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Traumhaft gelegen und vermutlich bald im Besitz des Landkreises: die Privatklinik Dr. Robert Schindlbeck am Ufer des Ammersees in Herrsching. Der rot markierte Bereich umfasst das Klinikgelände samt Personalwohnungen. Seit 2015 gehört die Klinik dem amerikanischen Unternehmen Myriad Genetics.

Gespräche sind weit gediehen

Landkreis Starnberg will Schindlbeck-Klinik kaufen

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Eine Klinik kaufen, um eine andere zu retten: Der Landkreis Starnberg will einem US-Konzern die Privatklinik Dr. Robert Schindlbeck in Herrsching abkaufen. Ein Angebot liegt vor.

Landkreis – Wenn nichts mehr schief geht, kauft der Landkreis Starnberg die Privatklinik Dr. Robert Schindlbeck in Herrsching. Ein verbindliches Kaufangebot hat der Kreistag abgesegnet. Der Landrat spricht von einem „guten Tag für den Landkreis“ – und auch einer Rettungsaktion für die Klinik Seefeld.

Nichtöffentliche Sitzungen, Geheimhaltung aus strategischen Gründen, Sorge, dass Mitbewerber Wind bekommen von der Sache: Dr. Thomas Weiler, Geschäftsführer der Starnberger Kliniken Holding, und Landrat Karl Roth standen in den vergangenen Wochen unter Anspannung. Zum Schluss ging alles ganz schnell: Der Kreistag erklärte sich Anfang Mai damit einverstanden, dass Roth mit dem Eigentümer der Schindlbeck-Klinik, dem amerikanischen Konzern Myriad Genetics, verhandelt. Weiler, vertraut mit dem amerikanischen Verhandlungsstil, fädelte die Treffen ein. Als es zwei Wochen nach dem Okay durch den Kreistag in der Sitzung am vergangenen Montag wieder um das Thema ging, konnte Roth dem Gremium ein verbindliches Kaufangebot, in Fachkreisen „letter of intent“ genannt, präsentieren. Gegen drei Stimmen billigte der Kreistag diese Absichtserklärung. Über die Summe haben alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart – bis der Notarvertrag unterschrieben ist. Die Rede ist von einem zweistelligen Millionenbetrag.

Enge Kooperation zwischen Herrsching und Seefeld

An die Öffentlichkeit konnte Roth trotzdem nicht sofort gehen: Die US-Börsenaufsicht war noch nicht verständigt, das Risiko bestand, dass sie das Geschäft würde platzen lassen. Diese Gefahr ist seit Ende dieser Woche gebannt.

Roth ist erleichtert. Von Beginn an habe er keine Zweifel gehabt, dass der Landkreis in den Kauf der Schindlbeck-Klinik einsteigen müsse. „Wenn ein Konkurrent die Klinik gekauft hätte, wäre das auch das Ende der Klinik Seefeld gewesen“, sagt er. Man wisse von mindestens einem Mitbewerber. Weiler erklärt: „Die Politik hat sich zum Ziel gesetzt, die kleinen Krankenhäuser im ländlichen Raum aufzugeben. Die Klinik Seefeld ist mit ihren 72 Betten gefährdet. Wenn wir die beiden Kliniken zusammenführen, bietet sich der Politik nicht mehr so viel Angriffsfläche.“ Aus der Historie heraus bestehe zwischen Seefeld und Herrsching eine sehr gute Kooperation. „Es ist sinnvoll, wenn der Landkreis hier das Zepter in der Hand behält“, findet Weiler.

Im Kaufpreis enthalten ist das gesamte Klinikgelände in Herrsching, das sind rund 15 700 Quadratmeter im Eck zwischen See-, Summer und Dillizerstraße in der Nähe des Seeufers. 126 Betten stehen in der Klinik, davon sind 16 teilstationär und dienen der Dialysebehandlung – aber keine Operationsmöglichkeiten. 20 Ärzte der verschiedensten Fachrichtungen, von Onkologie über Diabetologie, Kardiologie bis zur Herzchirurgie sind an der Klinik niedergelassen, es gibt 250 Mitarbeiter. Sie behandeln mehr als 5000 Akutpatienten jährlich bei einer Belegung von fast 80 Prozent und einer durchschnittlichen Verweildauer von unter sechs Tagen. Zur Klinik in Herrsching gehört auch ein Medizinisches Versorgungszentrum für Molekulardiagnostik in München (MVZ), das mit seiner Zweigpraxis in der Klinik in Herrsching eine Tumorrisikosprechstunde und genetische Analysen anbietet.

Dass das Geschäft zustande kommt, dafür hat auch Robert Schindlbeck gesorgt. Er ist seit 1994 Geschäftsführer der Schindlbeck-Klinik, die 1946 von seinem Vater Dr. Robert Schindlbeck in einer 1918 gebauten Villa am Seeufer gegründet worden war. Sein Bruder Ulrich war in der Gemeinschaftspraxis tätig und mit Robert jun. zusammen Gesellschafter. Als Ulrich Schindlbeck 2012 überraschend verstarb, musste Robert Schindlbeck eine Lösung für die Gesellschafterkonstellation finden. „Ich hatte damals große Angst, dass die Klinik wirtschaftlich nicht mehr aufrecht erhalten werden kann“, gesteht Schindlbeck. Umso glücklicher sei er gewesen, 2015 mit dem amerikanischen Konzern Myriad Genetics einen verlässlichen Geschäftspartner gefunden zu haben. „Sie haben sich nicht eingemischt. Wir konnten immer gut weiterarbeiten.“

Erste Gespräche gab es schon vor Jahren

Das Problem sei jedoch die deutsche Gesundheitspolitik. „Wir leben in einem System der Planwirtschaft, die durch die Krankenkassen bestimmt wird“, sagt Schindlbeck. Quasi über Nacht würden Gesetze geschrieben, die kleine Krankenhäuser in den Abgrund trieben. Die Amerikaner würden dies so nicht kennen und hätten den Druck durch Politik und Kassen vielleicht unterschätzt. „Ich habe das immer im Auge gehabt“, sagt Schindlbeck. Das Gesundheitsministerium habe versucht, Landkreis und Myriad zusammenzubringen. Gespräche habe es schon vor Jahren gebeben. „Da hat Myriad aber gar nicht gezogen.“ Erst zuletzt habe sich die Lösung herauskristallisiert.

Vater und Sohn: Robert Schindlbeck (l.) ist seit 1994 Geschäftsführer der von seinem Vater Robert gegründeten Klinik in Herrsching. Das Foto entstand 1995

Besonders froh ist Schindlbeck, dass das MVZ in München erhalten bleibt. „Myriad verpflichtet sich, im Bereich der Humangenetik weiter mit uns zusammenzuarbeiten. Und das ist sehr gut.“ Denn die personalisierte Medizin sei die Zukunft, sagt Schindlbeck, der es kritisach sieht, dass sich Gentests nicht durchsetzen. „Obwohl sie viele Vorteile bieten.“ Myriads Daten jedenfalls würden mittlerweile auf zwei Millionen Untersuchungen basieren. Auch in Zukunft würden die Ergebnisse der Gentests, die im MVZ durchgeführt werden, in den Staaten kontrolliert. „Myriad bleibt ja in Europa. Aber sie brauchen die Klinik nicht mehr.“

Für Mitarbeiter und Patienten werde sich in der Schindlbeck-Klinik nichts ändern. Ein Sprecher des Unternehmens Myriad bestätigte die Verkaufsabsicht, wollte sich aber zu dem Vorgang nicht näher äußern.

In den kommenden Wochen verhandeln die Anwälte die Details des Kaufvertrags. „Beide Parteien sind aber gebunden“, sagt Landrat Roth. Das einzige, was die Angelegenheit noch zum Scheitern bringen könne, wären rechtliche Hürden. „Aber die sehen wir gerade nicht.“

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