermaßen mobil zu sein. Anschließend habe ich geübt wie ein Berserker“, denn zehn Tage später sollte ein wichtiges Konzert stattfinden. Nach der letzten Augenoperation organisierte er bereits vom Krankenbett aus den Auftritt mit den geänderten Bedingungen. „Es war so spannend und wichtig für mich, zu wissen, das geht auch ohne was zu sehen“.

„Jeder Tag ist ein Kampf“, sagt der Weßlinger

Damals hat Angerbauer noch alleine gewohnt und von Freunden viel Unterstützung erhalten – beim Einkaufen und im Haushalt. „Das Kochen habe ich mir so organisiert, dass es wieder funktionierte“, erinnert der Weßlinger. Immer auf Hilfe angewiesen zu sein, macht ihm heute einmal mehr und einmal weniger zu schaffen. Immer jemand zu brauchen, der einen transportiert, belastet ihn gelegentlich, weil er nicht weiß, ob er das, was er anderen abverlangt, in irgendeiner Weise auch wieder zurückgeben kann – selbst, wenn er ständig zu zeigen versucht, wie sehr die Hilfe seine Lebensqualität beeinflusst. „Ich habe seit Kindergartenzeiten einen Freundeskreis, in dem jeder jedem hilft“, diese eingeschworene Gemeinschaft schätzt Angerbauer sehr. Die Bündelung dieser Kräfte mit den eigenen ist mit der Lebenssituation einer anderen gehandicapten Person nicht zu vergleichen, glaubt er, „meine ist eine Idee komfortabler.“ Und auch wenn sein Leben „jeden Tag ein Kampf“ ist, so freut er sich stets über die vielen Dinge, die sein Leben bereichern, die ohne seine Beeinträchtigung vielleicht nie eingetreten wären. Deshalb ist es auch nicht das Sehen, das ganz oben auf seiner Liste steht, wenn ihn die Drittklässler bei seinen regelmäßigen Schulbesuchen fragen, was er sich von einer Fee wünschen würde. Denn er zweifelt an, dass sich seine Lebensqualität dadurch verbessern würde. Vielmehr wünscht er sich einen besseren Umgang miteinander und mehr Toleranz – im Kleinen wie im großen Ganzen.

Konzert am 3. Oktober mit Sängerin Christina Jesinghaus in Herrsching

Wer Claus Angerbauer live erleben möchte, kann am Montag, 3. Oktober sein Blues- und Folkkonzert mit der amerikanischen Sängerin Christina Jesinghaus im Herrschinger Kurparkschlösschen besuchen, zu dem der Kulturverein einlädt. Mehr über die TV-Sendung im Bayerischen Fernsehen gibt es unter https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/lebenslinien/seit-ich-blind-bin-seh-ich-klar-claus-angerbauer100.html.

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