+
„Genießen“ heißt es im ehemaligen Tutzinger Schlecker. Norbert Himmel bietet dort seit 2012 Haushaltswaren an.

Prozessauftakt nach Drogeriemarkt-Insolvenz

Statt Schlecker Kochen, Kunst und Kunterbuntes

Fünf Jahre nach der Schlecker-Pleite muss sich die Unternehmerfamilie nun vor Gericht verantworten. Und was ist aus ehemaligen Drogeriefilialen im Landkreis Starnberg geworden?

Landkreis – An einem Freitag im Juni 2012 wurde vielerorts bekannt: Der örtliche Schlecker schließt. In Weßling kamen Kunden zu Filialleiterin Kathrin Weißmann, umarmten sie und weinten. Dort war der Schlecker-Markt der Mittelpunkt des Ortes. Dort wurde geratscht und gelacht. Fünf Jahre später muss sich die Inhaberfamilie Schlecker vor Gericht verantworten: Sie soll vor der Insolvenz Geld beiseite geschafft haben. Unterdessen ist in den ehemaligen Filialen im Landkreis neues Leben eingezogen, wie diese Beispiele zeigen.

In Weßling folgte auf Schlecker das LebensRaumParkett. Seit fast drei Jahren verkauft Parkettlegemeister Edgar Schöpf-Kuhlmann (53) auf 240 Quadratmeter Designböden, Laminate und Teppiche. Zuvor hatte er einen kleinen Fachhandel für Bodenbeläge in München geleitet. Schöpf-Kuhlmann sagt: „Es war die richtige Entscheidung, nach Weßling zu kommen. Wir sind hier sehr gut eingebunden, die Leute kennen uns.“

Kunst satt Babyöl und Shampoo

Der Anfang aber war schwer. Nach dem Schlecker-Aus lag der Laden an der Gautinger Straße eine Weile brach. „Das sah hier schrecklich aus“, erzählt Schöpf-Kuhlmann. Auch nach dem Einzug von LebensRaumParkett war nicht alles gut. Einige Weßlinger wünschten sich einen Drogeriemarkt als Schlecker-Nachfolge. „Heute sind die Leute aber froh“, hat er erfahren.

In Andechs folgte auf Shampoo und Babynahrung Kunst. Nachdem die Filiale 2012 aufgegeben wurde, machte eine Künstlerin aus den 112 Quadratmetern an der Herrschinger Straße 13 Arbeitsraum und Atelier. Vor ein paar Tagen ist sie allerdings ausgezogen. Hauseigentümer Karl Breiter (85) sagt über eine Nachfolge: „Noch ist nichts konzipiert.“

„Da hat die Gewerkschaft mit dran gedreht“

Früher einmal, von 1934 bis 1995, war das familieneigene Lebensmittelgeschäft in den Räumlichkeiten untergekommen. 1996 folgte Schlecker – bis zur Insolvenz. „Ich bin der Meinung, dass die Gewerkschaft da mit dran gedreht hatte“, sagt Breiter über das Schlecker-Scheitern. „Schlecker sollte mehr zahlen – das ging in die Hose.“

In Inning stand die ehemalige Schlecker-Filiale an der Pfarrgasse 1 monatelang leer. Dann kamen Physiotherapeut Michael Parockinger (34) und seine Frau Eva Kaiser (32). „Wir haben lange gezögert. Es war einfach keine warme und schöne Atmosphäre“, erinnert sich Eva Kaiser. Die Fliesen, die kleinen vergitterten Fenster und die alten Kassen mussten vom Vermieter erst umgebaut werden. „Jetzt sind wir sehr zufrieden.“ Mit dem Umzug von der Hauptstraße in die Pfarrgasse konnte die Praxis von 100 auf fast 200 Quadratmeter vergrößert werden.

Europaweiter Vertrieb von Handtaschen

Die ehemalige Berger Schlecker-Filiale an der Schatzgasse stand erst einmal ein halbes Jahr lang leer. Gerüchte machten die Runde: Werden die Räumlichkeiten verkauft? Gibt es eine Nutzungsänderung? Dann aber gab es eine Nachfolge: Miche Europe. Das Handtaschengeschäft Miche wurde 2005 in South Jordan im US-Bundesstaat Utah gegründet, den europaweiten Vertrieb bestreitet das Unternehmen von Berg aus. Miche bietet unter anderem Hüllen an, die über den Innenstoff von Taschen gezogen werden können.

Das Schlecker-Aus in Tutzing nutzte Norbert Himmel. Der Starnberger war mit seinem Haushaltswarengeschäft an der Starnberger Maximilianstraße beheimatet. Im Februar 2013 zog er in die ehemalige Schlecker-Filiale an der Hauptstraße in Tutzing und verkauft seitdem dort alles rund ums Kochen. „Der Umzug war eine strategische Entscheidung“, erläutert Himmel. „Im Sommer ist in Tutzing viel mehr Durchgangsverkehr, und die Kosten sind wesentlich niedriger.“ Vor fast 70 Jahren hatten sein Vater Engelbert und sein Onkel Erich Himmel das Familienunternehmen als reinen Eisenwarenhandel gegründet. Damals noch auf 15 Quadratmeter in einer Garage an der Max-Emanuel-Straße in Starnberg – heute sind es 300 Quadratmeter in der ehemaligen Schlecker-Filiale.

Ein Spielplatz wie aus dem Bilderbuch

In Gauting entwickelte sich aus dem Drogeriemarkt am August-Hörmann-Platz etwas Kunterbuntes. Bällebad, Klettergerüst und Boulderwände: Die Praxis für Ergotherapie und Logopädie der Gautingerin Claudia Portugal (37) ähnelt einem Spielplatz aus dem Bilderbuch. Portugal und ihr zehnköpfiges Team helfen Kindern und Erwachsenen, die Schwierigkeiten in der Bewegung und beim Sprechen haben. Die Praxis wurde Anfang 2012 gegründet. Als Monate später der Schlecker nebenan schloss, durchbrach man die Wand und machte aus dem Drogeriemarkt einen Teil der 400 Quadratmeter großen Praxis.

Aus den Filialen entstanden neue Geschäfte – was geschah mit den Mitarbeitern? Etwa 20 wurden im Landkreis mit der Schlecker-Insolvenz vor fünf Jahren arbeitslos. Dirk Dieber, Leiter der Starnberger Arbeitsagentur: „Etwa drei Viertel von ihnen fanden nach drei, vier Monaten wieder einen Job.“ Er erinnert sich: „Natürlich war das damals emotional.“

Lena Grögor, Carlos Pohle und Sebastian Raviol

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kleben für die Demokratie
Der Wahlkampf nimmt Fahrt auf, und einige negative Randerscheinung auch: Plakatvandalismus, unter dem wohl alle Parteien leiden. Wie sind überhaupt die Regeln fürs …
Kleben für die Demokratie
Auf Hausbesitzer warten knifflige Versicherungsfragen
Was mache ich, wenn mein Baum auf Haus und Garten eines Nachbarn stürzt? Mancher Hausbesitzer hat erst nach dem Gewittersturm Anfang August bemerkt, dass er …
Auf Hausbesitzer warten knifflige Versicherungsfragen
Elektroautos zum Teilen
Ein Fahrzeug, mehrere Nutzer: Solche Carsharing-Modelle fallen mehr und mehr im Landkreis Starnberg auf. Und zwar mit Elektroautos - mal für bestimmte Kreise, mal für …
Elektroautos zum Teilen
Warum Bauern aufgeben
Warum geben Landwirte ihre Höfe auf? Es gibt viele Gründe, sagt der Obmann des Bauernverbandes. Ein naheliegender ist es eher nicht.
Warum Bauern aufgeben

Kommentare