Soziales

Gemeinden fürchten Obdachlosen-Welle

Droht den Gemeinden ein Notstand bei der Unterbringung von Obdachlosen? Die Zahlen steigen, nicht zuletzt durch anerkannte Asylbewerber, die keine Wohnung finden. Der Kreis hält das Thema für „brennend“ und steuert dagegen.

Landkreis– In einigen Gemeinden verschärft sich die Situation bei der Unterbringung von Obdachlosen. Ende Januar hatte Herrschings Bürgermeister Christian Schiller einen Brandbrief an Landrat und Gemeinden verschickt. Hintergrund war auch, dass wegen des Wohnungsmangels und der durch anerkannte Flüchtlinge hohen Zahl an Wohnungssuchenden die Kapazitäten schnell erschöpft sind. Gemeinden müssen Obdachlose unterbringen, egal, wo diese vorher gelebt haben. Mehrere andere Gemeinden, etwa Seefeld, haben ebenfalls Probleme. In einer Dienstbesprechung vor wenigen Tagen forderten alle Bürgermeister, eine seit 2015 beschlossene Beratungsstelle endlich auch einzurichten.

Caritas fand keinen geeigneten Mitarbeiter

Der erste Anlauf für die war schief gegangen: Auch mehr als zwei Jahre nach einem Beschluss, für den Landkreis eine „Beratungsstelle zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit“ einzurichten, gibt es die nicht. Ursprünglich sollte die Caritas die Stelle aufbauen, besetzt mit einer Halbtagskraft. Die Caritas jedoch fand keinen geeigneten Mitarbeiter – und deswegen stockt der Kreis nun das Budget auf, bewilligt eine Vollzeitstelle und sucht einen neuen Träger. Davon wusste Max Gerl, Geschäftsführer der Caritas, am Donnerstag allerdings noch nichts. Man wolle die Stelle weiter übernehmen, zumal die Caritas für Gilching eine ähnliche Beratungsleistung erbringt. Für Gilching gibt es eine solche Beratungsmöglichkeit ebenso wie für Krailling (in Kooperation mit Planegg).

Die SPD im Kreistag hatte sich für diese Beratungsstelle, die wohl besser „Beratungsstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit“ hieße, Anregungen im Landkreis München geholt. Im Nachbarkreis sei die Arbeiterwohlfahrt schon seit zehn Jahren auf diesem Gebiet tätig, erklärte Tim Weidner (SPD) bei der jüngsten Sozialausschusssitzung, und habe in dieser Zeit bei rund 20 000 Beratungen in etwa 70 Prozent der Fälle die Obdachlosigkeit und allein im Jahr 2016 exakt 98 Zwangsräumungen vermieden. Das spare Geld, denn die öffentliche Hand muss bei Obdachlosigkeit einspringen. Im Landkreis München waren es Weidner zufolge rund 2,5 Millionen Euro.

„Obdachlosigkeit wird im ganzen Landkreis ein Problem“

Die Bürgermeister erhoffen sich von einer solchen Beratungsstelle eine höhere Qualität bei der Lösungssuche, denn derzeit „macht das einer mit“, wie Kreisrätin und Andechs’ Bürgermeisterin Anna Neppel (Freie Wähler) sagte. Herrschings Bürgermeister Schiller fordert neben der Beratungsstelle eine Möglichkeit, obdachlose Asylbewerber wieder in den Sammelunterkünften (Containern) der Regierung von Oberbayern wohnen zu lassen.

Ob das realistische Chancen hat, bleibt weiteren Gesprächen überlassen. Über die Neuordnung der Beratungsstelle wird der Kreistag im Mai beraten.

Schillers Brandbrief können andere Bürgermeister im Fünfseenland nachvollziehen. „Obdachlosigkeit wird im ganzen Landkreis ein Problem“, sagt Bergs Rathauschef Rupert Monn, in dessen Gemeinde derzeit rund zehn wohnungslose Menschen untergebracht sind. „Die Obdachlosenunterkünfte sind voll, und Wohnungen stehen nicht zur Verfügung“, sagt Monn. In Herrsching gibt es nach Angaben von Julia Schmidbauer, Abteilungsleiterin Soziales im Rathaus, derzeit fünf Obdachlose, 36 weitere Personen seien davon bedroht. In Gauting sind es aktuell zwölf Personen, in Starnberg 26 – davon sind 18 in städtischen Wohnungen und acht in der Containeranlage an der Petersbrunner Straße untergebracht, in der insgesamt 16 Plätze zur Verfügung stehen.

Die Gemeinde Gilching, die mit der Caritas zusammenarbeitet, zählt 13 Obdachlose. „Die Problematik wird sich verschärfen“, ist Bürgermeister Manfred Walter überzeugt. Und das habe nicht ausschließlich mit Flüchtlingen zu tun. „Es ziehen immer mehr Menschen in den Großraum München, damit wird auch die Zahl der Obdachlosen steigen.“ Die Kapazitäten in Gilching seien aber erschöpft. Sobald in der Anlage an der Weßlinger Straße kein Platz mehr sei, miete die Gemeinden Zimmer in Pensionen an, zumeist in Fürstenfeldbruck.
ike/ps/grä/cia/ser

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