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Vom Zuarbeiter zum Klaviaturbauer: Ein Musterbeispiel gelebter Integration im Landkreis Starnberg

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Integration
Zachidat Mozafari hat sich vom Zuarbeiter zum Facharbeiter hochgearbeitet. © Kirner

Erling – Zachidat Mozafari kam 2015 nach Deutschland. Sechs Monate später begann er als Zuarbeiter beim Orgelbauer Ludwig Eisenschmid – und baut in dem Familienbetrieb mittlerweile als vollwertiger Facharbeiter Klaviaturen. Auf eine Aufenthaltsgenehmigung wartet der 38-Jährige allerdings immer noch. Denn nur so kann er seine Familie zu sich holen.

Als „sehr wichtig, fleißig und fachlich sehr gut“ beschreibt Ludwig Reiser (72) Zachidat Mozafari. Der 72-Jährige leitet mit seinem Sohn das Unternehmen und lobt den Afghanen in höchsten Tönen. Obwohl Mozafari nie Orgelbauer gelernt habe, sei er eine vollwertige Fachkraft. Anfang September 2016 stellten sie den Mann ein, der wegen des Bürgerkriegs in seinem Heimatland die Schule bereits nach vier Jahren verlassen musste. Wie seine vier Brüder arbeitete er ab dann und entwickelte ein handwerkliches Geschick, das er später in Dubai als Automechaniker verfeinerte.

Zachi“, wie Reisers ihn nennen, habe sich als schneller Lerner erwiesen. Nach und nach bekam er mehr Verantwortung und bedient seit einiger Zeit sogar die softwaregesteuerte Fräsmaschine. „Er baut selbstständig die Klaviatur und leitet ein kleines Team“, erzählt Ludwig Reiser.

Auch im Ort schätze und möge man ihren Mitarbeiter, weil er sich gut integriert habe, betont das Ehepaar Ludwig und Christa Reiser. „Er spricht fließend Deutsch und spielt seit sechs Jahren in der zweiten Fußballmannschaft im TSV Erling-Andechs.“ Ein Musterbeispiel gelungener Integration – und doch bleibt diese Ungewissheit, eines Tages abgeschoben zu werden.

Im Sommer wollte er seine Qualifikation eigentlich offiziell mit einer Ausbildung besiegeln lassen. „Ich habe gehofft, dass sich das positiv auf das laufende Asylverfahren auswirkt“, sagt er. Eine Ausbildung hätte das Verfahren aber nicht beeinflusst, hieß es. Allerdings hatten damals die Taliban noch nicht die Macht ergriffen – und seither ist die Sorge um seine Familie in Afghanistan noch mal gewachsen.

Frau und Sohn hat er seit 2015 nicht mehr und seine Tochter noch nie gesehen. Mit ihr war seine Frau schwanger, als er die Heimat verließ, nachdem zwei seiner Onkel von den Taliban ermordet worden seien. Die kräftezehrende, gefährliche Reise konnte und wollte er seiner schwangeren Frau und dem damals fünfjährigen Sohn nicht zumuten. Der Plan war, dass er sie nachholt, sobald er in Sicherheit ist. Nie hätte er erwartet, dass er sechs Jahren später noch kein Bleiberecht hat.

„Er saß weinend am Tisch“, erinnert sich Christa Reiser an die Zeit der Machtübernahme. Als die US-Truppen aus Afghanistan abzogen, besuchte seine kleine Familie gerade die Schwägerin, mitten drin im Zentrum der Gefahr in Kabul. „Ich wusste eine Woche lang nicht, ob sie sicher sind“, erzählt Mazafari. Inzwischen seien sie wieder in ihrem Dorf Ghazni, wo die drei mit der Schwiegermutter leben.

„Meine Familie braucht das Geld, das ich hier verdiene, weil sich die Lebensmittelpreise im letzten halben Jahr verdoppelt haben“, sagt der Familienvater. Bis vor Kurzem wurden ihm von seinen Einnahmen monatlich 311 Euro für ein Dreibettzimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Erling abgezogen. Mittlerweile hat er ein eigenes kleines Appartement im Klosterdorf und konnte sich sogar ein Auto kaufen.

Geblieben ist die große Sorge um die Familie angesichts des bedrohlichen Alltags, dem Frauen in Afghanistan aktuell ausgesetzt sind. An Mozafaris Situation hat sich trotz der Veränderungen in seinem Heimatland nichts geändert, und sein steter Begleiter ist die Ungewissheit: In vier Monaten läuft seine sogenannte Aufenthaltsgestattung aus. Ludwig Reiser ist fassungslos: „Ich finde es menschenunwürdig, wenn ehrliche und fleißige Asylbewerber sechs Jahre im Ungewissen leben müssen.“ Und das bei dem „großen Mangel an Handwerkern und Facharbeitern“. Die Reisers wünschen sich, dass er seine Aufenthaltsgenehmigung erhält.

Michèle Kirner

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