Christian Springer
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Christian Springer gastierte unlängst mit seinem Programm „Viel los! 35 Jahre Kabarett“ im Gautinger bosco.

Kultur

»Von Würmern und Menschen«: Kabarettist Christian Springer im Gautinger bosco - Eine Nachbetrachtung

Gauting - Wie wohltuend ist es doch, in Zeiten immer neuer Superlative jemandem zu lauschen, der noch die Bodenhaftung behalten hat: Der Kabarettist Christian Springer ist mit den Jahren zu einer Art „Entmythologisierer vom Dienst“ gereift, zu einem, der gusseiserne vermeintliche Wahrheiten in Frage stellt, der aus dem neoliberal klingenden alten Spruch „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ die Umkehrung macht und den grundnervösen Selbstoptimierern ins Stammbuch schreibt: „Der späte Wurm verarscht den Vogel.“ Also durchatmen, ihr Hektiker – es ist alles halb so wild!

„Viel los! 35 Jahre Kabarett“ hat der Mann aus dem Münchner Eisenbahner-Viertel Berg-am-Laim als Arbeitstitel seines corona-bedingt immer wieder verschobenen bosco-Gastspiels gewählt – an zwei Abenden hintereinander durfte man also wieder das angeneh-me Vor-sich-hin-Sinnieren dieses großen Entzauberers erleben, der den Großkopferten und den Breitbeinigen dieser Welt seinen unbezwingbaren Trotz entgegenstellt. Springers Grundton ist der eines sanften, umso beharrlicheren Relativierens, seine Kern-Erzählung die von der Unvollkommenheit des Menschen: „Was haben wir da zusammengewählt?“ fragt er gleich zu Anfang und meint damit sowohl das zur Verfügung stehende Politiker-Sortiment als auch die Zurechnungsfähigkeit des Wählers, schön aktuell gebündelt in der Feststellung Habemus Habeck! Man wird Springer im Laufe des Abends also ständig über die Bühne tigern sehen und ihm dabei zugucken können, wie er mit den Dingen ringt, sie geradezu physisch hin und her wendet: Ob wir „durch Corona klüger, gelassener geworden“ seien? Nicht unbedingt, befindet der Vortragende und nennt ausgerechnet Spielerfrauen als Indikatoren für hinzugewonnene Intelligenz. Die wahren Leidtragenden der Pandemie seien sowieso die Einbrecher – weil ja ständig alle daheim sind und der Opa mit seiner Modelleisenbahn nun sogar den Keller bevölkert.

Springer zeigt in solchen Momenten, dass er auch im „richtigen“ Leben auf die schaut, die sonst kaum einer im Blick hat: Für seine seit zehn Jahren existierende Syrien-Hilfe wirbt er diesmal eher nebenbei, aber er lässt nicht unerwähnt, dass er zwei Mal im Monat nach Beirut fliegt. Sogar mit Feuerwehrlern aus Gauting war er dort, sie hatten ein in Deutschland ausrangiertes, aber noch funktionstüchtiges Fahrzeug gespendet, das nun hilft, Menschenleben zu retten: „Das war schon ein bewegender Moment“, sagt Springer und hält einen Moment zu Boden blickend inne im Programm.

Sein Humanismus war immer schon höchst konsequent und kein bloß verbaler: Wegen einstiger Eierwürfe auf den eigentlich kaum zu verfehlenden Franz-Josef Strauss (die rohen Eier gingen daneben und trafen angeblich Gerold Tandler) wurde dem jungen Studenten in München der Studienabschluss in Arabistik verwehrt. Eine Laufbahn als Kabarettist war damit wohl vorgezeichnet, der biografische Bruch und ein womöglich tiefsitzender intellektueller Phantomschmerz vielleicht auch: „Wir taugen nix, können nix, wollen nix. Man setzt so viel Hoffnung in uns, aber was glauben Sie, warum wir einen Beruf gewählt haben, der erst um acht Uhr losgeht?“, sagt er leicht sarkastisch. Auch mit der frommen Lüge, wonach der Künstler vom Applaus lebe, räumt er bei dieser Gelegenheit auf: „Wir leben vom Geld!“ Und dann geht es weiter mit dem Erschüttern all der selbst-gefälligen Gewissheiten: Das Fahrrad - eine Erfindung aus der Steinzeit. Das Bierzelt - im Grunde eine Hinterlassenschaft der Türken vor Wien von 1683. Das schlechte Abschneiden der Union - es gab wegen Corona keinen Bierzeltwahl-kampf. Und: „Die bayerischen Alpen sind nicht von der CSU aufgeschüttet worden!“ Ja, der Bayer ist seinen Wurzeln nach eh ein Syrer. Springer arbeitet mit Fakten gegen die steingewordenen Mythen an, aber er konstruiert notfalls auch auf genial unterhaltsame, abstruse Weise, wenn die Fakten manchmal noch zurechtgebogen werden müssen. Monströs die Geschichte vom mönchischen Fasten mit Fisch, in welcher der Abt ein fettes Schwein auf den Namen „Karpfen“ tauft. Höchst detailkundig die Geschichte der „deutschen“ Nationalhymne, die in Wahrheit auf ein kroatisches Liebeslied zurückgeht – Springers Bilanz nach all dem hohlen Pathos und Gewese: „Lieber die Klappe halten und besser spielen!“

Wenn er dann die Menschen wieder ein Stück weit vom Sockel geholt hat, erinnert er das bosco-Publikum gegen Ende des Abends auf gut bairisch: „Kultur bedeutet Zsammhalten.“ Springers steter Appell an Toleranz lautet, eben keinen Unterschied zwischen den Menschen zu machen, die sich womöglich als Flüchtlinge auf den Weg zu uns machen: „Seid S´ a bisserl nett zu ihnen – die Verwandtschaft kommt!“ Dem Seehofer hat er das sogar in Brief-Form mitgeteilt, 80 Seiten lang. So entstehen Bücher. Habemus Springer!

Thomas Lochte

Quelle: Kreisbote

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