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The Lone Dining Society im Gautinger bosco

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The Lone Dining Society gastierte unlängst im Gautinger bosco. ©  Andrea Jaksch

Gauting - Am Ende gibt es dann noch zwei „Zuckerbären“, wie Band-Boss Ian Chapman es in seinem kurios-witzigen Deutsch ausdrückt: Er habe halt immer Zuckerbär verstanden, wenn das Wort „Zugabe“ gefallen sei, sagt Ian. Der Mann kommt aus dem „Black Country“ nördlich von Birmingham, aus der Nähe von Städten wie Wolverhampton, da hat man´s sowieso nicht leicht „und alle hassen einen“, flunkert Ian.

Vielleicht hat ihn diese Prägung ja auch zum Gründer der Formation „The Lone Dining Society“ werden lassen, der Gesellschaft für einsames Abendessen? Ganz so einsam ist Chapman an diesem bosco-Abend Gottseidank nicht – Inan und seine fünf Mitmusiker Eileen Byrne (vocals), Carles Camós (bass guitar, piano), Johannes Url (drums), Andreas Unterreiner (trumbone) und Lukas Jochner (trumpet) machen fast zwei Stunden lang und ohne Pause einen Betrieb, dass man als Zuhörer seine helle Freude hat: Dabei geht das Ganze ziemlich eigenwillig los, mit einer komplexen, langsam-getragenen Vokalnummer, die an längst verblasste Barden des Retro-Pop erinnert und einen mit der programmatischen Textzeile „We´ve reserved to dine alone“ erst mal in Verwirrung stürzt. Chapman gibt sich zunächst rätselhaft-verstellt wie ein britischer Dandy, ehe er quasi die Ärmel hochkrempelt und daran erinnert, dass er in einem Kohlerevier aufgewachsen ist. Dann aber geht es so richtig über Stock und Stein, mit Pathos, Chaos und rascher Durchbrechung der eben noch aufgebauten Takte Melodieansätze. Chapman und seine Mitstreiter liefern zu keinem Zeitpunkt die erwartbaren Harmoniebögen, agieren stets hart an der Dissonanz, kriegen aber noch immer die Kurve: Was geschieht hier gerade? Fragt sich der zunehmend faszinierte Ohrenzeuge und sucht nach Einordnungskriterien – oft enden die Nummern auch noch einen Schlag vor dem vermuteten Ende, geradezu kapriziös wirkt diese sich verweigernde Pose. Und ebenso spannend.

Im einen Moment glaubt man Anklänge an „10 C.C.“ oder das „Golden Brown“ der „Stranglers“ dechiffrieren zu können, im nächsten findet man sich in einem Stück namens „Marmaduke“ wieder, dessen Inhalt sogar schon als Videoclip inszeniert wurde. Zirkusartig marschiert dazu die Brass section (Unterreiner/Jochner) auf, während Chapman bereits den Retro-Sänger gibt, flankiert von Eileen Byrne, deren Stimme das alles wie ein Sternenzelt zu überwölben vermag – folgt gleich Dinner at bzw. Puttin´ On The Ritz?

Ian kokettiert zwischendurch immer wieder mit seinem Deutsch und sprachlichen Schrägheiten, Spricht von „Bühnenspringen“ und meint offenbar „Stage Diving“ – für beides sind leider nicht genug Leute da. Dann ein Song, der wie eine Cover-Nummer aus den sechziger Jahren daherkommt und „Panama Reeks of Banana“ heißt – laut Ian eine versteckte Hommage an den Illustrator Janosch, der Panama auch immer so schön gefunden hatte. Chapman ist eine einzige Wunder-tüte mit seinen Anspielungen und Querverweisen und macht seine ganz persönliche „Magical Mystery Tour“ draus, formal irgendwo zwischen Brit-Pop, Jazz, Brass-Tradition und unbedingter Romantik– eine Zeile lautet nicht von ungefähr „When I was a little boy I used to dream. . .“ In der Fantasie-durchtränkten Sprache seiner Kindheit bringt die Society dann ein gebetsartiges Lied, das einen berührt und zugleich so düster wirkt wie ein Bergwerksstollen. Chapman kann strahlend hell und kohlenschwarz. Ihn beschäftigen offenbar die Mythen der Grimm´schen Märchen, denen er Songs und sogar ein aktuelle Projekt gewidmet hat – mit allem Drum und Dran, drei kleinen Schweinchen und dem bösen Wolf. Man hätte Ian als kleinen Jungen erleben mögen.

Das Sound-Erleben bei „The Lone Dining Society“ ist überwältigend, aber auch anstrengend. Keine Sekunde darf man sich bei irgend-einem Muster ausruhen oder in gefundenem Genuss schwelgen (Ian sagt „Genießschaft“), die musikalisch errichteten Türme werden sofort wieder umgeschmissen wie die Bauklötze von einem launischen Kind. Zappa lässt übrigens auch noch grüßen – alleine zu speisen ist da nur konsequenter Ausdruck einer Haltung und nichts Kummervolles, das bedauert werden möchte. Dieses drei Mal verschobene Konzert, das vermutlich schon vor dem „Brexit“ geplant war, war mindestens denkwürdig. Man wünscht, dass sich die Society demnächst doch noch einen zweiter Speaker bzw. Mikrofon-Verstärker leisten kann, um die Welt zu erobern.

Thomas Lochte

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